Aus: Roter Oktober, Beilage der jW vom 01.11.2017

Chronik der Revolutionen

Von der Zarenherrschaft zur Sowjetmacht: Russland zwischen Februar und November 1917

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Die Zeitangaben in der folgenden Übersicht basieren auf dem seinerzeit in den ­meisten europäischen Staaten gebräuchlichen Gregorianischen Kalender, der in Russland erst im Februar 1918 eingeführt wurde. Bis dahin galt dort der Julianische Kalender, der dem Gregorianischen um 13 Tage hinterherging. Die erste russische Revolution des Jahres 1917 begann am 23. Februar nach Julianischem Kalender, das entsprach dem 8. März des Gregorianischen Kalenders. Die zweite Revolution fand am 25. Oktober beziehungsweise am 7. November statt.

Februar/März

Im dritten Winter des vom deutschen Kaiserreich gegen die Mächte der Entente – Großbritannien, Frankreich, Russland – 1914 losgetretenen Ersten Weltkrieges treibt die Unzufriedenheit von städtischem Proletariat, armen Bauern und Soldaten in Russland auf einen neuen Höhepunkt zu. Nach zahlreichen Demonstrationen und Arbeitsniederlegungen im Februar wird am 8. März in Petrograd, der Hauptstadt des Zarenreichs, zum Generalstreik aufgerufen. Zu dessen Niederschlagung befiehlt Zar Nikolaus II. den Einsatz des Militärs. Die Soldaten verweigern den Befehl und ziehen gemeinsam mit den Streikenden durch die Stadt an der Newa. Delegierte aus Betrieben und Kasernen bilden am 12. März nach dem Vorbild der Revolution von 1905 den Petrograder Sowjet – den Rat der Arbeiter- und Soldatendeputierten. Auch in Moskau und anderen Städten werden Räte gebildet. Das vom Zaren an der kurzen Leine gehaltene Parlament, die Staatsduma, kündigt unter dem Druck der sich überstürzenden Ereignisse Nikolaus II. die Gefolgschaft und zwingt ihn so zum Thronverzicht. Am 20. März verfügt eine aus der Duma heraus von Fürst Georgi Lwow gebildete Provisorische Regierung die Gefangennahme der gesamten Zarenfamilie. Zugleich werden Presse- und Versammlungsfreiheit sowie weitere demokratische Grundrechte verkündet. Die Regierungsbefugnisse sind jedoch vom ersten Tage an beschränkt: Befehl Nr. 1 des vereinigten Sowjets der Arbeiter- und und Soldatendeputierten besagt u. a., dass Befehlen der Staatsduma bzw. der Provisorischen Regierung nur Folge zu leisten ist, wenn diese nicht im Widerspruch zu Beschlüssen und Befehlen des Sowjets stehen. Diese Doppelherrschaft wird zu einem Charakteristikum der nächsten Monate.

April/Mai

Die von der Regierung verfügte Am­nestie für politische Vergehen ermöglicht auch den zur Verbannung bzw. Emigration verurteilten Bolschewiki der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Russlands (SDAPR/B) und anderen Linken, in die Heimat zurückzukehren. Besonders spektakulär ist die Reise von Wladimir Iljitsch Lenin und einigen Getreuen aus der Schweiz nach Petrograd. Mit der von Deutschland gestatteten Durchreise – sie wurde von der Reaktion mit Spionagevorwürfen gegen Lenin und seine Begleiter ausgeschlachtet – erhoffte sich das Kaiserreich angesichts der bolschewistischen Antikriegshaltung eine entscheidende Schwächung des Kriegsgegners. Nach zehntägiger Reise wird Lenin auf dem Finnischen Bahnhof in Petrograd stürmisch begrüßt. In einem am folgenden Tag, dem 17. April, veröffentlichten Text (April-Thesen) wendet er sich gegen die Unterstützung der von bürgerlichen und Kapitalinteressen geleiteten Provisorischen Regierung und deren Kurs auf Schaffung einer parlamentarischen Republik. Aktuell sei vielmehr die Losung »Alle Macht den Sowjets!« Die im Volk populäre Forderung nach Frieden sei ohne Sturz der Kapitalherrschaft unmöglich.

Der ungeachtet dieser Forderung von der Regierung weiterverfolgte Kriegskurs, d. h. die Teilnahme am Weltkrieg auf seiten der Westmächte, hat Konsequenzen; in der Hauptstadt verweigern die Soldaten dem Chef des Petrograder Militärbezirks, dem Kosakengeneral Lawr Kornilow, den Gehorsam. Es kommt zu einer Regierungskrise. Kriegs- und Außenminister treten von ihren Ämtern zurück; dafür holt Fürst Lwow am 18. Mai sechs rechte Sozialdemokraten – Menschewiki und Vertreter der aus Anarchisten und Volkstümlern hervorgegangenen »So­zialrevolutionäre« – in sein 16köpfiges Kabinett. Kriegsminister wird der So­zialrevolutionär Alexander Kerenski, der bisher das Justizressort geleitet hat.

