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Aus: feminismus, Beilage der jW vom 08.03.2012

Bloß nicht krank werden

Die Mehrheit der Menschen hat keinen Zugang zu moderner Gesundheitsversorgung. Besondere Risiken und Lasten für Frauen durch Schwangerschaften und Verantwortung für Familie
Von Jana Frielinghaus
Hebammen in der BRD kämpfen seit mehr als zwei Jahren gegen exor
Hebammen in der BRD kämpfen seit mehr als zwei Jahren gegen exorbitante Haftpflichtprämien trotz Niedriglohn – hier auf einer Demonstration in Dresden im November 2010

Zum Geburtstag wünscht man, mal mehr, mal weniger routiniert, Gesundheit. Zum 8. März ist besonders den Frauen der Welt Wohlergehen zu wünschen, denn die meisten von ihnen können es sich gar nicht leisten, krank zu werden. Weil die nächste Gesundheitsstation eine oder mehrere Tagesreisen entfernt ist. Weil sie sich allein um ihre Kinder kümmern und/oder den Lebensunterhalt für die Familie erarbeiten müssen. Weil die Behandlung eines Leidens nicht nur sie selbst, sondern etliche Verwandte gleich mit in den wirtschaftlichen Ruin treiben würde. Denn das Menschenrecht auf angemessene Gesundheitsversorgung ist nur für eine Minderheit der Weltbevölkerung verwirklicht – ebenso wie das Recht der Frauen auf Selbstbestimmung über ihren Körper, darüber, ob und wie viele Kinder sie wann, wie und wo bekommen möchten.

In Industriestaaten und einigen Schwellenländern ist die medizinische Versorgung für die Mehrheit der Menschen sehr gut – verglichen mit der in der sogenannten dritten Welt. Für eine größer werdende Minderheit ist sie aber selbst in so wohlhabenden Gesellschaften wie der der Bundesrepublik ein teures, oft zu teures Gut. In den USA betrifft das Ausgeschlossensein schon längst keine Minderheit mehr: Zig Millionen Menschen haben keine Krankenversicherung, NGOs kümmern sich um eine Notversorgung für Arme, 18000 Menschen sterben jedes Jahr an heilbaren Krankheiten. Doch auch in der BRD geht der Trend weiter zur Privatisierung: Krankenhäuser, Pflegedienste, Jugendhilfe – das alles wird zunehmend von Firmen gewinnorientiert betrieben, die Pharmaforschung ist ohnehin weitgehend in der Hand von Konzernen.

Wie die Gesundheit von Frauen durch solche Entwicklungen und durch gesellschaftliche Verhältnisse allgemein beeinflußt wird, wird in den Beiträgen dieser Beilage zum Internationalen Frauentag gezeigt. Dabei ist klar, daß das Thema hier nur exemplarisch und nicht erschöpfend behandelt werden kann. Da es um Frauen geht, nimmt die sogenannte reproduktive Gesundheit einen wichtigen Platz ein: Die Fähigkeit, Kinder zu bekommen, die Not, die entsteht, wenn es ungewollt zu einer Schwangerschaft kommt, die ideologische Debatte, mit der Frauen, die Schwangerschaften beenden, kriminalisiert werden, und mit der selbst deren Verhütung als Sünde – der Frauen wohlgemerkt – verdammt wird.

Was krank macht: zu viel Arbeit, Zeitdruck, Konkurrenz. Oder das Gegenteil: zu wenig Teilhabe am Berufs- und am gesellschaftlichen Leben. Diskriminierung, Ignoranz, Einsamkeit – auch das sind Faktoren, die insbesondere die Psyche aus dem Gleichgewicht bringen. Die Wahrscheinlichkeit, an Depressionen oder an einer Angststörung zu erkranken, ist bei Frauen dabei wesentlich höher als bei Männern. Besonders betroffen sind Frauen mit Diskriminierungs- und Gewalterfahrungen. Sie sind es auch, die die seelische Belastung, die dadurch entsteht, häufiger als der Durchschnitt mit Alkohol und anderen Drogen zu kompensieren versuchen. Für Frauen, die nicht nur wegen ihres Geschlechts, sondern auch wegen ihrer sexuellen Orientierung und/oder wegen ihrer Herkunft Anfeindungen und Ausgrenzung erfahren, ist der Druck besonders groß. Migrantinnen, die aufgrund traumatischer Erlebnisse mit Krieg, Verfolgung und auf der Flucht ohnehin stärker sowohl von psychischen als auch von körperlichen Leiden betroffen sind, werden zu allem Überfluß in der Gesundheitsversorgung benachteiligt, gerade auch in der Bundesrepublik. Die Hürden für zugewanderte Frauen ohne Papiere, angemessene medizinische Behandlung zu bekommen, sind dabei besonders hoch. Denn sie müssen, wenn sie einen Arzt aufzusuchen, damit rechnen, an Behörden verraten und abgeschoben zu werden. Dabei sind ihre Chancen auf ein Bleiberecht oft nur deshalb schlecht, weil geschlechtsspezifische Fluchtursachen wie Genitalverstümmelung oder Zwangsverheiratung noch immer selten als Asylgrund anerkannt werden.