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Aus: kinder, Beilage der jW vom 01.06.2013

»Das Verlangen, in einer ­anderen, besseren Welt zu leben«

Gespräch mit Bini Adamczak. Über »Kommunismus für Kinder«, Begehren, Bügeleisen, Schule, Internet und die Selbstüber- und Selbstunterschätzung von Intellektuellen
Von Interview: Christof Meueler
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Bini Adamczak, Jahrgang 1979, ist eine Autorin, Philosophin und Künstlerin aus Berlin. 2004 veröffentlichte sie im Unrast Verlag Münster das Buch »Kommunismus für Kinder«, 2007 erschien bei Unrast »Gestern Morgen. Über die Einsamkeit kommunistischer Gespenster und die Rekonstruktion der Zukunft« (zweite Auflage 2011 bei Unrast und Edition Assemblage)


Haben Sie Ihr Buch »Kommunismus für Kinder« für Kinder geschrieben?

Nein, ich habe es für meine Freundinnen geschrieben. Erwachsene, die fürs Kindische empfänglich sind, sind die hauptsächlichen Leserinnen.

Aber es ist in einer Kindersprache geschrieben.

Weil das nötig war. 2003 gab es in Frankfurt/Main den großen Kongreß »Indetermintate! Kommunismus«. Damit war dieses Wort wieder in einer breiteren Öffentlichkeit, zum ersten mal seit langem mit positiver Konnotation. In Vorbereitung darauf und im Rahmen eines Uni-Seminars beschäftigte ich mich intensiver mit Marx. Ich wollte die verstreuten Stellen in seinem Werk zusammensuchen, in denen er beschreibt, wie er sich den Kommunismus vorstellt. Doch als ich versuchte meine Ergebnisse aufzuschreiben, bekam ich eine Schreibblockade.

Eines Morgens aber, nach einer langen Nacht, in der ich am Schreibtisch wieder nichts zustande gebracht, aber viel getrunken und geraucht hatte, kam die Erkenntnis: Über Kommunismus kannst du nicht in einer wissenschaftlichen Sprache schreiben. Über Kommunismus kannst du nur in einer Sprache des Begehrens schreiben, eines kommunistischen Begehrens. Das Verlangen, in einer anderen, besseren Welt zu leben, über die schmerzhaften Begrenzungen der gegenwärtigen Welt hinauszugehen. Und das muß in einer Sprache geschehen, die dieses Begehren ausdrücken und wachrufen kann. So kam ich auf die Kindersprache: Kommunismus für Kinder.

Und dann flutschte es?

Ja, das ging schnell. Zwei-, dreimal habe ich mich an den Computer gesetzt und den Text runtergeschrieben. Ich habe ihn Freundinnen vorgelesen und mit ihnen viel gelacht. Einige von ihnen organisierten den Kommunismus-Kongreß. Sie sagten: Den mußt du unbedingt auf dem Kongreß lesen. Das habe ich getan.

Wie war der Kongreß ansonsten?

Er war sehr gut besucht. Es traten sehr bekannte Intellektuelle auf. Sie sprachen über das, über was sie auch sonst sprechen. So ging es relativ wenig um Kommunismus. Das war für viele enttäuschend – entsprechend erfolgreich war die Lesung.

Und aus der Lesung »Kommunismus für Kinder« wurde auch ein erfolgreiches Buch.

Nach der Lesung, zu der Tanja Kämper (wie seit dem immer) Musik auflegte, sprachen mich viele Leute an. Die meisten wollten ein Hörbuch, aber ich wollte ein Buch. Ich hatte das kurze Manuskript verschiedenen Verlagen angeboten. Der Konkret Literatur Verlag antwortete: »Vielen Dank, aber 23 Seiten sind kein Buch.« Der anarchistische Trotzdem-Verlag, zeigte erst Interesse, bekam dann aber Skrupel: »Ich habe das Manuskript einer Montessori-Pädagogin gezeigt, und sie hat gesagt: ›Das ist gar kein Kinderbuch‹«, schrieb man mir. Auf der Lesung war allerdings auch ein Genossenschaftler vom Unrast-Verlag gewesen, der es dort nochmal vorschlug, denn die hatten mir beim ersten Mal gar nicht geantwortet. Nun schrieb Willi Bischof: »Machen wir, aber Du mußt ein theoretisches Nachwort machen, damit die Leute sehen, daß du auch seriös kannst.«

Je abstrakter, desto ernsthafter. So denken viele?

