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Aus: Fankultur, Beilage der jW vom 07.04.2021
Beilage »Fankultur«

Im falschen Block

Dynamo Dresden: Anhänger besucht Heimspiele eine Saison lang im Gästeblock. Ein Band voller illustrer Textminiaturen über gegnerische Fankulturen
Von Oliver Rast
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Zieht die Rolläden immer donnerstags für den Außer-Haus-Verkauf hoch: Robo betreibt seit 2015 die Union-Fankneipe »Panenka« (Berlin-Friedrichshain, März 2021)

Ein bisschen undercover ist das schon: Heimspiele unter Anhängern des Gegners. Und das als »ein haarscharf am Fanatismus vorbeischrammender Dynamo-Fan«. Die Rede ist von Uwe Leuthold, so heißt der »Milieuforscher«. 17 spezielle Spielberichte aus der Zweitligasaison 2017/18 gingen kürzlich in den Druck, erschienen als Sammelbändchen. Der Titel des Selfmadeprintprodukts: »Auswärts alle asozial. Ein Jahr im Gästeblock des Dynamo-Stadions.«

Risikolos waren Leutholds Arenaausflüge in fremdes Terrain nicht. »Mehrfach«, so der Autor, »habe ich meine Familie vor den Kopf gestoßen, Beziehungskrisen ausgelöst, Verständnislosigkeit geerntet«. Bisweilen drohten Kumpel, sich abzuwenden oder erklärten den temporären Seitenwechsler für unzurechnungsfähig.

Warum nur? Leutholds Motiv ist hehr: »Ich wollte sehen und spüren, wie es in anderen Fanszenen zugeht.« Oder: Wie kommt das Stadionerlebnis bei der SG Dynamo Dresden (SGD) bei Gästefans an?

Offenbar war alles dabei. Von der Kreisligaatmosphäre mit – abgezählt – 40 Auswärtsfahrern aus Sandhausen »bis zu brechend vollen Blöcken gegen St. Pauli oder beim Derby gegen A**«. (Schreibweise im Original. Kurzerklärung: Für Dynamo-Fans ist der Ortsname der Regionalkonkurrenz aus Aue unaussprechbar.)

Apropos Artikulationsprobleme. Die Regiolekte der angereisten Fußballenthusiasten amüsierten Leuthold ab und an. Die Konversation mit ihnen – bairisch, fränkisch, pfälzisch, aber auch hessisch – habe er mühevoll »dechiffrieren« müssen, sagt er; also einer, der sich für gewöhnlich auf Sächsisch verständlich machen möchte.

Mit Halbwissen und Vorurteilen machte er in den »feindlichen Sektor« rüber, räumt der Fremdgänger ein. »Oft genug wurde ich überrascht.« Kann passieren, Vorstellung und Wirklichkeit klaffen mitunter auseinander. Selbst der dynamische ­K-Block, da, wo die aktive Fanszene steht, wirkt auf gegnerische Fans wohl weniger angsteinflößend als die eigene Mär besagt, schlussfolgert der Autor.

Peinlich genau checkte Leuthold Kleidung und Körper nach Dynamo-Accessoires ab, bevor er auf Kontaktsuche ging. Zum Auftakt kickte die SGD daheim gegen den MSV Duisburg. Ein Drittel des etwa 700köpfigen Anhangs von der Ruhr seien aktive Supporter gewesen, schätzt Leuthold. »Erstaunlich viele Kutten gibt es hier noch«, fällt ihm auf. Am 19. Spieltag gastierten die Paulianer aus Hamburg in Elbflorenz. Die Reisegruppe, so des Autors »optischer Eindruck«, war eine »Mischung aus Soziologie-/Philosophiehörsaal und Antifademo«. Frauen gaben den Takt vor und hauten auf die Pauke, erinnert sich Leuthold. Dennoch ging es »akustisch weitaus unpolitischer zu als gedacht«. Zwei Spieltage vor Saisonende war der Dynamo-Klandestine Zeuge der Aufstiegsfeier der Fortunen aus Düsseldorf. Der 3.000er-Mob sei komplett ausgeflippt, feierte ekstatisch. »Ich bin der einzige, der hier nicht hüpft und singt, fällt im Rausch aber niemandem auf.«

Und Leutholds Saisonbilanz? Angenehm, sympathisch, auch nur Menschen, so hat er die auswärtige Fanklientel wahrgenommen, und zumeist gar nicht »asozial«. Ihr einziger Fehler: »Sie haben ihre Herzen an die Falschen verloren.« Das behaupten indes alle über die anderen. Sei’s drum.

Nun, die junge Welt-Beilage »Fankultur« ist eine Art Pilotprojekt. Nicht mehr, nicht weniger. Es ist der Versuch, fanpolitische und -rechtliche Themen zu verstärken, bestenfalls mit anzuschieben. Parteiisch und, das geht, vereinsübergreifend. Idealerweise von und mit den Aktivistinnen und Aktivisten aus der Kurve samt Umfeld. Muss es noch gesagt werden? Vielleicht. Rückmeldungen sind sehr willkommen.

Zur Bebilderung dieser Beilage: Fankultur ist auch Kneipenkultur. Die Shutdowns bringen die Pinten an den Rand der Kollaps. Die jW-Fotoredaktion absolvierte im März einige Berliner Lokaltermine

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