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Aus: Fankultur, Beilage der jW vom 27.07.2022
Fankulturbeilage

Ultras und Firms in Stockholm

Traditionelle Rivalitäten: Aktive Fans der Klubs in Schwedens Hauptstadt stecken Reviere ab
Von Gabriel Kuhn, Stockholm
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Hans-Zoschke-Stadion: Teilweise überdacht, das Kassengebäude der Heimstätte von Regionalligist SV Lichtenberg 47 (Berlin, 20.7.2022)

In Schwedens Hauptstadt Stockholm gibt es im Fußball drei große Traditionsklubs: AIK, Djurgårdens IF und Hammarby IF. Sie trennt vieles, geographisch, soziokulturell.

Hammarby ist im Süden der Stadt beheimatet, auf der Insel Södermalm, dem einstigen Arbeiterviertel der Stadt, das das Bürgertum bis in die 1990er Jahre vermied. Hammarby IF pflegt immer noch gerne das Image des Arbeitervereins, auch wenn Södermalm mittlerweile zur Gänze gentrifiziert und Heimat der Medien- und Kulturelite Schwedens ist. Die Immobilienpreise gehören zu den höchsten des Landes. Kein Wunder, dass die Ultras von Degerfors IF, dem linken Kultklub aus der Stahlstadt im entlegenen Jämtland, zu einem Spiel bei Hammarby vor wenigen Jahren ein Transparent mit der Aufschrift »Hallo Latte-Macchiato-Trinker, hier kommt die Arbeiterklasse!« mitbrachten. Seit 2019 ist Zlatan Ibrahimovic Teileigentümer Hammarbys, was Malmö-FF-Anhänger dazu bewegte, eine erst kurz zuvor eingeweihte Zlatan-Statue in Malmö zu zerstören.

Djurgårdens IF ist im bürgerlichen Zentrum Stockholms zu Hause. Auf der Insel Djurgården finden sich zahlreiche Museen, Yachtklubs und der Vergnügungspark Gröna Lund. Dass sich die Hooligan-Firm des Klubs Fina Grabbar, »Feine Jungs«, nennt, ist kein Zufall.

AIK liegt im Norden der Stadt, genau genommen sogar außerhalb, in der angrenzenden Kommune Solna. Was das demographische Profil des Klubs betrifft, liegt dieses irgendwo zwischen dem Arbeiterklassenflair Hammarbys und der noblen Aura Djurgårdens. AIK gewann in den vergangenen 20 Jahren immer mehr Anhänger in den migrantischen Vierteln Nordstockholms, da einige Jugendliche von dort über AIK zu lukrativen Profikarrieren kamen, darunter Martin Mutumba, Alexander Milosevic und Alexander Isak.

Brüchige Trennlinien

Die gängigen Kategorisierungen dienen immer noch zur groben Orientierung, doch die Trennlinien sind brüchig. Auch in Arbeiterfamilien finden sich Djurgården-Fans, während erfolgreiche Startups gerne den Hammarby-Wimpel ins Schaufenster hängen. Wenig zu rütteln gibt es jedoch an der geographischen Einteilung. Im Norden der Stadt trifft man genauso selten auf einen Hammarby-Schal wie im Süden Stockholms auf ein AIK-Shirt.

Angespannt wurde die Lage 2012/13, als alle drei Vereine in neue Heimstätten zogen. Im Norden wurde das langjährige schwedische Nationalstadion in Råsunda abgerissen, in dem auch AIK seine Heimspiele austrug. Der Verein zog in die neue Friends-Arena nebenan, die eher an ein Einkaufszentrum als ein Fußballstadion erinnert. Das gleiche gilt für die Tele-2-Arena, die im Süden das legendäre Söderstadion als Heimstätte Hammarbys ersetzte. Doch nicht nur Hammarby sollte von nun an dort spielen. Djurgården musste zeitgleich aus dem alten Olympiastadion in der Innenstadt ausziehen, und als der Bau eines eigenen Stadions im Zentrum scheiterte, mietete sich der Verein ebenfalls in der Tele-2-Arena ein. Hammarby-Fans drohten damit, Spiele Djurgårdens dort zu verhindern, und Aufkleber mit Maschinengewehren und der Aufschrift »Defend Söderort« zierten die Viertel rund um das Stadion. Doch die Heimspiele Djurgårdens wurden durchgesetzt und finden dort bis heute statt.

Martialische Begrifflichkeit und Symbolik ist unter Stockholmer Fußballanhängern Gewohnheit. In den Schmähgesängen, die man sich gegenseitig an den Kopf wirft, wimmelt es von Todesdrohungen und Gewaltphantasien. Auch die Ankündigung »Wir werden eure Huren vergewaltigen« gibt es immer noch zu hören. Es wird in Schweden viel darüber diskutiert, warum in einer Gesellschaft, die sich als friedliebend versteht und allgemein als konfliktscheu wahrgenommen wird, das Gewaltpotential unter Fußballfans relativ hoch ist. Manche sehen darin freilich einen Zusammenhang: Der Fußball erlaube es jungen Männern, Aspekte ihrer Persönlichkeit auszuleben, für die es ansonsten wenig Platz gibt.

