Aus: Roter Oktober, Beilage der jW vom 01.11.2017

Über die Schranken hinaus

Anfang Oktober 1917 griff Lenin in die Debatte um die Neufassung des Parteiprogramms der Bolschewiki ein. Ein Auszug

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In seinem Text befasste sich der Revolutionär vor allem mit dem Entwurf, den Grigori Jakowlewitsch Sokolnikow (siehe biographische Randnotiz) vorgelegt hatte. Die in Anführungszeichen gesetzten Worte und Zitate beziehen sich auf Sokolnikows Formulierungen:

Man kann nicht von »Versuchen«, die Welt aufzuteilen, sprechen, denn die Welt ist bereits aufgeteilt. Der Krieg 1914 bis 1917 ist nicht ein »Versuch der Aufteilung« der Welt, sondern ein Kampf um die Neuaufteilung der bereits aufgeteilten Welt. Der Krieg war für den Kapitalismus unvermeidlich geworden, weil der Imperialismus mehrere Jahre vorher die Welt aufgeteilt hatte, sozusagen nach dem alten Maß der Kräfte, das der Krieg »korrigieren« soll.

Den Kampf um Kolonien (um »neue Länder«) ebenso wie den Kampf um den »Besitz der Territorien schwächerer Länder«, all das hat es auch vor dem Imperialismus gegeben. Charakteristisch für den heutigen Imperialismus ist etwas anderes: Nämlich, dass zu Beginn des 20. Jahrhunderts die ganze Erde vorn dem einen oder anderen Staat besetzt, dass sie aufgeteilt war. Nur deshalb war die Neuaufteilung (…) auf der Basis des Kapitalismus nicht anders möglich als um den Preis eines Weltkrieges. Auch »international organisierte Kapitalistenverbände« hat es schon vor dem Imperialismus gegeben: Jede Aktiengesellschaft mit Beteiligung von Kapitalisten verschiedener Länder ist ein »international organisierter Kapitalistenverband«.

Charakteristisch für den Imperialismus ist etwas anderes, das es früher, vor dem 20. Jahrhundert, nicht gegeben hat, nämlich die ökonomische Aufteilung der Welt unter die internationalen Trusts, die vertragsmäßige Aufteilung der Länder unter sie als Absatzgebiete. (...)

Ausländische Arbeiter

Indem wir hiermit die Analyse des Entwurfs des Genossen Sokolnikow abschließen, müssen wir eine sehr wertvolle Ergänzung besonders hervorheben, die er vorschlägt und die man meines Erachtens annehmen und sogar erweitern sollte. Und zwar schlägt er vor, dem Absatz, der vom technischen Fortschritt und von der zunehmenden Verwendung der Frauen- und Kinderarbeit handelt, hinzuzufügen: »wie auch die Arbeit ungelernter, aus rückständigen Ländern importierter ausländischer Arbeiter« (zu verwenden). Das ist eine wertvolle und notwendige Ergänzung. Gerade für den Imperialismus ist eine solche Ausbeutung der Arbeit schlechter bezahlter Arbeiter aus rückständigen Ländern besonders charakteristisch. Gerade darauf basiert in einem gewissen Grade der Parasitismus der reichen imperialistischen Länder, die auch einen Teil ihrer eigenen Arbeiter durch eine höhere Bezahlung bestechen, während sie gleichzeitig die Arbeiter der »biligen« ausländischen Arbeiter maßlos und schamlos ausbeuten. Die Worte »schlechter bezahlten« müssten hinzugefügt werden, ebenso wie die Worte: »und oft rechtlosen«, denn die Ausbeuter der »zivilisierten« Länder machen sich immer den Umstand zunutze, dass die importierten ausländischen Arbeiter rechtlos sind. Das lässt sich ständig nicht nur in Deutschland hinsichtlich der russischen, d. h. der aus Russland zureisenden Arbeiter, sondern auch in der Schweiz hinsichtlich der Italiener, in Frankreich hinsichtlich der Spanier und Italiener usw. beobachten.

Vielleicht wäre es zweckmäßig, im Programm die Sonderstellung des Häufleins der reichsten imperialistischen Länder, die sich durch die Ausplünderung der Kolonien und der schwachen Nationen parasitär bereichern, stärker zu betonen und anschaulicher auszudrücken. Das ist eine äußerst wichtige Eigenart des Imperialismus, die übrigens bis zu einem gewissen Grade die Entstehung tiefgehender revolutionärer Bewegungen in jenen Ländern erleichtert, die die Opfer der imperia­listischen Raubzüge sind, die vor der Gefahr stehen, durch die imperialistischen Giganten (wie Russland) aufgeteilt und versklavt zu werden., eine Eigenart, die aber andererseits bis zu einem gewissen Grade die Entstehung tiefgehender revolutionärer Bewegungen in jenen Ländern erschwert, die viele Kolonien und fremde Länder auf imperialistische Weise ausplündern und so einen (verhältnismäßig) sehr großen Teil ihrer Bevölkerung zu Teilnehmern an der Aufteilung der imperialistischen Beute machen. (…)

