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Aus: Wein, Beilage der jW vom 25.05.2022
Reportage

»Schmecken muss er«

An der Nahe rund um Bad Kreuznach entstehen nicht nur gute Weine. Eine Reise ins Herz der alten Bundesrepublik
Von Ronald Weber
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Der italienische Sänger und Schauspieler Adriano Celentano in einem Restaurant in Hamburg (1982)

Natürlich dürften wir gern vorbeikommen, schreibt Ute Schweinhardt. Schon ihre Eltern hätten die junge Welt gelesen, da sei sie neugierig. – Und wir erst. Denn natürlich fragen wir uns, wie man bitte schön in den 80er Jahren in Langenlonsheim mitten in Rheinland-Pfalz die Tageszeitung der Freien Deutschen Jugend zu lesen bekam. Die Antwort ist einfach: Ute Schweinhardt kommt aus Chemnitz und floh wie viele andere nach der »Wende« vor den »blühenden Landschaften« in den Westen, wo sie den Winzersohn Axel kennenlernte. Mit ihm gemeinsam betreibt sie seit 2008 das traditionsreiche Weingut Bürgermeister Schweinhardt.

Langenlonsheim ist ein wachsender Ort. Verkehrsgünstig gelegen siedeln sich hier seit geraumer Zeit immer mehr Pendler aus dem Mainzer und Frankfurter Raum an, wo die Preise längst unerschwinglich geworden sind. Aber trotz der neuen Einfamilienhäuser sieht man der Gemeinde sofort an, dass es hier vor allem um eins geht, nämlich Wein. Mehr als ein Dutzend Familienbetriebe befinden sich rechts und links der Hauptstraße. Die Weinberge liegen im Westen. An nach Süden ausgerichteten Hängen stehen die Reben auf sehr unterschiedlichen Böden. »Die Bodenvielfalt macht die Weine an der Nahe so besonders«, erklärt Ute Schweinhardt, die uns durch den Weinberg führt. Auf kleinstem Raum wechseln sich hier vulkanische Gesteinsschichten mit Sandstein, Löss und Lehm ab. Hinzu kommt Muschelkalk, ein Überbleibsel des Saar-Nahe-Beckens, eines Teils des Urmeeres, das vor mehr als 300 Millionen Jahren das Land bedeckte. In der schick zurechtgemachten Probierstube liegen zur Veranschaulichung der Böden drei große Gesteinsbrocken auf dem Tisch. Wir probieren den Riesling vom Muschelriff aus der Lage Königsschild und bewundern die Millionen Jahre alten Muscheln, die sich im Stein abgesetzt haben.

Der Jahrgang 2021 war für die deutschen Winzer eine Herausforderung. Der regenreiche und feuchte Sommer führte zu Pilzbefall. Aber der warme September gab den Trauben noch einmal Kraft. Und das schmeckt man auch. Der frisch abgefüllte Riesling präsentiert sich mineralisch mit angenehmer Säure. Erstaunlich dass ein junger Riesling so wenig kantig daherkommt. Auch die anderen Erzeugnisse des Jahrgangs 2021 munden uns vorzüglich, besonders der Weißburgunder vom Löhrer Berg mit seiner betonten Säure. Wir sitzen und trinken. Ute Schweinhardt erzählt von Karl-Marx-Stadt und wie es damals war, als sie in den Westen kam. Marx, ach ja, eigentlich wollen wir ja noch zum gleichnamigen Weingut im benachbarten Windesheim, wo zum 200. Geburtstag des revolutionären Philosophen vor vier Jahren unter dem Motto »Marx is’ Muss« eigens ein Grau- und ein Spätburgunder abgefüllt wurden. Aber dafür ist jetzt keine Zeit mehr.

Marxens Hochzeit

Der Weg zurück nach Bad Kreuznach, wo wir Unterkunft gefunden haben, führt vorbei am »Feld des Jammers«, einer Gedenkstätte, die an ein US-amerikanisches Kriegsgefangenenlager für Wehrmachtssoldaten erinnert – ein Pilgerort der ex­tremen Rechten, die hier regelmäßig den Holocaust relativiert. Aber von Revisionisten und anderen Nazis ist an diesem lauen Frühsommerabend zum Glück weit und breit nichts zu sehen.

