Aus: Rosa-Luxemburg-Konferenz, Beilage der jW vom 07.02.2018

Ein Ort der Hoffnung

Warum Afrika das Universelle verkörpert

Von Achille Mbembe
D18D0113RosaLuxKonferenz173250.jpg

Vor wenigen Tagen hat der amtierende Präsident der USA gesagt, Afrika gehöre neben Haiti und El Salvador zu den »Dreckslöchern« dieser Welt. Ich möchte das keineswegs dramatisieren, aber man muss sich schon wundern über die entmenschlichende Kraft, die eine solche Aussage besitzt, besonders wenn sie von einem Mann kommt, der so mächtig ist und dabei selbst Gefahr läuft, sich als »Scheißkerl« der Welt einen Namen zu machen. Ich fürchte, dass dieser äußerst gewalttätige Mann ein lebendiges Beispiel für alles ist, was in unserer jetzigen Welt mit ihrer politischen Spielart der liberalen Demokratie falsch läuft.

Donald Trump verkörpert das heute um uns herum weitverbreitete und überwältigende Gefühl, dass sich Sinnhaftigkeit, Werte und Wahrheit in einer systembedingten Krise befinden; verbunden mit der Wahrnehmung, dass uns alte und neue Probleme behelligen: die Rückkehr höchst archaischer Formen des Rassismus, das Fortbestehen der Klassenschranken – diesmal geht es auch nicht mehr nur um die reale Ausbeutung von Arbeitern, da Millionen von Menschen vom Kapital kaum noch gebraucht werden und ohne Arbeit als überflüssig angesehen werden –, Arten des männlichen Chauvinismus und Sexismus, während gleichzeitig ein staatstreuer »Feminismus« mobilisiert wird. Damit werden all jene stigmatisiert, die anders sind.

Das sind natürlich Probleme, die dringend unserer Aufmerksamkeit und größtmöglichen Neugier bedürfen. Probleme, die uns dazu zwingen, mit verschiedenen Denkbildern zu experimentieren und neue Lebenspraktiken zu ersinnen, die uns hoffentlich helfen werden, gemeinsam ein ganz anderes Leben auf diesem Planeten führen zu können, von dem wir alle ausnahmslos rechtmäßige Bewohner sind. Ich möchte deshalb feststellen, dass es keine einzige Region in der Welt gibt, die als »Drecksloch« zu bezeichnen wäre. Nirgends.

Die Überlebensfrage

Als Afrikaner gehe ich von der Tatsache aus, dass es, wenn wir über Afrika reden, nicht um einen fernen Ort geht, der von uns abgetrennt ist, um einen Ort, der in der Dunkelheit der Nacht verloren ist, wie Hegel noch dachte. Es geht vielmehr darum, dass wir dann, wenn wir uns den Namen Afrika in Erinnerung rufen, gleichzeitig den Planeten Erde mitdenken, weil wir unser irdisches Dasein nicht mehr länger in nationalstaatlicher Begrenztheit, sondern im planetarischen Zusammenhang begreifen müssen. Wir leben im »Zeitalter der planetarischen Verschränkung«, und zwar in dem Sinne, dass nicht mehr länger klar ist, was »draußen« ist und was »drinnen«. Es ist nicht mehr länger klar, wer »wir« sind und wer »die anderen«. Es geht mir um die Tatsache, dass sich die Zukunft unseres Planeten in hohem Maße in Afrika entscheiden wird. Ich will also darüber sprechen, dass es kein afrikanisches Dilemma gibt, das nur Afrika etwas anginge. Der Kontinent ist nach meiner Meinung der bestgeeignete Ort, um eine Antwort auf die drängende Frage nach der Zukunft des Lebens auf unserem Planeten zu finden.

Dieser Frage können wir uns nicht angemessen zuwenden, wenn wir nicht gleichzeitig unsere Kritik am Kapitalismus sowie an einigen grundlegenden Annahmen und damit zusammenhängenden Praktiken des sogenannten westlichen Denkens intensivieren – jenes Denkens, das den Kapitalismus in seiner gegenwärtigen Form erst ermöglicht hat. Mit anderen Worten, eine radikale Kritik des Kapitalismus ist von einer erneuerten Kritik des westlichen Denkens nicht zu trennen, weil beide eng miteinander verknüpft sind. Das beinhaltet automatisch eine Entkolonialisierung des westlichen Denkens, die Aufhebung seiner Provinzialität und Beschränktheit. Und das geht nur, wenn Kapitalismus und westliches Denken gleichzeitig der Kritik unterzogen werden.

