Aus: Religion und Politik, Beilage der jW vom 12.09.2018

Beten und arbeiten

Über Sinn und Unsinn des Religiösen im Zeitalter der digitalen Revolution

Von Matthias István Köhler
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Kopfsprung ins Diesseits: Wie wirkt das Politische im Religiösen, wie das Religiöse im Politischen?

Das Religiöse ist Privatsache, das Politische eine Angelegenheit von Öffentlichkeit und Gesellschaft. Die europäische Aufklärung hatte der Religion die Zügel angelegt. Zwei Motive trieben die zeitgenössischen Denker gegen sie an, zum einen die Erfahrung konfessioneller Konflikte und zum anderen, wichtiger noch, der Wille, die Legitimation der aristokratischen Herrschaft zu zerstören und das Zusammenleben auf eine vernünftige und gerechte Grundlage zu stellen. Bis heute lebt die Trennung von Politik und Religion im bürgerlichen Denken fort.

Die Geschichte hat gezeigt, dass diese Kons­truktion sehr fragil ist – nicht nur in Zeiten wie den gegenwärtigen, in denen offen reaktionäre Kräfte auf dem Vormarsch sind und Religion immer wieder in den Dienst des politischen Kampfes gegen gesellschaftlichen Fortschritt gestellt wird.

Die digitale Revolution hat das gesellschaftliche Zusammenleben in den letzten 50 Jahren verändert, gleichzeitig heißt es, der technologische Fortschritt unterhöhle traditionelle Werte und erschüttere den Zusammenhalt beispielsweise in der Familie. Religion wird in diesem Zusammenhang als Anker gegen die Versuchungen der leichtlebigen, oberflächlichen modernen Zivilisation betrachtet. Die neuen Kommunikations- und Reisemöglichkeiten haben aber auch dazu geführt, dass wir in einem »globalen Dorf« leben, die Welt ist kleiner geworden. Viele der größeren oder kleinen Konflikte der letzten Jahre werden mit dem daraus resultierenden Aufeinandertreffen verschiedener, scheinbar nicht miteinander vereinbarer Lebensweisen erklärt.

Diese kulturalistische Deutung verdeckt jedoch einen grundlegenden Antagonismus. Was in der Diskussion um den technologischen Fortschritt meist unerwähnt bleibt, ist, dass gesellschaftliche Widersprüche wie jener zwischen Produktionsverhältnissen und -kräften sich nicht gelöst, sondern weiter verschärft haben. Beispielsweise hat die nie gesehene Produktivität nicht dazu geführt, dass der Mensch insgesamt weniger arbeiten müsste, der unerhörte Reichtum nicht dazu, dass nicht täglich Menschen verhungerten. Die Formen der Ausbeutung und der Unterwerfung haben sich gewandelt, aber die Herrschaft der toten Arbeit über die lebendige wird aufrechterhalten, wenn nötig mit Gewalt.

Der gesellschaftliche Fortschritt hat mit der Informationstechnik nicht mitgehalten, ganz im Gegenteil, ihr Potential wird unterdrückt und bekämpft, und selbst bisherige Errungenschaften politischer Emanzipation werden wieder rückgängig gemacht. Die umfassende Emanzipation des Menschen scheint weiter in die Ferne gerückt. Es wundert nicht, wenn viele die Vorstellung, erst im Jenseits könne das Leiden zu einem Ende kommen, überzeugend finden. Ein dementsprechendes Handeln hat schließlich auch nicht staatliche Repression zu fürchten – im Gegensatz zu jenem revolutionären, das auf gerechte Verhältnisse schon im Diesseits abzielt.

Die in dieser Beilage versammelten Beiträge gehen alle dem Verhältnis von Irdischem und Himmlischem nach. Sei es, indem sie rekonstruieren, wie politische Denker dieses Verhältnis verstanden, oder indem sie an konkreten Beispielen in der Gegenwart dem Wirken des Religiösen im Politischen oder andersherum dem Wirken des Politischen im Religiösen nachgehen. Eines wird insgesamt an den Beiträgen deutlich: So sehr Religion im Klassenkampf auch ein Instrument der Reaktion zur Stabilisierung krisenhafter kapitalistischer Verhältnisse ist, ihr universalistischer Kern birgt gleichzeitig auch Sprengstoff gegen diese.


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