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Aus: feminismus, Beilage der jW vom 08.03.2013

Schwerstarbeiterinnen

Jung, stark, selbstbewußt – und selbst mit guter Ausbildung oft ohne Perspektive: Migrantinnen mit Kindern. Für sie und mit ihnen lohnt es sich zu kämpfen
Von Anja Röhl
Bild 1
»Zusammen kämpfen gegen Patriarchat, Ausbeutung und Unterdrückung!« – Demonstration durch Berlin-Neukölln (März, 2011)

Neulich in einem Lehrgang, Ausbildung zur Kinderpflegehilfe. Ich wundere mich. Vor Jahren wurde die dreijährige Kinderpflegeausbildung abgeschafft, für die ein Hauptschulabschluß ausreichte. Mit dem Argument, man brauche hochqualifiziertes Personal, wurde nur noch die Erzieherinnenausbildung gefördert, für die die Mittlere Reife Voraussetzung ist. Jetzt plötzlich braucht man Personal, der vom Bund angeordnete Ausbau der Kleinkinderbetreuung macht es möglich – und greift auf die zurück, die man einst in die Langzeitarbeitslosigkeit gestoßen hat. Die Teilnehmerinnen des Seminars haben alle drei bis fünf Kinder, dabei sehen sie noch so jung aus. Eine ist sogar ausgebildete Erzieherin. Was machen Sie denn hier, frage ich? »Geparkt«, antwortet sie. Seit Jahren bekomme sie keinen Job. »Ich bin hier geboren, und wenn ich anrufe, ist erstmal immer alles klar. Die Leute sind erfreut. Aber kaum sehen sie mich, kühlt sich das ab.« – Die Frau trägt ein Kopftuch.

Alle haben umfangreiche Erfahrungen. Sie erzählen, wie sie versuchen, ihre Kinder in einer immer kälter werdenden Welt zu guten Menschen zu machen. Nicht immer gelingt das. Deutlich wird: Frauen sind heute auf sich allein gestellt. Erst recht, wenn sie arm sind und aus »schwierigen« Verhältnissen kommen. Alle berichten von Benachteiligungen von frühester Kindheit an. Ihre Lehrerinnen beschwerten sich über ihre Unruhe, schlossen sie von Spielen aus, warfen ihr Schlüsselbund nach ihnen, die Mahlzeiten mußten aufgegessen werden, sonst durfte man nicht spielen.

Alle haben zum Thema Kinderpflege ganz viel zu sagen. Eine berichtet, ihr Mann habe sie blutig geschlagen. Ihre Tochter sei dabei gewesen, seitdem bringe das Mädchen ihr keine Achtung mehr entgegen. Die gesellschaftlichen Verwerfungen, die Knappheit in allem, was der Kapitalismus seinen Ärmsten an Almosen hinwirft, die Verwaltungsmaschinerie, die die erwerbslosen Mütter auf Trab hält – in diesem Umfeld müssen sie heute ihre Kinder großziehen. Ungeborgen, ungeschützt. Trotzdem lieben diese Frauen ihre Kinder alle. Sie erzählen, wie sie für sie gekämpft haben. Stark sind sie geworden im Widerstand gegen all die Benachteiligungen.

In den Zeitungen ist viel die Rede von taffen Karrierefrauen, die spielend nebenher süße Babys bekommen. Die Realität 2013 sieht anders aus. Kinder zu haben in einer Gesellschaft mit immer weiter zusammengekürzten Sozialetats wird zu psychischer und physischer Schwerstarbeit, die weder geachtet noch wirklich gefördert wird. Sie bleibt auch heute wieder, wie schon seit Hunderten von Jahren, fast ausschließlich an den Frauen hängen und benachteiligt sie in extrem hohem Maße.

Einst erkämpften Frauen – insbesondere auch mit Demonstrationen an ihrem internationalen Aktionstag – ihr Stimmrecht und damit ihre politische Gleichberechtigung (siehe Seite 7 dieser Beilage). Deren Wegbereiterinnen wurden beschimpft, bespuckt, ins Gefängnis geworfen, gefoltert, verspottet. Trotzdem sagten sie: Frauen sind die Hälfte der Menschheit und waren bereit, dafür ihr Leben zu geben. Heute wollen viele vom Wahlrecht nichts mehr wissen. Sie fühlen sich von den Parteien verschaukelt. Immer nur wird den Reichen gegeben und den Armen genommen, Deutschland führt wieder Krieg in anderen Ländern, und mit teuer hergestellten – und mit Steuergeldern bezahlten – Waffen werden in Afghanistan Frauen, Männer und Kinder umgebracht. Die Frauen in meinem Kurs glauben nicht, daß sie in diesem Staat irgend etwas mitzubestimmen hätten. Sie fühlen sich ausgeliefert. Als Männer hätten wir es einfacher gehabt, sagen sie.

Nicht zuletzt, weil die Lage von Migrantinnen auch in diesem wohlhabenden Land so skandalös ist, bleibt der Internationale Frauentag so wichtig: Wir dürfen nicht aufhören, gegen die Benachteiligung von Frauen weltweit, aber auch in unserem Umfeld, zu rebellieren. In der Bundesrepublik sind diese Frauen, die schon früh mit mehreren Kindern allein dastehen, die am stärksten benachteiligte Gruppe. Ihnen gegenüber ist unsere Solidarität gefragt. Damit sie wieder Mut schöpfen können.

Soeben ist bei Edition Nautilus ihr Buch »Die Frau meines Vaters« über ihre Stiefmutter Ulrike Meinhof erschienen (160 S., 18 Euro, siehe Vorabdruck in jW vom 23./24.2.)

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