Die jW-Serie »Wohnen im Haifischbecken«
Gegründet 1947 Sa. / So., 5. / 6. Dezember 2020, Nr. 285
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Die jW-Serie »Wohnen im Haifischbecken«
Aus: Literatur (Buchmesse Frankfurt am Main), Beilage der jW vom 14.10.2020
Belletristik

Kasperl mit der Hakennase

Thomas Hettches kunstvoller Roman »Herzfaden« über die Augsburger Puppenkiste handelt von der Macht der Verdrängung in der frühen Bundesrepublik
Von Carsten Otte
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Schon mit der Genrebezeichnung beginnt das Spiel mit dem Unwirklichen. Thomas Hettche bezeichnet »Herzfaden« als einen »Roman der Augsburger Puppenkiste«, und nach der Lektüre der ersten Seiten ahnen wir, dass es sich hierbei zumindest nur um die halbe Wahrheit handeln kann. Der gewiefte Autor lässt sein Buch im Backstage-Bereich beginnen, auf einer seltsamen Hinterbühne, in einer anderen Welt, in der die Marionetten nicht nur vom Geschick der Puppenspieler abhängen, sondern tatsächlich leben.

Ein kleines Mädchen betritt nach einer Theatervorstellung einen dunklen Ort, den sie mit der Taschenlampe ihres Smartphones nur schlecht auszuleuchten vermag. Sie findet eine schmale Wendeltreppe, die in den Dachboden führt, wo sie von klappernden Marionetten begrüßt wird. Auch eine schöne Frau im »altmodischen Damenkostüm aus creme-weißer, glänzender Seide« nimmt das Mädchen in Empfang, aber auch die rauchende Dame scheint kein gewöhnlicher Mensch zu sein. Sie heißt Hannelore, wird Hatü genannt und sagt von sich, sie sei schon lange tot.

Diese Einstiegsszene ist in roter Schrift gedruckt, und dann geht es weiter mit blauen Lettern, und wir befinden uns nicht länger im heutigen Dachboden­gruselland, sondern in der Gründungsphase der Augsburger Puppenkiste noch während des Zweiten Weltkrieges. In jener Epoche aber geht es noch viel schauriger zu. Hier ist Hatü ein kleines Mädchen und lernt in der Schule, was der Biologielehrer unter »Rassenschande« versteht. Hettche erzählt in einem zurückhaltenden Ton, als erklärte er die wahnwitzigen Verhältnisse einem Kind (der Tochter ist das Buch wohl gewidmet), und gerade dieser Blick, der das Unheimliche im vermeintlich Normalen herausstellt, verwandelt die Nazifiguren tatsächlich in Zombies, neben denen die lebendigen Marionetten, auch die zwiespältigen und düsteren Charaktere, immer als freundliche Erscheinungen wirken.

Auf der historischen Romanebene wird also von den ersten Jahren der Augsburger Puppenkiste berichtet, als Walter Oehmichen und seine Frau Rose 1943 ein kleines Marionettentheater aufbauten, eine kleine Bühne, die in einen Türrahmen gestellt werden konnte. Während eines Bombenangriffs auf Augsburg im Februar 1944 wurde dieser Puppenschrein allerdings weitgehend zerstört, nur die Figuren blieben erhalten, weil Oehmichen sie nach einer Vorstellung am Stadttheater mit nach Hause genommen hatte. Sein Glück war, dass er nach Kriegsende bald einen neuen Raum als ständigen Aufführungsort fand und sich über eine begeisterte Familie freuen durfte, die ihn tatkräftig unterstützte. Vor allem Hatü zeigte ihr Talent als Marionettenschnitzerin, und so konnte die Puppenkiste schon 1948 mit einer Vorstellung vom »Gestiefelten Kater« wiedereröffnen.