Ob wir denn wüssten, dass Jenny von Westphalen und der »Nischel« sich in Bad Kreuznach das Jawort gegeben haben, hat Ute Schweinhardt noch zum Abschied gefragt. Wussten wir. Aber nicht, dass das berühmte Paar ganz in der Nähe unserer Unterkunft am Eiermarkt geheiratet hat. Jenny wohnte mit ihrer Familie seit September 1842 in Kreuznach im nicht mehr existierenden »Hotel zur Sonne«, heute Hochstraße 65, und Marx, in Köln als Redakteur der kurz darauf verbotenen Rheinischen Zeitung tätig, kam regelmäßig in die schon damals für ihre Salinen berühmte Stadt, wo er sich staatsrechtlicher und historiographischer Lektüre widmete und die »Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie« verfasste. Die standesamtliche Trauung fand am 19. Juni 1843 im nahegelegenen Stadthaus statt. Ein Denkmal oder zumindest eine Tafel erinnert nicht daran.

Dafür steht um die Ecke mitten auf dem Eiermarkt die Statue des getreuen Untertanen Michel Mort. Einer Sage zufolge soll er 1279 in der Schlacht bei Sprendlingen seinem Grafen Johann I. von Sponheim im Kampf gegen den Erzbischof von Mainz zur Hilfe gekommen sein und dessen Leben gerettet haben. Der Erzbischof war seinerzeit nicht irgendwer, sondern als Reichsfürst einer der mächtigsten Männer in deutschen Landen. Der Reformator Kaspar Hedio berichtet in seiner »Weltchronik«, Mort sei »herrlich gestorben«. Das 1901 mit freundlicher Unterstützung Kaiser Wilhelms II. errichtete Denkmal hätte Marx angesichts von Morts Nibelungentreue wohl wenig zugesagt, der Kampf gegen den Erzbischof schon eher.

Rund um den Eiermarkt breiten sich enge Gassen aus, die am Morgen still und verschlafen liegen. Die Restaurants und Bars sind geschlossen. Auch die »Spaßkneipe« »Halli Galli«, in die wir uns am Vorabend nicht hineingetraut haben; es gibt Sorten von »Spaß«, die man meiden sollte. Eine Brücke führt über Nahe und Mühlenteich auf den Historischen Kornmarkt. Normalerweise fotografieren Touristen hier die Wahrzeichen der Stadt: vier im 15. Jahrhundert auf den Pfeilern der Alten Nahebrücke errichtete Häuser, die sich nach oben verbreitern. Aber jetzt ist Ruhe. Keine Menschenseele zu sehen.

Erst wenn man flussaufwärts läuft, vorbei an Kurhotel und Bismarck-Denkmal, füllt es sich. Das Kurpublikum strebt zu den Salinen. Sechs Gradierwerke stehen zwischen Bad Kreuznach und dem weiter südlich gelegenen Bad Münster am Stein und verbreiten salzhaltige Luft. Das Verfahren zur Salzgewinnung stammt aus dem 16. Jahrhundert: Ein Holzgerüst wird mit Reisigbündeln verfüllt, beim Durchleiten der aus der Tiefe hochgepumpten Sole verdunstet Wasser, während sich Verunreinigungen wie Kalk oder Gips an den Dornen absetzen. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts erkannte der Arzt Johann Erhard Prieger die Heilkraft der Solequellen und errichtete das erste Badehaus. Knapp 100 Jahre später wurde das durch Hunsrück und Nordpfalz vor Regenwolken abgeschirmte und für seine milden Temperaturen bekannte Kreuznach Bäderstadt. Seitdem tummeln sich die Rekonvaleszenten zwischen den Gradierwerken.

Bäderhaus und Kurhotel

Die Rheuma- und Rehapatienten, all die physisch und psychisch Lädierten, deren Arbeitskraft zur weiteren geregelten kapitalistischen Ausbeutung wiederhergestellt werden soll, bilden das wirtschaftliche Rückgrat Bad Kreuznachs. Aber die Stadt ist zugleich auch ein Industriestandort. Der französische Reifenhersteller Michelin, mit mehr als 1.400 Arbeiterinnen und Arbeitern eine der größten Firmen der Region, produziert hier seit 1966. Es gibt Maschinenbauunternehmen und Zulieferer für die Autoindustrie.

