Aus: lenin, Beilage der jW vom 21.04.2010

Kein Denkmal. Ein Denkmal

Den Konterrevolutionären von 1989/90 war besonders wichtig, die Erinnerung an Lenin zu beseitigen. Nun ist sie ziemlich wach

Von Arnold Schölzel
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Im dänischen Exil schrieb Bertolt Brecht in den 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts das Gedicht »Die unbesiegliche Inschrift«, dem er zunächst den Titel »Propaganda« geben wollte. Es beruht auf einer Begebenheit, die er den 1930 auf deutsch erschienenen Erinnerungen des italienischen Revolutionärs Giovanni Germanetto entnahm, und beginnt mit den Zeilen: »Zur Zeit des Weltkriegs/In einer Zelle des italienischen Gefängnisses San Carlo/Voll von verhafteten Soldaten, Betrunkenen und Dieben/Kratzte ein sozialistischer Soldat mit Kopierstift in die Wand: Hoch Lenin!/Ganz oben, in der halbdunklen Zelle, kaum sichtbar, aber/Mit ungeheuren Buchstaben geschrieben./Als die Wärter es sahen, schickten sie einen Maler mit einem Eimer Kalk/Und mit einem langstieligen Pinsel übertünchte er die drohende Inschrift./Da er aber mit seinem Kalk nur die Schriftzüge nachfuhr/Stand oben in der Zelle nun in Kalk: Hoch Lenin!« Die Prozedur wird mit einem Maurer wiederholt, der die Inschrift auskratzt, so daß nun »Hoch Lenin!« tief eingeritzt dort steht. Das Gedicht endet: »Jetzt entfernt die Mauer! sagte der Soldat.«

Das Ende der DDR feierten Rechtsstaat und Bürgerrechtler ab 1989 (ähnlich dem Vorgehen der Taliban in Afghanistan) u.a. mit der Vernichtung von Bibliotheken und Büchern, Galerien und Gemälden, der Beseitigung von Polikliniken und Akademien, der Säuberung von Hochschulen und Medien. Umsichtig tauschte man sozialistische, kommunistische und antifaschistische Straßennamen aus. Die Clara-Zetkin-Straße in Berlin heißt wieder nach einer Hohenzollernprinzessin. In vielen Orten vergriffen sich die vom kommunistischen Joch »Befreiten« an Friedhöfen und Gedenkstätten, die den bei der Niederringung des deutschen Faschismus gefallenen Soldaten der RotenArmee gewidmet waren, bis sich Rußland bei der Bundesregierung nach Vertragstreue erkundigte.

Besonders wichtig war offenbar die Beseitigung des Lenin-Denkmals auf dem nach dem russischen Revolutionär benannten Platz in Berlin. Dessen nahm sich der Senat selbst an. Man ließ das Stadtbezirksparlament Friedrichshain zunächst zufriedenstellend abstimmen, dann strich Stadtentwicklungssenator Volker Hassemer (CDU) das Lenin-Monument von der Denkmalliste, auf die es die DDR, und nicht der Stadtbezirk, gesetzt hatte. Herr Hassemer ist übrigens ein juristisch gebildeter Bürger-Taliban, der heute z. B. neben Richard von Weizsäcker oder dem Frontstadtjournalisten Jürgen Engert dem Kuratorium der »Freunde der Antike auf der Museumsinsel Berlin« angehört. Widerstand der Anwohner vom Leninplatz hatte selbstverständlich keinen Erfolg – es handelte sich nur um Ostdeutsche. Am 8. November 1991, einen Tag nach dem Jahrestag der Oktoberrevolution, begann der Abriß, der sich wegen andauernder Protestaktionen bis Februar 1992 verzögerte. Den Ausradierern war der Vorgang so wichtig, daß sie die Demontage des Denkmalkopfes in die westdeutsche DDR-Blödelei »Good by Lenin« einfügten. Die 129 Teile des Denkmals wurden in einer Sandgrube versenkt. 2009 streute man Gerüchte, den Kopf zusammen mit Teilen anderer geschliffener Denkmale auf Dauer in der Zitadelle Spandau auszustellen. Die Westberliner Frontstadtpresse reagierte mit viel Schaum. Das Denkmal ist weg und doch da.

Das hat Peter Hacks gewußt, wie in seinem Gedicht »Denkmal für ein Denkmal« nachzulesen ist. Es beginnt mit den Zeilen: »Was für ein roter Fels im Heide­sand, /Wirre Blöcke, ungefügte Kloben?/Wie gelangt Granit ins märkische Land?/Welche Eiszeit hat ihn hergeschoben?« Es endet: »Terror kann der Leninbilder spotten, /Doch nicht Lenins Wort im Wald versenken./Terror kann die Denkmäler verschrotten, /Nicht das Denken.«

Reaktionäre hinterlassen stets viele Tote und Dummheiten. Die Konterrevolutionäre von 1989/90 begannen mit letzteren und lassen seither mehr und mehr Kriegstote folgen. Ihr Problem: Lenin hat auch diesen Ablauf schon notiert. Weil er zur Gegenwart eine Menge zu sagen hat, ist das beseitigte Denkmal immer noch eins. Es denkt im Lande.

Von Hugo Chávez empfohlen: Lenins »Was tun? Brennende Fragen unserer Bewegung«. Eine Diskussion mit Ellen Brombacher, Willi Gerns und Erich Hahn, Moderation: Arnold Schölzel. Donnerstag, 22. April, 19 Uhr, jW-Ladengalerie, Torstraße 6, 10119 Berlin

Die Montagen dieser Beilage gestaltete die jW-Fotoredaktion

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