Handfeste Konflikte

Es bleibt nicht bei Gewaltphantasien alleine. Prügeleien zwischen Fangruppierungen gehören zum Alltag, manchmal auch mit Todesfolge. Djurgården-Anhänger trauerten 2014 um einen vierfachen Familienvater, der bei einer Auseinandersetzung vor einem Spiel in Helsingborg ums Leben kam. Jedes Stockholmer Derby gilt als Hochrisikospiel. Seit langem fordern zivilgesellschaftliche und politische Kräfte, dass die Vereine die Sicherheitskosten selbst tragen sollten, da diese der öffentlichen Hand nicht länger zuzumuten seien.

Die Aufmerksamkeit richtet sich vor allem auf die Hooligan-Firms der Klubs. Von den »Feinen Jungs« Djurgårdens war schon die Rede. Bei AIK gibt es die »Firman Boys«, bei Hammarby die »Kompisgänget Bajen« (kompis bedeutet »Freund«, »Bajen« ist ein Spitzname für den Verein). Alle drei Stockholmer Klubs haben Ultragruppierungen, die von den Firms abzugrenzen sind. Gruppen wie Ultras Nord (AIK), Ultra Caos (Djurgården) und Hammarby Ultras entstanden in den 1990er und frühen 2000er Jahren; sie sind für die Tifos und die – in der Regel illegale, doch ständig präsente – Pyrotechnik verantwortlich. Dazu kommen die offiziellen Fanklubs, die eng an den Verein gebunden sind: die »Black Army« bei AIK, die »Eisenöfen« (Järnkaminerna) bei Djurgården und die »Bajen Fans« bei Hammarby.

Polizei und Medien versuchen seit langem, den persönlichen Verbindungen zwischen Hooligan-Firms, Ultragruppen und Fanklubs auf den Grund zu gehen. Dies jedoch mit mäßigem Erfolg. Die in gewalttätige Auseinandersetzungen involvierten Anhänger sind wenig gesprächsbereit. Auch die schwersten Verletzungen werden nicht angezeigt, es herrscht der Ehrenkodex. Ähnlich verhält es sich mit den immer wieder suggerierten Verbindungen der Hooligan-Firms zu Motorradgangs und ultrarechten Organisationen. Es gibt viele Spekulationen, gewisse Indizien, aber wenige Belege. Wer den Weg von den Hells Angel zum angesehenen Vorstandsmitglied zurückgelegt, wie Johan Segui bei AIK, gibt sich als geläutert.

Einheit der »Klubfamilien«

Eine oberflächliche politische Einteilung der Stockholmer Fankultur folgt dem demographischen Rahmen: Linke tendieren zu Hammarby, Konservative zu Djurgården und eine breite Mischung zu AIK. Doch auch das stimmt nur so irgendwie. Der langjährige Vorsitzende der Linkspartei, Lars Ohly, ist genauso Djurgården-Fan wie Mitglieder von Antifagruppen. Gleichzeitig tummeln sich auch unter Hammarby-Fans Ultrarechte. Praktisch allen schwedischen Vereinen gemein, auch denen Stockholms, ist eine Fanszene, die sich extrem unpolitisch gibt. Politik sei vom Fußball zu trennen, nur so ließe sich die Einheit der »Klubfamilie« bewahren, die über alles zu stellen ist. So werden auch bei Hammarby scheinbar harmlose Fanaktionen unterbunden. Als vor wenigen Jahren Frauen in der Kurve bei sexistischen Gesängen rote Karten zeigen wollten, sagten sie die Aktion kurzfristig ab – sie sahen ihre Sicherheit nicht gewährleistet. Ein »Refugees Welcome«-Banner führte zu einem Handgemenge und überlebte nur wenige Sekunden. Dass sich Degerfors-IF-Anhänger besonders über Hammarby-Fans gerne lustig machen, überrascht in diesem Zusammenhang nicht. Degerfors ist der einzige Verein im schwedischen Profifußball, in dem linke Fangruppierungen ihren selbstverständlichen Platz haben.

Inwieweit der Versuch, die »Klubfamilien« zusammenzuhalten, zum Publikumsandrang in Stockholm beiträgt, ist unklar. Tatsache ist, dass so gut wie jedes Stockholmer Derby vor rund 30.000 Zuschauern stattfindet, während die Allsvenskan, die erste schwedische Liga, allgemein einen Zuschauerschnitt von weniger als 10.000 hat. Auch in Malmö und Göteborg, wo die historisch weit erfolgreicheren Fußballvereine beheimatet sind, werden die Stockholmer Besucherzahlen nicht erreicht. Die Fußballkultur in der Hauptstadt ist also am Leben, auch wenn sie nicht allen gefällt.

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