Was sind nun einige dieser grundlegenden Annahmen des westlichen Denkens? Zum Beispiel die Vorstellung, dass die Natur eine feste Größe ist, dass man sie messen kann, dass sie uns zur freien Verfügung steht und wir sie ausbeuten dürfen. Dass ferner materielle Objekte nur dann aktiv werden, wenn von außen auf sie eingewirkt wird; die Vorstellung, dass der Mensch die einzige Spezies ist, die ein Bewusstsein hat, und unabhängig von der Welt existiert, dass die Menschen Herren des Universums sind und so weiter. Diese Annahmen gehen auf solche Dualismen und binären Gegensätze zurück wie Subjekt und Objekt, das Gleiche und das Andere, das Menschliche und das Nichtmenschliche, das Normale und das Abnormale. Das westliche Denken wäre ohne diese Gegensätze nicht entstanden.

Interessanterweise entstammen einige der Mittel, die für die Kritik am westlichen Denken notwendig sind, diesem selbst. Wir müssen also diese dem westlichen Denken innewohnenden Instrumente nutzen, sie dem entnehmen, was Édouard Glissant, ein Schriftsteller aus Martinique, die »All-Welt« (frz. »Le Tout-Monde«) nannte – also die »Archive der gesamten Welt«. Das steht wiederum im Einklang mit dem, was ich bereits als »Zeitalter der planetarischen Verschränkung« anführte, das wir uns als ein Leben in Gemeinsamkeit vorstellen, das nur möglich ist, wenn wir nicht nur ein Archiv, sondern die der gesamten Welt berücksichtigen.

Diese Kritik setzt notwendigerweise eine inhaltliche Infragestellung der Kategorie »Mensch« voraus. Eine Kategorie, die, wie wir wissen, eine paradoxe Rolle sowohl in der Geschichte der Emanzipation als auch in der Geschichte der Unterwerfung spielt. Wenn auch nur deshalb, weil es sich um eine Kategorie handelt, die manche Leute nur für sich selbst beanspruchen und damit den Rest der Welt als »andersartig« definieren.

Das Leben ist nicht abstrakt, wie uns dieses Zeitalter vermittelt, sondern sehr konkret in einer Zeit, in der viele noch darum kämpfen, dass ihr Mensch-Sein als solches anerkannt wird, ihr Leben also etwas ist, das wirklich zählt. Wenn der Präsident der Vereinigten Staaten davon spricht, ganze Regionen der Welt seien »Dreckslöcher«, bringt er damit zum Ausdruck, dass nicht alle Leben zählen, und falls doch, dann einige zumindest nicht soviel wie andere. Für ihn zählt das Leben eines Norwegers mehr als das Leben eines Haitianers, Salvadorianers oder Afrikaners. Was er meint, aber nicht den Mut hat auszusprechen, ist: »Schwarze Leben zählen nicht.« Wollen wir den Fortbestand des Lebens auf unserem Planeten sicherstellen, müssen wir von der völlig entgegengesetzten Annahme ausgehen, dass nämlich alles Leben und alle Regionen der Welt zählen, Afrika eingeschlossen.

Ich erwähne diese Probleme aus einer Reihe von Gründen. Am wichtigsten ist, dass wir in einer Zeit leben, in der die Unsicherheit darüber wächst, was in der Zukunft mit der menschlichen Spezies geschehen wird, nicht zuletzt aufgrund von Umweltkatastrophen, die die Menschheit unter dem Kapitalismus verursacht hat; Katastrophen, die wir nicht bewältigen können, wenn wir unsere Art zu leben nicht von Grund auf ändern.

Weltweit verbünden sich verschiedene Kräfte, um die Menschen dazu zu bringen, sich einerseits damit auseinanderzusetzen, worin ihre eigene Stärke, aber auch ihre reale Schwäche besteht, und andererseits damit, welche Kräfte und Mächte im Universum wirksam sind, in dem wir leben.

Diesem Bemühen liegt die Wahrnehmung zugrunde, dass unsere Welt immer lebensfeindlicher wird. Für Millionen von Menschen wird dieser Planet zunehmend unbewohnbar. In dieser Hinsicht ist das Interesse an Afrika ein zweifaches: Afrika ist wahrscheinlich der älteste Sohn oder die älteste Tochter der Menschheitsgeschichte. Afrika ist die Wiege der Menschheit, hier richtete sich der Mensch zum ersten Mal auf. In Afrika lebte mithin das älteste menschliche Wesen der Welt, zugleich aber auch das jüngste. Afrika verbindet in sich die beiden Pole Alter und Jugend. Und in diesem Sinne befindet sich in seinen Archiven ein großes Wissen darüber, was es bedeutet, ein lebenswertes Leben in einer lebenswerten Welt zu führen. Deshalb wäre es für uns alle absolut wichtig, nach Afrika zurückzukehren, um noch einmal neu zu lernen, was es heißt, in einer lebenswerten Welt zu leben.