Das Publikum sehnte sich nach Ablenkung im harten Nachkriegsalltag, und die bunte Welt der Marionetten bot den Augsburgern die Möglichkeit, die Verbrechen der Vergangenheit zumindest für einen Theaterbesuch lang zu verdrängen. Im Publikum tauchen die alten Nazis wieder auf und die unterschiedlichsten, auch grauenhaft verlogene, Protagonisten des Kulturbetriebs der jungen Bundesrepublik, in dem die Puppenkiste eine zentrale Rolle spielt. Schon bald werden die Programme im Fernsehen übertragen, und die Augsburger gehen sogar auf Reisen.

Diese Erfolgsgeschichte liest sich bei Hettche wie das Drehbuch zu einem historischen Spielfilm, wobei der 1964 geborene Schriftsteller alles andere als ein Rührstück abliefert. Im Zentrum seines Romans stehen ästhetische Grundsatzfragen, die zudem noch graphisch aufgelöst sind, was das Buch, in dem zahlreiche Zeichnungen der Marionettenfiguren abgedruckt sind, zu einem Gesamtkunstwerk macht. Als Hatü ihren Vater fragt, warum der Theatervorhang in der Puppenkiste nicht rot sei, antwortet Walter Oehmichen: »Im Menschentheater schon, denn rot ist die Farbe unseres Blutes. Marionetten aber haben kein Blut. Ihr Theater hat die Farbe des Himmels.« Dass nun ausgerechnet die historische Erzählebene in blauer Schrift, der Auftritt der lebendigen Marionetten auf dem Dachboden in roter Farbe zu lesen ist, gehört zu den vielen Pointen dieses gelungenen Romans, in dem der Puppenspieler Oehmichen eine kleine Marionettenphilosophie entwickelt und damit den Titel »Herzfaden« erläutert: »Der wichtigste Faden einer Marionette. Nicht sie wird mit ihm geführt, sondern mit ihm führt sie uns. Der Herzfaden einer Marionette macht uns glauben, sie sei lebendig, denn er ist am Herzen der Zuschauer festgemacht.«

Der Herzfaden aber führt auch in die Finsternis. Denn eine zentrale Figur der Puppenkiste ist der Kasperl, den Hatü in Kindertagen geschnitzt hat und vor dem sich das Kind immer fürchtete. Später begreift sie, dass sie ihrer Figur eine »Hakennase und einen wulstigen, grinsenden Mund« verpasst hatte. Dass Hatü als Kind selbst zur Marionette der antisemitischen Propaganda wurde, hat sie ein Leben lang bedrückt. Sie erzählt von ihrem Kasperl-Trauma dem staunenden Kind mit dem I-Phone in der Hand, das wiederum nicht alles versteht, aber doch eine Ahnung bekommt vom Grauen, das im Leben und auf der Bühne gleichermaßen stattfinden kann. Die Geschichte vom Kasperl, der eine schlimme Karikatur war, verbindet die blaue und die rote Erzählebene und macht den fleißig recherchierten Roman auch zu einem klugen Aufklärungsstück.

Zeitweilig hat man den Eindruck, einen Klassiker zu lesen, einen Roman, den es seit Dekaden schon gibt, zumal Hettche auch Überlegungen zu Heinrich von Kleists essayistischer Erzählung »Über das Marionettentheater« anstellt. Darin geht es um die Frage, wie »natürliche Grazie« möglich sei. Kleist meint, wahre Anmut könne nur in völliger Abwesenheit von Bewusstsein wie bei einer Marionette oder immer dann erreicht werden, wenn die »Erkenntnis durch Unendliches« gegangen sei. Im Roman verleiht der literarische Puppenspieler Hettche seiner Hatü, in deren Leben sich die Widersprüche ihres Landes gespiegelt haben, erst im Reich der Toten einen düsteren Grazienschimmer. Mit »Herzfaden« hat Thomas Hettche ein wahrlich preiswürdiges Buch geschrieben.

Thomas Hettche: Herzfaden. Kiepenheuer und Witsch, Köln 2020, 280 Seiten, 24 Euro

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