Dass Bad Kreuznach auch eine Arbeiterstadt ist, in der, aber das nur nebenbei, die KPD in den späten 1920er Jahren unter der Führung von Hugo Salzmann einst Rekordergebnisse einfuhr (Erich Hackl hat über ihn und das Schicksal seiner Familie nach 1933 ein wunderbares Buch geschrieben), fällt zwischen Bäderhaus und Kurhotel kaum auf. Das 1913 eröffnete imposante Jugendstilhotel lässt an Adel und Großbürgertum denken. 1917 koordinierte von hier aus für ein Jahr die Oberste Heeresleitung den Krieg. Auch Wilhelm II. hatte sich in Bad Kreuznach einquartiert. Erst das verheerende Hochwasser vom 16. Januar 1918, das die Nahe wie im vergangenen Jahr die Ahr in einen alles mit sich reißenden Sturzbach verwandelte, vertrieb die epaulettierten Mörder und ihren Kaiser.

Am Ende des Kurparks verändert sich die Landschaft. Rechts und links des Flusses erheben sich die Felsen, und erste Weinberge tauchen auf. Vorbei am Rotenfels, einem Berg, dessen auffällig rote Südwestwand steil zur Nahe abfällt, fahren wir über Northeim nach Niederhausen, wo der Fluss breit aufgestaut daliegt. Es geht gen Mittag. Zum Baden ist es aber noch zu kalt, und so flüchten wir uns vor der Sonne unter die Schirme des Weinguts Gabelmann, wo heute die ersten Weine des Jahrgangs 2021 präsentiert werden.

Sebastian Gabelmann, dessen Vater als Kellermeister in verschiedenen großen Weingütern gearbeitet hat, wollte eigentlich nur an Autos herumschrauben, bis er sich doch entschloss, Winzer zu werden. Gabelmann zählt zu den aufstrebenden Jungwinzern an der Nahe, der über einige der für ihre Qualität bekannten Lagen verfügt. Probieren lassen sich an diesem späten Vormittag allerdings nur die Gutsweine, gemäß der Klassifikation des Verbands deutscher Prädikatsweingüter (VdP) der Basiswein, auf den die Orts- und schließlich die Lagenweine folgen. Alle anderen Weine befinden sich noch im Stahltank, dem Winzer fehlen die Flaschen. Der Flaschenmangel ist seit Jahren ein Problem nicht nur der Weinbranche, weshalb viele Betriebe bereits für Monate im Voraus bestellen, was die Bestände zusätzlich verknappt. Hinzu kommen enorm angestiegene Energiepreise. In den vergangenen Jahren kostete die Flasche zwischen 20 und 28 Cent, sagt Gabelmann. Mittlerweile sind Preise weit über 30 Cent üblich. Wir probieren den Gutsriesling und einen bereits abgefüllten Weißburgunder aus der Kategorie der Ortsweine. Beide sind noch sehr frisch und präsentieren sich recht spitz mit deutlichem Anklang von Zitrusfrüchten und Quitte, was den Kollegen zu dem Kalauer »quittig-sprittig« animiert. Außerordentlich mundet uns die Beerenauslese von der Niederhausener Klamm, die uns der Winzer zum Schluss kredenzt.

Von Villabajo nach Villariba

Von Niederhausen geht es weiter mit dem Rad nach Oberhausen. Gewissermaßen von Villabajo nach Villarriba. Hoch über dem Dorf auf der anderen Seite des Flusses liegt das VdP-Weingut Gut Hermannsberg. Ursprünglich preußische Weinbaudomäne, deren Rieslinge im frühen 20. Jahrhundert den internationalen Ruf der Nahe als Weinanbaugebiet begründeten, wurde das staatliche Weingut 1998 für 7,5 Millionen Mark privatisiert. 2009 ging das Prestigeobjekt an den ehemaligen Vorsitzenden des Finanzinvestors BC Partners, Jens Reidel, und dessen Ehefrau Christine Dinse, über den Kaufpreis, der um ein Vielfaches höher als der 1998 gezahlte Betrag gelegen haben dürfte, wurde in der Öffentlichkeit nichts bekannt. Reidel, 2005 von Franz Müntefering, der als Partei- und Fraktionsvorsitzender der SPD maßgeblich an der Durchsetzung von Hartz IV beteiligt war, in bester populistischer Manier als »Heuschrecke« bezeichnet, verpasste dem Gut einen neuen Namen, ließ das herrschaftliche Anwesen umfassend renovieren und ein exklusives Hotel angliedern. Gut Hermannsberg, das über den Weinberg gleichen Namens im Alleinbesitz sowie sechs weitere Spitzenlagen verfügt, zählt seitdem wieder zu den international renommierten deutschen Weingütern. Natürlich hat das alles seinen Preis, wie ein Blick in die Karte des hauseigenen Restaurants zeigt. Die Gäste sind dementsprechend: Düsseldorfer Schickeria-Jugend und ältliche reiche Damen, die auf der Terrasse mit weitem Blick in die Landschaft das Wochenende verbummeln.

