Aus: Rosa-Luxemburg-Konferenz, Beilage der jW vom 07.02.2018

Kämpfe des schwarzen Amerika

Grußbotschaft von Mumia Abu-Jamal

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Liebe Freunde auf der Rosa-Luxemburg-Konferenz: Wie geht es euch? Guten Tag! Ich möchte an dieser Stelle Einblicke in Kämpfe des schwarzen Amerika geben, von denen einige uns Hoffnung geben, dass angesichts des Systems der staatlichen Unterdrückung und Gewalt gegen Schwarze derzeit neue Formen des Kampfes entstehen.

Erstens hat die von drei nichtweißen jungen Frauen gegründete Bewegung »Black Lives Matter« die Aufmerksamkeit von jungen Aktivisten in den gesamten USA auf sich gezogen und das Augenmerk der Öffentlichkeit auf den staatlichen Terrorismus der US-Polizei und ihre Gewalttätigkeit gegen Schwarze gelenkt. Überraschenderweise nahmen an vielen der Demonstrationen von »Black Lives Matter« ebenso viele weiße Aktivisten teil wie schwarze.

Aber diese Bewegung geht weit über Demonstrationen hinaus. In mindestens drei US-amerikanischen Städten, Sanford in Florida, Chicago in Illinois und Philadelphia in Pennsylvania, haben Aktivisten von »Black Lives Matter« eine entscheidende Rolle bei der Entlassung oder Auswahl örtlicher Staatsanwälte gespielt. Sie sorgen in den Kommunen für Veränderungen. Sie haben gegen Politiker protestiert, Sitzstreiks an Versammlungsorten der Polizei-»Gewerkschaften« organisiert und die Politik dazu gezwungen, die Namen und die Fälle von Menschen öffentlich zu machen, die von Einsatzkräften getötet wurden.

Zweitens entwickelt sich besonders im Süden eine Bewegung gegen die politische Rechte. Geführt von einem Prediger, Pastor William Barber, hat sie sich bewusst auf das gestützt, was Barber als »Fusionspolitik« bezeichnet hat. Das heißt, auf pragmatische Koalitionen, die die Trennlinien von »Rasse«, Ethnie, Klasse und Geschlecht überschreiten. Sie hat besitzlose Arbeiter gewerkschaftlich organisiert und für wirtschaftliche Rechte gekämpft.

Pastor Barber hat ein Buch geschrieben: Es trägt den Titel »The Third Reconstruction«. Er verweist auf die Epoche nach dem US-Bürgerkrieg, die Ära der Bürgerrechtsbewegung in den 1960er Jahren und natürlich auch auf die Jetztzeit, in der Menschen mittels der erwähnten »Fusionspolitik« versuchen, den Aufstieg der Rechten im gesamten Land zurückzudrängen.

Barber zufolge brennen Menschen überall im Süden der USA darauf, sich dieser multiethnischen, multikulturellen und an etlichen Fronten kämpfenden Bewegung anzuschließen. Er selbst ist ein Anhänger des ermordeten Martin Luther King. Seine Bewegung orientiert sich ganz klar an der Bürgerrechtsbewegung, deren bedeutendste Figur King war. Sie ist aber auch das Resultat der schrecklichen Geschichte der USA. Einer Geschichte von Sklaverei, Brutalität und wirtschaftlicher Ausbeutung von epischem Ausmaß. Wir sehen die rasche Entstehung sozialer Bewegungen überall im schwarzen Amerika, die jedoch nicht einheitlich sind.

Die Jungen, die ungeduldig einen sofortigen Wandel verlangen, stürzen sich förmlich in »Black Lives Matter«. Erwachsene im mittleren Alter, besonders die, die eher religiös sind, fühlen sich von dem an King orientierten »Moral Mondays Movement« angezogen, welches schon die Unterstützung von Zehntausenden gewinnen konnte. Beide Bewegungen spiegeln eine tiefe Unzufriedenheit mit dem Status quo in den heutigen USA mit ihren schreienden Widersprüchen wider. Gleichzeitig reflektieren diese Unterschiede auch die Realität in der schwarzen Community, und zwar sowohl im Norden, wo »Black Lives Matter« dominiert, als auch im Süden, wo die »Moral Mondays Movements« überwiegen. Beiden gemeinsam ist jedoch noch etwas, was in den 1960ern noch nicht so klar ersichtlich war: Inzwischen haben sich weiße, asiatische, lateinamerikanische, muslimische, jüdische, schwule und lesbische Aktivistinnen und Aktivisten dieser Bewegung angeschlossen, die doch ursprünglich aus dem Kampf und der Qual von Schwarzen entstand.

Die multikulturellen Verbündeten, Unterstützerinnen und Unterstützer verhelfen diesen Bewegungen zu stärkerer Anziehungskraft, größerer Glaubwürdigkeit und mehr Gewicht. In den Sozialwissenschaften in den USA ist derzeit der Begriff der Intersektionalität das heiße Thema. Die Bewegungen haben diese Theorie übernommen und setzen sie nun in die Praxis um.

Bemerkenswert ist auch, dass wir diese Bewegungen jetzt, im Nachgang der Ära von Präsident Barack Obama, wachsen und erstarken sehen. Tatsächlich war »Black Lives Matter« schon in der letzten Phase von Obamas Präsidentschaft sehr aktiv. Mit der Wahl Trumps ist die Bewegung aber noch einmal stärker geworden. Wir sollten dabei jedoch nicht übersehen, dass viele Teilnehmer auch schon der Weigerung Obamas, sich ihrer wichtigsten Anliegen wirklich anzunehmen, sehr kritisch gegenüberstanden. Sie zeigten auch sehr wenig Begeisterung für die Option einer neoliberalen Präsidentschaft Hillary Clintons. Insbesondere nachdem Videos von ihr auftauchten, in denen sie schwarze und Latinojugendliche als »Superraubtiere« bezeichnete, die man wie Hunde »gefügig machen« müsse. So sehen die Alternativen in den heutigen Vereinigten Staaten von Amerika aus!

Vielen Dank! Auf Wiedersehen! Hier spricht Mumia Abu-Jamal.

Mumia Abu-Jamal ist Journalist und Bürgerrechtler. Seit 1981 ist er inhaftiert, 2011 wurde die gegen ihn verhängte Todesstrafe in eine lebenslange Haftstrafe umgewandelt. Aktuelle Infos unter: www.freiheit-fuer-­mumia.de

Eine gekürzte Fassung erschien in jW vom 15.1.2018

Übersetzung: Bundesweites Free-Mumia-Netzwerk


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