Eine der schönsten Lesungen hatte ich in Göttingen. In der anschließenden Diskussion wurde kritisiert: »Ja, ganz gut, aber du behandelst überhaupt nicht die Revolution!« Ich antwortete: »Du hast recht. Ich behandele übrigens auch nicht den Klassenkampf, der Staat ist völlig untertheoretisiert, das Geld wird nicht erklärt und so weiter und so fort.«

Statt dessen geht es um Verdinglichung. Über das Problem, daß Menschen in der Fabrik zwar Waren herstellen, aber dabei das Gefühl entwickeln, daß sie selbst die Objekte wären und nicht die Dinge, die sie produzieren. Warum sind das bei Ihnen eigentlich Bügeleisen?

Und keine Autos? Ein Kinderbuch muß anschaulich sein. Dabei besteht aber die Gefahr, herrschende Klischees einfach fortzuschreiben. Etwa, wenn du nach einer typischen Ware suchst. Das Auto ist ein klassisch-fordistisches, sogenanntes männliches Produkt. Ich wollte aber den oft vernachlässigten Bereich der Reproduktion thematisieren, die sogenannte weibliche Arbeit. Also wählte ich das Bügeleisen. Das ist auch ganz gut angekommen. Ich bin mal auf eine Lesung eingeladen worden, da trugen die Leute im Publikum kleine Buttons mit einem durchgestrichenen Bügeleisen drauf.

Eine andere Gefahr besteht darin, Herrschaft zu personalisieren. Ich bin mit Kinderbüchern aufgewachsen, die von Zwergen und Riesen handelten. Die Zwerge sind die Guten und die Riesen die bösen Kapitalisten. Der Kapitalismus erscheint als Ausdruck von derem schlechten Charakter, ihrem Geiz usw. Diese Bösen haben Zylinder und Zigarre, und manchmal fehlt nicht viel zur antisemitischen Karikatur. Solche Stereotypen mußten verhindert werden. Deshalb habe ich die Figur der Fabrik erfunden. Sie ist eigentlich ein Produkt der menschlichen Arbeit, doch sie hat sich verselbständigt. Und selbst sie wird nicht dämonisiert: An einer Stelle weint sie, weil sie nichts mehr verkaufen kann.

Ich könnte mir vorstellen, daß zumindest Teile Ihres Buchs auch von Fünfjährigen verstanden werden könnten. Allerdings werden die nicht die geschilderten sechs Versuche, den Kommunismus einzuführen, historisch zuordnen können. Auch ich habe da meine Schwierigkeiten. Da gibt es als ersten Versuch, eine Art Super-Links-SPD-Staat...

...1998 war der Wahlslogan der SPD »Nicht alles anders, aber vieles besser«. Darauf bezog sich auch der Untertitel »Kleine Geschichte, wie endlich alles anders wird«, den ich heute falsch finde. Im Versuch Nummer 1 sagen die Menschen: »Es muß ja nicht gleich alles anders werden«. Aber es ändert sich fast gar nichts.

Auch die Geldabschaffung unter schwarz-roter Fahne scheitert, im zweiten Versuch.

Das ist der Proudhonismus, wo sich auf die Frage konzentriert wird, wie wir arbeiten wollen. Demokratisierung der Arbeitsweise bei gleichzeitiger Ablehnung einer gesellschaftlichen Koordination. Hinterrücks werden so wieder Marktverhältnisse reproduziert, und die Fabriken müssen miteinander konkurrieren.

Dann gibt es eine Art DDR, in der die Funktionäre unter einem starken Imageverlust leiden, weil es zu wenig zu verteilen gibt.

Ja, eine eher schwache Real-Soz-Beschreibung…

Doch im Schlaraffenland einer Party-Linken, wo nur noch konsumiert wird, weil die Maschinen alles erledigen, fühlt sich bei Ihnen auch niemand wohl. Die Leute schlafen ein.

Eher hedonistisches und antideutsches Milieu.

Und dann scheitern die Macht-kaputt-was-euch-kaputt-macht-Punks, die erst mal alles zertrümmern.

Modell Maschinenstürmer.

Und der sechste Versuch...

...ist eine Art offene Verhandlung, unabgeschlossen.

Darin beginnen die Buch-Menschen, aus dem Buch heraus mit der Autorin zu sprechen.

»Hallo du, was machst du da eigentlich? Hör auf, uns die Geschichte vorzuschreiben!«

Elegant aus der Affäre gezogen.