Kontinent der Zukunft

Ich komme nun zu anderen Gründen, warum Afrika das Synonym für die überwältigende Frage des Lebens auf unserem Planeten ist, die wichtigste Frage, die sich uns in diesem Jahrhundert stellt. Viele sind sich nicht im geringsten bewusst, welche kolossalen Ausmaße der afrikanische Kontinent als zusammenhängende Landmasse hat.

Afrika ist das letzte Gebiet auf der Erde, das noch nicht vollständig der Herrschaft des Kapitals unterworfen ist. Hier wird dem Kapitalismus die letzte Grenze gesetzt. Jedes kapitalistische Projekt unserer Epoche, das Afrika nicht ernst nimmt, ist zum Scheitern verurteilt. Denn dort hat die Menschheit die wohl wichtigsten Mechanismen des Widerstands gegen den Kapitalismus entwickelt.

China ist, weltweit gesehen, die politische Macht, die das am besten begriffen hat. Afrika ist weitgehend zu einer bedeutenden Frage für China geworden, so wie umgekehrt China zu einer bedeutenden Frage für Afrika geworden ist. Wir können über den Kolonialismus und alles damit Zusammenhängende sprechen, Tatsache ist aber, dass wir uns einer neuen globalen Realität gegenübersehen. Und die hat exakt mit dieser »Sinisierung« der afrikanischen Frage und der »Afrikanisierung« der chinesischen Frage zu tun. Von daher scheint es mir wichtig, dass wir uns diese Afrika-China-Verknüpfung für jedes Vorhaben antikapitalistischen Widerstands der nächsten Jahre genauer ansehen sollten.

Ich sage das alles, weil Afrika die letzte Lagerstätte ungeheurer Mengen ungenutzter Ressourcen ist – hier gibt es Bodenschätze, aber auch Pflanzen und Tiere, die woanders längst verschwunden sind, und unter der Erdkruste sind große Energiereserven verborgen. 2035 wird Afrika die Region des Globus mit der jüngsten und hoffentlich dynamischsten Bevölkerung in einer alternden Welt sein. Afrika befindet sich genau auf der anderen Seite des biologischen Kreislaufes unseres Planeten. Dort werden wir in weniger als fünfzehn Jahren die größte Konzentration junger Leute vorfinden. Das wirft allerlei Fragen auf.

Ich denke, dass der afrikanische Kontinent möglicherweise einer der wenigen Orte auf dem Planeten ist, die unter Umständen neue Einwanderungswellen aufnehmen könnten. Es ist einer der wenigen Orte auf der Erde, wo es noch reichlich Lebenspotentiale für die menschliche Gattung gibt, was anderswo nicht der Fall ist. Afrikas Biosphäre ist noch relativ intakt. In Afrika ereignen sich demographische Veränderungen, die eine tektonische Verschiebung in der Geopolitik zur Folge haben werden. Sie haben das Potential, das Gesicht der Welt in den kommenden Jahrzehnten völlig zu verändern.

Dazu möchte ich ein paar Zahlen anführen. Seit Mitte 2017 hat die Weltbevölkerung in etwa die Marke von 7,6 Milliarden Menschen erreicht. Das bedeutet, dass in den letzten zwölf Jahren etwa eine Milliarde Erdbewohner hinzugekommen sind. Bis 2030 werden 8,6 Milliarden Menschen auf der Erde leben, bis 2050 werden es 9,8 und bis zum Ende des Jahrhunderts rund 11,2 Milliarden sein. Von den 2,2 Milliarden Menschen, die bis zum Jahr 2050 hinzukommen werden, entfallen 1,3 Milliarden auf Afrika und 750 Millionen auf Asien. Ab 2050 wird Afrika am stärksten zum Wachstum der Weltbevölkerung beitragen und damit den Kreis schließen, der vor 400 Jahren durch den transatlantischen Sklavenhandel eröffnet wurde, als Millionen von Menschen aus Afrika nach Amerika verschifft wurden. In den kommenden Jahren wird also das zuvor gestörte Gleichgewicht wiederhergestellt. Der Anteil Afrikas an der Weltbevölkerung wird von rund 17 Prozent im Jahr 2017 auf rund 26 Prozent im Jahr 2050 steigen. Bis zum Jahr 2100 wird er bei 40 Prozent liegen – ein Ereignis von historischem Ausmaß, weil das die Größe und Verteilung der Weltbevölkerung prägen wird. Zum Beispiel wird Nigeria die Vereinigten Staaten noch vor 2050 übertreffen und nach der Zahl seiner Einwohner zum drittgrößten Land der Welt aufsteigen.