Juni/Juli

Der neue Kriegsminister sorgt zunächst für die faktische Rücknahme des Sowjetbefehls Nr. 1; in der Armee sind damit der Willkür der Vorgesetzten wieder Tür und Tor geöffnet. Ganz im Sinne der Militärführung ist auch eine von Kerenski zum 1. Juli angeordnete Großoffensive an allen Fronten, die von der Mehrheit der Deputierten des I. Gesamtrussischen Sowjetkongresses (16. Juni bis 7. Juli) gebilligt wird. Gegen die Stimmen der 533 Menschewiki und Sozialrevolutionäre haben die 105 bolschewistischen Delegierten keine Chance. Das hat neue Massenaktionen gegen den Krieg zur Folge – und ein Demoverbot der Regierung. Am 17. Juli – die Offensive ist nach anfänglichen Erfolgen kläglich zusammengebrochen – wird in Petrograd ein Aufmarsch von 500.000 Demonstranten blutig auseinandergeschossen; zurück bleiben 400 Tote und Verletzte. Fürst Lwow tritt am 21. Juli vom Amt des Regierungschefs zurück, sein Nachfolger wird Kerenski, der außerdem Kriegsminister bleibt und postwendend den reaktionären General Kornilow zum Oberbefehlshaber der Armee bestellt. Parallel zu dem von der Regierung verfügten Demonstrationsverbot werden nach einer Geheimliste Kerenskis namhafte Funktionäre der SDAPR/B verfolgt und verhaftet. Auch Lenin wird wegen Hochverrats bzw. Vorbereitung eines bewaffneten Aufstandes angeklagt. Auf Beschluss der Partei taucht er in die Illegalität ab – erst Mitte Oktober wird er illegal nach Petrograd zurückkehren. Mit dem Verrat von Menschewiki und Sozialrevolutionären und der Auslieferung der Sowjets an die Kriegsbefürworter ist die bisherige Doppelherrschaft faktisch am Ende.

August/September

In dieser Situation tritt am 8. August unter halbillegalen Bedingungen in Petrograd der VI. Parteitag der ­SDAPR/B zusammen (bis zum 16. August). Seine 175 Delegierten vertreten 176.750 Parteimitglieder. Statt der bisherigen Losung »Alle Macht den Sowjets« rückt nach kontroversen Debatten schließlich die Vorbereitung des bewaffneten Aufstandes in den Vordergrund, während Kerenski, Kornilow und Co. ihrerseits auf einen »Tag X« hinarbeiten. Dem dient u. a. eine für den 25. August klammheimlich nach Moskau einberufene »Staatsberatung«. Anfang September setzt General Kornilow mit seinen Truppen zu einem Marsch auf Petrograd an, um das dort gebündelte revolutionäre Potential zu zerschlagen. Doch der in der Newa-Metropole geplante Militärputsch scheitert am energischen Widerstand der revolutionären Arbeiter und Soldaten. Kerenski ist gezwungen, den Putschgeneral abzusetzen und zu verhaften. Die Bolschewiki erhalten weiteren Zulauf, in den Sowjets von Petrograd, Moskau und vielen anderen Städten haben sie inzwischen die Mehrheit.

Oktober/November

Zu Beginn der entscheidenden Wochen verfügt die Revolution vor allem in der Hauptstadt, aber auch in anderen Zentren des Landes über eine zuverlässige Armee von Kämpfern; allein in Petrograd sind es weit mehr als 200.000 Mann: rund 20.000 Rotgardisten, 60.000 Matrosen der Baltischen Flotte und 150.000 Soldaten der Petrograder Garnisonen. Ihnen gegenüber stehen etwa 40.000 bewaffnete Unterstützer der Konterrevolution. Die Koordinierung der Aufstandsvorbereitung liegt in den Händen des am 25. Oktober unter der Leitung von Leo Trotzki gebildeten revolutionären Militärkomitees. Am Abend des 6. November ist es soweit: Rotgardisten besetzen die Druckereien der bürgerlichen Zeitungen, kurz vor Mitternacht blockieren Matrosen und Soldaten Post- und Telegrafenamt; bei Tagesanbruch werden Bahnhöfe und Brücken, Staatsbank und Telefonzentrale gesichert. Im Laufe des Tages werden die Zugänge zum Winterpalais, dem Sitz der Regierung, abgeriegelt. Nachdem am Abend auch das Armeehauptquartier besetzt worden ist, gibt wenig später ein Schuss aus dem Buggeschütz des in der Newa ankernden Kreuzers »Aurora« das Signal zum Sturm auf das von Offiziersschülern und einem Frauenbataillon nur schwach verteidigte Winterpalais. Während Kerenski die Flucht ergreift, werden die anwesenden Regierungsmitglieder verhaftet. Mit lediglich sechs Todesopfern verläuft der Aufstand weitgehend ohne Blutvergießen.

Noch in der Nacht zum 7. November tritt im Smolny der II. Gesamtrussische Sowjetkongress zusammen. Von den rund 650 Delegierten sind 390 Bolschewiki, 160 Sozialrevolutionäre und 72 Menschewiki. Auf die Nachricht von der Machtübernahme durch das revolutionäre Militärkomitee hin verlässt ein Teil der Menschewiki und Sozialrevolutionäre die Tagung, die im weiteren Verlauf die ersten Dekrete der neuen Sowjetmacht verkündet und den von den Bolschewiki vorgeschlagenen Rat der Volkskommissare bestätigt.

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