Richtig. Und ein konventionelles Format, das genau da reinpaßt.

Bei den Lesungen lasse ich mittlerweile Cyber-Hedonismus und Maschinenstürmerei weg, weil sie die Zuhörenden verwirren.

Viele Linke sagen, man müßte die Theorie noch einmal stärker durchdenken, bevor man mit der Praxis anfängt.

Diese Art von Denken macht mich fertig. Ich habe in Frankfurt studiert und eine adornitische Ausbildung erhalten: das Bilderverbot der Utopie. Dagegen arbeite ich seit Jahren. So ein Bilderverbot läßt sich heute nicht mehr verantworten. Wie können wir noch sagen, wir könnten keine Aussage über die zukünftige kommunistische Gesellschaft treffen, wenn wir auf eine 100jährige Geschichte der Versuche, sie zu realisieren, zurückblicken? Versuche, die gräßlich gescheitert sind und die wir untersuchen müssen, um zu etwas anderem zu kommen.

»Kommunismus für Kinder« wendete sich aber erst mal gegen das Ende der Geschichte, gegen Margaret Thatchers Behauptung »There is no alternative«. Es ging darum, eine Alternative wieder denkbar und wünschbar zu machen. »Kommunismus für Kinder« sagt in Anlehung an Brecht: Kommunismus ist das Einfache, das leicht zu wünschen ist. Daß es schwer zu machen ist, war nach dem ausgerufenen Ende der Geschichte gar nicht mehr die Frage. Sondern ob wir mutig genug sind, uns etwas anderes zu erträumen. Daher die Kindersprache.

Steckt hinter dem »kommunistischen Begehren« der nicht-korrumpierbare kindliche Wunsch, sofort etwas haben zu wollen?


Katja Diefenbach hat mir bescheinigt, das wäre eine romantische Rückprojektion von Erwachsenen auf Kinder. Gibt es das authentische Kind, das nur das Gute will? Nein, das ist eine Phantasie. Kinder sind nicht immer nur die Lieben, sondern mitunter auch extrem egoistisch und gar nicht kooperativ. Deshalb bin ich skeptisch gegenüber der Idee des reinen kindlichen Wunsches.

Aber ich glaube schon, daß es eine bestimmte Fähigkeit zu wünschen gibt, die durch Erziehung und Erfahrung abgewöhnt wird. So wie das ganze Schulsystem darauf ausgelegt ist, eine prinzipielle Neugierde, die die meisten Menschen mitbringen (Warum geht die Sonne unter? Warum gibt es Geld? Warum, warum, warum?) abzustellen, weil ab der ersten Klasse bestimmte Inhalte nach Lehrplan aufgezwungen werden. Und dann sitzt du später da und fragst dich: Warum war ich 13 Jahre in der Schule und weiß trotzdem nicht, wie eine Waschmaschine funktioniert?

Weil die Schule eine ideologischer Staatsapparat ist.

Der die Aufgabe hat, zu homogenisieren, zu hierarchisieren, zu selektieren und zu disziplinieren.

Heute hoffen viele auf das Internet.

Es geht nicht so sehr um Technik, sondern um die gesellschaftliche Experimentierfelder. Der kapitalistische Tausch ist eine hochattraktive Vergesellschaftungsform. Die Gesellschaft entsteht gerade dadurch, daß jede nur nach ihrem individuellen Interesse handelt – »gibst du mir dies, geb ich dir das.« Was könnte attraktiver sein als dieser Tausch? Das Geschenk. Etwas bekommen ohne Gegenleistung. Das merken die Leute im Internet. Und weil diese Produktionsweise spontan plausibler ist, muß sie so heftig vom Staatsapparat mitsamt seiner Rechtsgewalt bekämpft werden.

Sie vertreten einen emphatischen Kommunismus-Begriff. Wie gehen sie mit den organisierten Kommunisten um?

Im Kinderkommunismus-Buch ist die Punchline »Nein, nein, das war nicht der Kommunismus«. In meinem späteren Buch »Gestern Morgen« habe ich das noch einmal aufgegriffen und geschrieben: »Nein, das war nicht der Kommunismus, aber es war auch nicht nicht der Kommunismus«. Denn wenn der Realsozialismus mit Partei, Staat und Militär die Hälfte der Erdoberfläche beherrscht hat, dann kann ich nicht heute als völlig marginalisierte Kommunistin sagen: »Nee, das hat nix miteinander zu tun«. Im Gegenteil: Wir kriegen dieses Erbe nicht mehr los. Nichts hat dem Kommunismus so sehr geschadet wie der Stalinismus. Dagegen verblaßt selbst der extrem brutale Antikommunismus.