Und die Weine? Der unter dem Namen »Just Riesling« vermarktete Gutswein kommt mit seiner deutlich apfeligen Note noch zu frisch daher, und auch der aus allen Lagen cuvetierte »7 Terroirs« entfaltet sich gewiss erst mit der Zeit. Die »Selektion aus den Großen Lagen« – Kellermeister Karsten Peter vermengt offenbar gern verschiedene Rebensäfte im Garbehälter – zeigt sich demgegenüber deutlich abgestimmter und angenehm mineralisch, ist mit 24 Euro aber auch nicht gerade ein Schnäppchen.

Die weibliche Teenie-Hautevolee am Nebentisch juckt das nicht. Sie genießen den Wein und sprechen über Hochzeiten und Mode, worüber auch sonst? Die Zeiten sind so. Johannes Bückler, den berühmten Räuber, der zu Beginn des 19. Jahrhunderts auch an der Nahe seinen Geschäften nachging, müssen sie nicht mehr fürchten. Am Fuße des Weinguts, im Oberhausener Fährhaus unterhielt der »Schinderhannes« genannte Dieb eine Zeitlang seinen Stützpunkt. Am 21. November 1803 wurde er unter großem Andrang der Bevölkerung, es kamen an die 30.000 Zuschauer, in Mainz hingerichtet.

Auf dem Rückweg nach Bad Kreuznach machen wir noch einmal in Niederhausen Halt. Im Weingut Jakob Schneider, das seit Jahren durch sehr gute Rieslinge von sich reden macht, empfängt uns die 88jährige Seniorchefin Liesel Schneider. Die alte Dame ist ein Urgestein. Vor 63 Jahren, als sie nach Niederhausen kam, war das Weingut noch ein Mischbetrieb mit eigenen Kühen, Schweinen und Obstwiesen. Aber das ist lange her. Fast so lang wie der Tod ihres Mannes. Liesel Schneider muss überlegen, wann er gestorben ist. »Aber genug geredet, jetzt müsse wir was schaffe«, sagt sie und öffnet uns den Kühlschrank. »Greifen Sie zu, nur nicht so bescheiden.« Auf dem Tisch stehen die frisch abgefüllten Guts- und Lagenweine und der trockene Literriesling. Die Literflasche ist über die Jahre ein bisschen aus der Mode gekommen. Zu Unrecht. Der frisch abgefüllte Schneider-Riesling kann sich sehen lassen und es durchaus mit den Gutsweinen aufnehmen, die sich insgesamt durch eine feine Säure und eine angenehme Balance zwischen süß und salzig auszeichnen. Während wir probieren, erzählt uns Liesel Schneider von früher, von der Arbeit auf dem Hof, von der Familie und den Lagen, der berühmten Hermannshöhle und dem Rosenheck. »Der Wein muss sich selbst behaupten, der muss schmecke«, betont sie ein ums andere Mal. Und was soll man sagen: Er schmeckt.

Es ist spät geworden. Leicht betüddelt besteigen wir die Räder. Der Weg an der Nahe entlang führt uns an der Ebernburg vorbei, die wir schon am Morgen aus der Ferne bestaunt haben. Die Burg, einst im Lehnbesitz der Sickinger, erhielt durch den Humanisten Ulrich von Hutten den Beinamen »Herberge der Gerechtigkeit«, weil Franz von Sickingen Luther dort Schutz vor der Verfolgung durch die Kurie angeboten hatte. Im Juni 1522 war hier einer der ersten evangelischen Gottesdienste gefeiert worden. – Franz von Sickingen, war da nicht was? Aber ja doch: 1859 hatte Ferdinand Lassalle ein Drama über den Reichsritter veröffentlicht, in dem dieser Anführer des Pfälzischen Ritteraufstands das Beispiel des vorbildlichen Revolutionärs abgab. Marx und Engels hatten Lassalle dafür scharf kritisiert, hatte er doch Sickingen als Helden jenseits seiner Klasse, der historisch zum Untergang verdammten Ritterschaft, idealisiert.

Wie es sich mit Sickingen verhielt, warum an ihn und Hutten mit einem Denkmal, nicht aber an Marx erinnert wird – selbst in seiner Geburtsstadt Trier mussten erst die Chinesen kommen und eine Statue aufstellen –, und was das alles mit der Bundesrepublik, der alten und der neuen, zu tun hat, darüber reden wir an diesem Abend noch lange. Bei gutem Wein, versteht sich.

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