Übergang zum Sozialismus

Krieg und Zerrüttung zwingen alle Länder, vom monopolistischen Kapitalismus zum staatsmonopolistischen Kapitalismus überzugehen. Das ist die objektive Lage. Aber in revolutionären Verhältnissen, in einer Revolution geht der staatsmonopolistische Kapitalismus unmittelbar in den Sozialismus über. Man kann in der Revolution nicht vorwärtsgehen, ohne zum Sozialismus zu schreiten – das ist die objektive, durch Krieg und Revolution geschaffene Lage. (…) Wir ziehen in die Schlacht, d. h., wir kämpfen für die Eroberung der politischen Macht durch unsere Partei. Diese Macht wäre die Diktatur des Proletariats und der armen Bauernschaft. Wenn wir diese Macht ergreifen, fürchten wir uns nicht, über die Schranken der bürgerlichen Ordnung hinauszugehen, sondern im Gegenteil, wir sagen klar, direkt, unzweideutig und in aller Öffentlichkeit, dass wir über diese Schranken hinausgehen, dass wir furchtlos zum Sozialismus schreiten werden und dass unser Weg eben über die Sowjetrepublik führt, über die Nationalisierung der Banken und Syndikate, die Arbeiterkontrolle, die allgemeine Arbeitspflicht, die Nationalisierung des Bodens, die Konfiskation des gutsherrlichen Inventars usw. usw. In diesem Sinne haben wir ein Programm der Übergangsmaßnahmen auf dem Wege zum Sozialismus gegeben. (…)

Wir wissen nicht, ob wir morgen oder etwas später siegen werden. (Ich persönlich bin geneigt zu glauben, dass es morgen sein wird – ich schreibe dies am 19. Oktober 1917 – und dass wir uns mit der Machtergreifung verspäten können, aber auch morgen ist immerhin morgen und nicht heute). Wir wissen nicht, wie bald nach unserem Sieg nicht noch vorübergehende Perioden der Reaktion und des Sieges der Konterrevolution geben wird – unmöglich ist das keineswegs –, und darum werden wir, wenn wir gesiegt haben, eine »dreifache Befestigungslinie« gegen eine solche Möglichkeit errichten. (…)

Dasselbe gilt für das wirtschaftliche Gebiet. Wir sind uns alle darüber einig, dass die Angst, zum Sozialismus voranzuschreiten, die größte Erbärmlichkeit und Verrat an der Sache des Proletariats ist. Wir sind uns alle darüber einig, dass die wichtigsten ersten Schritte auf diesem Wege solche Maßnahmen sein müssen wie die Nationalisierung der Banken und Syndikate. Führen wir zuerst diese und andere ähnliche Maßnahmen durch, und dann werden wir weitersehen. Wir werden dann klarer sehen, denn die praktische Erfahrung, die millionenmal mehr wert ist als die besten Programme, wird unseren Horizont unermesslich erweitern. Es ist möglich und sogar wahrscheinlich, ja unzweifelhaft, dass es auch hier nicht ohne »kombinierte Typen« der Übergangszeit gehen wird; ja, unzweifelhaft, dass es auch hier nicht ohne »kombinierte Typen« der Übergangszeit gehen wird; so können wir zum Beispiel die Kleinbetriebe mit ein oder zwei Lohnarbeitern weder sofort nationalisieren noch auch nur einer wirklichen Arbeiterkontrolle unterstellen. Mag ihre Rolle auch verschwindend klein, mögen sie auch durch die Nationalisierung der Banken und Trusts an Händen und Füßen gebunden sein, mag das alles sein, aber wozu das Minimalprogramm streichen, solange es, wenn auch nur kleine, Winkel gibt, wo die bürgerlichen Verhältnisse weiterbestehen? Als Marxisten, die kühn zur größten Revolution der Welt voranschreiten und zugleich den Tatsachen nüchtern Rechnung tragen, haben wir nicht das Recht, das Minimalprogramm zu streichen.

N. Lenin: Zur Revision des Parteiprogramms. Veröffentlicht im Oktober 1917 in der Zeitschrift Prosweschtschenije. Hier zitiert nach: Wladimir ­Iljitsch Lenin: Werke, Band 26. Dietz Verlag, Berlin 1960, Seiten 153–158

Grigori Jakowlewitsch Sokolnikow, 1888 in Romny im Gouvernement Poltawa als Sohn eines Arztes geboren, schloss sich 1905 als Jurastudent in Moskau den Bolschewiki an. 1908 wurde er nach Sibirien verbannt, floh aber nach sechs Monaten von dort und gelangte nach Paris, wo er an der Sorbonne studierte. 1917 kehrte er mit Lenin nach Russland zurück und übernahm verschiedene Funktionen in der Partei der Bolschewiki. Er wurde mit der Abfassung eines Entwurfs für das neue Parteiprogramm beauftragt. 1918 unterzeichnete er an Stelle von Trotzki das Abkommen von Brest-Litowsk mit dem deutschen Kaiserreich. 1922 wurde er zum Volkskommissar für Finanzen ernannt, 1929 als Botschafter nach London entsandt. 1936 wurde er verhaftet und im Prozess gegen mehrere alte Bolschewiki zu zehn Jahren Haft verurteilt. Nach offizieller Version erschlugen ihn Mithäftlinge am 21. Mai 1939 in einem Straflager am Ural. Eine Recherche des KGB in den Jahren 1956 bis 1961 ergab, dass er auf Anordnung der damaligen NKWD-Führung ermordet wurde. Das Oberste Gericht der UdSSR rehabilitierte ihn 1988.

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