»Gestern Morgen« erzählt diese Geschichte rückwärts um den Punkt des Scheiterns zu identifizieren: 1939 die Auslieferung von 400 exilierten Kommunistinnen an die Gestapo, 1936 die Moskauer Prozesse, 1927 die Ausschaltung der Linksopposition, 1921 Kronstadt, 1917 der Oktoberputsch. Doch die Suche nach einem reinen Ausgangspunkt ist ebenso illusorisch wie die Hoffnung auf eine völlig harmonische Gesellschaft. Wer sich von dem Gedanken der Reinheit leiten läßt, endet wieder bei der Reinigung.

Und die Kinder? Haben Sie das Buch Kindern schon einmal vorgelesen?

Das werde ich nach den Lesungen mit am häufigsten gefragt. Aber nein. Ich habe es mal vor einer Schulklasse vorgelesen. Neuntklässlerinnen aus Hamburg. Ich habe zugesagt unter der Bedingung, daß es keine Pflichtveranstaltung ist, denn zum Kommunismus kann nur kommen, wer will. Da haben die sich darauf eingelassen, und dann saß ich mittags vor sieben, acht Schülerinnen. Ich war aufgeregt und habe mich beim anschließenden Gespräch dabei ertappt, wie ich versuchte, Jugendslang zu sprechen. Dann hat die Lehrerin in einer Gesprächspause interveniert und die Schülerinnen gefragt, ob ihnen das Buch bei ihrer zukünftigen Berufswahl geholfen hätte? Da war Schluß mit Diskussion.

Bei anderen Lesungen saßen immer wieder Kinder in den Lesungen. Das macht mich nervös. Denn dann will ich unbedingt, daß es denen gefällt. Wenn die aber gähnen oder gehen wollen kann ich mich sehr schlecht konzentrieren.

Ich habe viele Bekannte, die das Buch verwandten Kindern gegeben haben. Die Rückmeldungen sind meist positiv. Vor ein paar Jahren bekam ich eine Mail von einem elfjährigen Mädchen. Die kann ich auswendig: »Betreffzeile: Buch. Liebe Binni (mit Doppel-N), dein Buch hat mir gut gefallen. Wann kommt das nächste? Wird es auch wieder so viel gute Beispiele haben? Manche Leute sagen, daß das Kommunismus etwas schlechtes ist. Habe ich etwas falsch verstanden? Liebe Grüße, Sarah.«

Alles eine Frage der Praxis.

Es gibt diese Ansicht, Theoretikerinnen dürften und könnten keine Aussagen über die Zukunft treffen, das würde alles die Praxis entscheiden. Das ist eine Selbstunterschätzung und eine Selbstüberschätzung. Erstens: Wenn eine Theorie es schafft, den Kapitalismus zu kritisieren, warum soll sie dann nicht die historischen Versuche seiner Überwindung kritisieren können? Dann kann sie auch genauer sagen, wie die Zukunft nicht aussehen und wie sie eher aussehen soll. Zweitens: Wenn eine Theoretikerin sagt: So und so soll es in Zukunft aussehen, dann gehen doch nicht alle Leute hin und führen das aus, schön nach Plan so wie es im Buche steht. Was ist das für ein Quatsch? Das ist eine peinliche Selbstüberschätzung von Theoretikerinnen, die sich über ihre tatsächliche Einflußlosigkeit belügen. Wer theoretisch und historisch gebildet ist, hat die Möglichkeit und vielleicht auch die Aufgabe, Vorschläge zu unterbreiten. Und wenn die Vorschläge gut sind und das Glück nachhilft, sind diese Vorschläge vielleicht für die Menschen überzeugend.

Wie die Praxis aussieht, ist ein Problem der Theorie. Aber die Möglichkeit von Theorie hängt auch an Praxis. Ich wurde mal von älteren Genossinnen gefragt: Kannst du dir eigentlich vorstellen wie das ist, auf einer Demo zu sein und zu gewinnen?

Die Bilder in dieser Beilage stammen aus den beiden Büchern »Stell die Welt auf den Kopf« und »Alles Farbe!« des Berliner Künstlerinnenkollektivs »Atelier Flora«. Wir danken dem Verlag Beltz & Gelberg für die freundliche Genehmigung zum Nachdruck.