Aus: Literatur, Beilage der jW vom 15.03.2018

Eine wiederkehrende Drohung

Jovana Reisingers Debüt »Still halten«, ein hervorragender Antiheimatroman

Von Ludwig Lugmeier
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Trainingsstrecke an den S-Bahngleisen (aus dem Band Manfred Küchler: Wir Kinder vom Prenzlauer Berg. Fotografien 1970–1995. Bild und Heimat, Berlin 2018)

»Still halten«, der Debütroman der Filmemacherin Jovana Reisinger, löst einen starken Bewegungsdrang aus. Ich musste schon nach wenigen Seiten raus aus der Wohnung. In der Folge las ich das Buch in der S-Bahn. Spandau–Grünau, ­Grünau– Spandau, quer durch Berlin, ich weiß nicht, wie oft. Dass mir das Stillhalten schwerfiel, dafür sorgte die Heldin, die, krankgeschrieben vom »Doktor«, eben stillhalten soll, ein ganzes Jahr lang, stillhalten und zusehen, dass sich ihr »Innenfleisch« erholt. Und genau damit tritt eine Rastlosigkeit und Unruhe ein, sowohl bei der namenlosen Protagonistin als auch beim Leser. Während ich durch Berlin fuhr, mit dem schön aufgemachten Buch auf dem Schoß, setzte ein aufgestoßenes Fenster, das der Namenlosen mit voller Wucht ins Gesicht schlug, den Prozess ihrer Zerstörung in Gang.

Die Handlung des Werkes könnte von Sophokles oder Euripides stammen. Der Vater der Heldin erhängt sich. Die depressive Mutter weist der Tochter die Schuld an dessen Tod zu und sperrt sie in Zimmer und Hütten. Die Tochter wiederum hasst ihre Mutter und meint, sie ermorden zu müssen. Das erledigt indes die Natur. Die Mutter stirbt an Lungenentzündung, woraufhin die Tochter versucht, sich ihr anzuverwandeln, um schließlich selbst der Natur zum Opfer zu fallen. Den Chor stellen Krähen. Ort der Handlung: Oberösterreich – »das schöne Gebiet mit den Innviertler Knödeln«.

Als sich Mitte der 1980er Jahre Feuilletonisten bemühten, der Heimat den braunen Schlamm abzukratzen, schoss Heinrich Böll aus vollem Rohr dagegen. In einer von Leonhard Reinisch moderierten Sendung des Bayrischen Rundfunks antwortete er auf die Frage nach der Renaissance des Heimatromans mit einem einzigen Wort: »Heimatscheiße.« Bei der Lektüre von »Still halten« würde er zustimmend nicken. Nach den österreichischen Autoren Thomas Bernhard, Franz Innerhofer, Gernot Wolfgruber, Josef Winkler tritt mit Jovana Reisinger nämlich wieder eine Autorin hervor, die auf Heimat ebenso ablehnend reagiert. Die Ansichtskartenidylle mit den nach Odel stinkenden Wiesen, die Schlafanzugträger und Unterhemdherren, der Sparkassenfilialleiter, der die Obdachlosen nicht mag, der Förster mit der Pfeife im Maul, der schenkelklopfende Oberarzt, die Oberschwester, der Pfleger – ihr Personal scheint Hans Leberts Provinzroman »Die Wolfshaut« entschlüpft. Zudem steht im Dorf auf dem Brunnen zu lesen: »Die Heimat vergisst euch nicht!« Eine immer wiederkehrende Drohung im Text.

Indes war Reisinger nicht daran gelegen, eine griechische Tragödie zu schrei­ben. So scheint das zugrundeliegende Drama nur beiläufig und in der Rückblende auf. Statt dessen heftet sie sich an die Heldin, ja, sie schlüpft geradezu in diese hinein. Von wenigen Stellen abgesehen erzählt sie in der ersten Person, so unverschämt wahr und authentisch, dass man denkt, die Protagonistin sei das Spiegelbild ihrer selbst, was die Autorin in einem Interview allerdings in Abrede stellte. Die Selbsterkundung, die Unappetitlichkeit der Provinz, der Opfergang zur verstorbenen Mutter – »wo ein Opfer, da auch ein Opfergang« –, der Abschied und der Einzug in deren Villa, die verhängnisvolle Begegnung mit der Wildnis, den Krähen, dem Förster – all dies erlebt man aus Sicht der Protagonistin. Aus der Komplexität dieser Erfahrungen destilliert Reisinger das abgründig Existentielle heraus.

Es beginnt mit der Diagnose der Heldin, diesem Anhängsel der Heimat, das, so schreibt sie, eine Krankheit im Kopf ist, ein beschädigtes Stück, die Frau, der ihr Körper nichts zählt. »Dieser Körper hat eine Vagina. Aber sie schreit nicht vor Lust. Dieser Körper hat Arme. Aber die hängen einfach nur herab.« Und kulminiert am Totenbett ihrer Mutter, deren Leiche sie schändet. Sie reitet auf ihr herum, bricht ihr die Finger, blickt unter den Rock – »alles unbrauchbar« – und würde gern den Schädel in diesen Geburtskanal pressen, um zu wissen, wie das eigentlich ist. Sie weint, aber in ihr ist es kalt. »Ich kenne wenige, die jetzt glücklicher sind.«

An das Haus ihrer Mutter, in welches sie zieht, grenzt dräuend der Wald. Er symbolisiert das Geschlecht und die Wildnis, steht für Zeugung und Tod. In ihm hat sich ihr Vater erhängt. Aus ihm tritt der Förster, der sich um keine Schonzeiten schert. Auch die Holzfäller kommen aus ihm. Zu ihnen gesellt sich der ehemalige Pfleger der Mutter, fürsorglich um die Hinterbliebene bemüht und der Jagd zugetan. Nur der Ehemann taucht nicht auf. Er hat von Beginn an woanders zu tun. Sie ist ohne Schutz. Auch das Gewehr, mit dem sie Krähen erschießt, bietet keinen, es gibt viel zu viele. Schließlich dringt sie ein in den Wald, und als ihr Ehemann heimkehrt, findet er die Totenvögel im Haus.

Was Jovana Reisinger von den Autoren des Antiheimatromans unterscheidet, ist die Erzählposition. Als Anhängsel der todesschwangeren Heimat steht ihre Protagonistin zu dieser in einem widersprüchlichen Verhältnis: Der Opfergang strebt die Auslöschung an, sie will nicht mehr sein, und doch ist sie da. Indem sie der Heldin das Wort übergibt, springt diese im Wechselschritt, ein Bein vor, das andere zurück, auf ihre Auslöschung zu. Dieses Springen als Haltung löst Irritation und Unruhe aus. Zugleich entsteht ein Sog, der keines Spannungsaufbaus bedarf. Dafür sorgt die ausdrucksvolle, höchst literarische Sprache, welche aus Sätzen, oft nur aus Anakoluthen besteht und das Innerste offenbart. Die Bilder besitzen eine außergewöhnliche Eindringlichkeit. »Der Besoffene hat sein Gesicht im Kopfsteinpflaster vergraben«, schon steht ein surreales Gemälde vor Augen. Und dabei eine Kaltschnäuzigkeit, die an Gottfried Benns »Morgue«-Gedichte erinnert. Ein kleines Meisterwerk dieser Zeit.

Jovana Reisinger: Still halten. Verbrecher-Verlag, Berlin 2017, 200 Seiten, 19 Euro


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