Ich erwähne diese Fakten, um auf zwei Dinge hinzuweisen: erstens, dass die Demographie, besonders in diesem Zeitalter der globalen Umweltkrise und des Klimawandels, die neue Geopolitik ist. Bevölkerungszahlen und Bevölkerungsbewegungen werden damit nicht nur zu wirtschaftlichen, sondern auch zu militärischen Fragen. Zweitens könnte der Umgang mit der menschlichen Mobilität zum wichtigsten Problem werden, mit dem die Welt in diesem Jahrhundert konfrontiert sein wird. Tatsache ist, dass unsere Welt angesichts dieser Entwicklung ein neuerliches Verlangen erlebt, Grenzen zu schließen. Weil sich – neben anderen Problemen – neue Formen der Gewalt ausbreiten, haben Fragen der Gefahrenabwehr, der Sicherheit und Identität in öffentlichen politischen Auseinandersetzungen an Bedeutung gewonnen.

Überall Grenzen

Überall bekommen wir zu hören, unser aller Leben sei in Gefahr, wir seien von allen möglichen und größtenteils unsichtbaren Kräften existenziell bedroht, die unsere Lebensart zerstören wollen. Angeblich seien nationale Gemeinschaften dann sicherer, wenn Risiken, Ungewissheit und Unsicherheit stärker kon­trolliert und die vermeintlich verlorenen nationalen Souveränitäten wiederhergestellt würden. Gemeint ist damit, dass die Länder die Fähigkeit zurückgewinnen sollten zu entscheiden, wer ihre Grenzen überschreiten, ins Land einwandern, sich niederlassen darf, wer am Ende in unserer Mitte geduldet wird und wer nicht. Was soll also mit Menschen geschehen, die wir nicht bei uns haben wollen, wie sollen wir diejenigen behandeln, von denen wir glauben, dass sie nicht zu uns gehören, unsere Existenz bedrohen, die wir also nicht für unser eigenes kollektives Glück brauchen? Abgesehen davon, dass sie für den Akkumulationsprozess völlig überflüssig sind – was machen wir mit solchen Leuten?

Wie Sie an den jüngsten politischen Beziehungen der Staaten der EU zum afrikanischen Kontinent feststellen können, konzentrieren sich die meisten dieser Länder auf die Frage des Umgangs mit der von diesem Kontinent ausgehenden Migration. In der Konsequenz führt das zu einer Neustrukturierung der Grenzsicherung und zu massiven Investitionen in neue Technologien. Deshalb entsteht ein völlig neues globales Migrationsregime, eng verbunden mit einem neuen globalen Sicherheitsregime. Migration wird heute auf Aspekte der Sicherheit reduziert.

Wir beobachten die Errichtung einer weltweiten Ordnung, deren Ziel es ist, die Wanderungsbewegungen der Menschen zu kontrollieren. Ziel ist ein internationales Regime, das garantieren soll, dass Migration die Sicherheit nicht gefährdet. Dabei kommen neue Technologien zum Einsatz, deren Ziel es in der Tat nicht nur ist, die Grenzkontrollen zu digitalisieren, Daten und genetische Informationen automatisch zu sammeln und sie elektronisch zu speichern, sondern, im Grunde genommen, leben wir in einer Welt, in der jeder und jede von uns tendenziell in einen Code verwandelt werden soll. Wir alle tragen somit die Grenzen auf Schritt und Tritt in uns, sie werden mobil und sind damit letztlich nicht mehr an Orte gebunden. Will man diese Dynamik im Weltmaßstab begreifen, muss man sich klarmachen, dass Afrika das perfekte Laboratorium für diese Zurichtung unseres gesellschaftlichen Lebens ist.

Eines der Schlüsseldramen, mit denen die heutigen liberalen Demokratien konfrontiert sind, besteht darin, Menschen, die unerwünscht, illegal, entbehrlich oder überflüssig sind, zu kontrollieren. Ich denke, dass die Zukunft der liberalen Demokratie in hohem Maße von dieser Frage abhängig ist. Wie sollen wir mit Menschen umgehen, denen gegenüber wir uns zu nichts verpflichtet fühlen? Von denen wir denken, dass wir ihnen nichts schulden? Das aber bedeutete die Abschaffung der eigentlichen Idee von Menschheit als einer gemeinsamen Beziehung aller zueinander – einer gemeinsamen Beziehung, die dazu führen könnte, den Fortbestand sowohl des Planeten als auch der menschlichen Existenz auf ihm zu sichern.

Das Problem ist alles andere als neu, obwohl es in unseren Zeitalter eine ganz andere Gestalt angenommen hat. Es begegnete uns in der Geschichte der Neuzeit immer wieder, zum Beispiel mit den Indianerreservaten in den Vereinigten Staaten, es zeigte sich bei den Experimenten mit Inselgefängnissen, Strafkolonien und mit der Schaffung der Bantustans in Südafrika. Die davon betroffenen Menschen gehörten nicht zu »uns«, also verfrachteten wir sie irgendwo an einen völlig lebensfeindlichen und unbewohnbaren Raum. Unbewohnbar heißt, es fehlen alle Voraussetzungen für eine menschengerechte Existenz. Wir laden sie dort ab und geben sie auf. Das ist die Idee des Lagers, der Ausgrenzung all jener, die unerwünscht sind. Und heute, in der Welt, in der wir leben, besonders in Europa, gibt es Tausende von Lagern. Die Lager in Europa sind nicht mit dem Holocaust verschwunden. Es gibt dort heute mehr Lager als je zuvor in der Geschichte.

Die Landschaften unserer Welt sind Gefängnislandschaften. Die Zahl der Menschen, die in verschiedenen Arten von Gefängnissen leben, war noch nie so hoch wie heute. Diese Realität des Eingesperrtseins und ihres Gegenteils – der Befreiung, der Erlösung – ist der markante Ausgangspunkt des 21. Jahrhunderts.

Freiluftgefängnis

Wenn wir uns vorstellen, dass eine andere Welt möglich ist, dann müssen wir uns auch die Abschaffung des Gefängnisses als solches vorstellen. Tatsache ist, dass die meisten dieser Gefängnisse Orte sind, in die Menschen aus rassistischen Motiven eingesperrt werden. Sie werden wie Tiere gejagt, und dann sperrt man sie in diese Käfige, wie es in den Vereinigten Staaten von Amerika geschieht, wo die Mehrheit der Gefangenen Schwarze sind. Kaum dass sie von der historischen Sklaverei und Unterwerfung befreit wurden, landen sie wieder im Gefängnis.

Wenn wir uns einschreiben wollen in die Geschichte der menschlichen Emanzipation, müssen wir alles dafür tun, dass Afrika kein Freiluftgefängnis wird. Die Emanzipationskämpfe im Geiste des Abolitionismus haben immer zwei Dinge zusammengebracht: Die Vorstellung, dass eines schönen Tages alle frei und die Gefängnisse abgeschafft sein werden.

Das bedeutet hinsichtlich des afrikanischen Kontinents die Abschaffung aller aus der Kolonialzeit übernommenen Grenzen. Afrika wird solange nicht vollständig entkolonialisiert sein, wie der Kontinent durch künstliche Grenzen zwischen seinen Mitgliedsstaaten geteilt ist, die Menschen daran hindern, sich frei zu bewegen und ihn jederzeit betreten und verlassen zu können.

Darum muss es gehen, anstatt Afrika zum Gazastreifen der Welt zu machen. Denn Gaza ist der Inbegriff der Logik des Einsperrens, der Unterwerfung und der Unbewohnbarkeit von Lebensräumen. Der afrikanische Kontinent muss für seine Bewohner und für jeden, der sein Schicksal mit Afrika verbinden will, zu einem verheißungsvollen Ort der Hoffnung werden, als ein Beispiel der besonderen Gestalt des Universellen, des Allumfassenden, quer und horizontal denkend und nicht mehr in den alten Formen, die aus der Kolonialzeit übernommen wurden.

Achille Mbembe ist Politikwissenschaftler und Professor an der Universität Witwatersrand in Johannesburg. Mit seinem 2014 erschienenen Buch »Kritik der schwarzen Vernunft« regte er eine weltweite Diskus­sion an.

Von ihm erschien zuletzt: »Ausgang aus der langen Nacht. Versuch über ein enkolonisiertes Afrika« und »Politik der Feindschaft« (Suhrkamp Verlag 2016 und 2017)

Übersetzung aus dem Englischen: Jürgen ­Heiser


Lesetip abgeben

Artikel empfehlen:

Infos und Verweise zu diesem Artikel:

Ähnliche:

Regio:

Mehr aus: Thema
  • Zurichtung zur gnadenlosen Selbstoptimierung in der Konkurrenzgesellschaft. Über Motivationstrainer und Ratgeber, die pausenlos erzählen, »dass du es schaffen kannst«
    Patrick Schreiner