Der Schwarze Kanal: »Sender Jerewan««
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Aus: uni-spezial, Beilage der jW vom 14.05.2008

Abseits der Schmuddelkinder

In Potsdam lernt die Elite jetzt im Palais. Während in den staatlichen Universitäten die Lampen von der Decke fallen, päppelt die Wirtschaft ihre Nachwuchskader an Privatunis
Von Ralf Wurzbacher
Bild 1

Ganz schön elitär ging es zu am 6. Mai in Potsdams historischer Mitte. 140 Würdenträger aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft hatten sich ein Stelldichein gegeben, um den Umzug der University of Management and Communication (UMC) ins altehrwürdige Palais am Stadtkanal zu begießen. Damit, so Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD) in seiner Laudatio, sei die UMC »endgültig im Land Brandenburg, in der Landeshauptstadt Potsdam angekommen«. Dort befindet sich die private Fachhochschule freilich schon seit ihrer Neugründung vor drei Jahren. Nur war den Verantwortlichen der alte Hauptsitz in der spätklassizistischen Villa Arnim auf Dauer wohl zu popelig. Mehr Glanz und Gloria verheißt da schon das Palais im Herzen der Stadt, zu dessen Einweihung als »Kaiserliche Ober-Postdirection« Wilhelm II. ehedem persönlich anmarschiert war.

Vielleicht läßt das neue Domizil die UMC-Macher aber auch vom Expan­sionseifer des alten Preußenkönigs träumen. Denn wachsen soll die Lehranstalt für kommende Führungskräfte ganz gewaltig. Während sich auf dem bisherigen Campus gerade einmal 200 Studierende tummeln, sollen es in ein paar Jahren bereits 1500 sein. Solche Ambitionen sind verbreitet unter Deutschlands privaten Hochschulbetreibern. Selbst die drohenden Pleiten gleich mehrerer Pioniere wie der Universität Witten-Herdecke, der International University Bremen (IUB) oder der European School of Management and Technology (ESTM) in Berlin tun dem Gründungsboom bei den Busineß- und Managementschmieden keinen Abbruch.

Warum auch? Die staatlichen Massenunis sind inzwischen so weit runtergewirtschaftet, daß der Nachwuchs vor den Privathochschulen alsbald Schlange stehen müßte. Vor allem die in einigen Bundesländern eingeführten Studiengebühren dürften dazu beitragen, die Kundschaft der Privatanbieter weiter zu vermehren. Zwar sind die dabei fälligen Kosten noch um einiges höher. Dafür stehen aber dort Studienbedingungen in Aussicht, die in überschaubarer Zeit und ziemlich sicher zu einem gut dotierten Job führen. Zumal die persönlichen Berufschancen in dem Maße besser werden, wie die staatlichen Hochschulen weiter an Renommee einbüßen.

Da lassen die Verantwortlichen wirklich nichts anbrennen: Bis auf die wenigen im Rahmen der sogenannten Exzellenzinitiative mit Extramillionen hochgepäppelten Unis wird der große Rest der staatlichen Bildungseinrichtungen auf Sparflamme gehalten. Die aus dem Hochschulpakt von Bund und Ländern fließenden Mittel werden darin derart verpuffen, daß künftig höchstens ein paar mehr junge Menschen unter gleichbleibend miserablen Bedingungen studieren können. Die weit fortgeschrittene Umstellung auf die Studienstruktur Bachelor/Master sorgt allenthalben für Frust. Die beschworene Stringenz, Praxisnähe und Berufsbezogenheit des Bachelor bezahlen die Absolventen mit körperlicher Über- und intellektueller Unterforderung und einer Abbruchquote weit über Durchschnitt. Wer höher hinaus will, wird für einen Master entweder kräftig zur Kasse gebeten oder scheitert an den Zulassungshürden.

Wirklich gut studieren läßt es sich bald nur noch an den Instituten, die private Drittmittel aus der Wirtschaft eintreiben – natürlich nur zum Preis einer auf die Bedürfnisse und Vorgaben der Industrie zugeschnittenen Forschung und Lehre. Die Privaten praktizieren das in bestem Wissen und Gewissen. Die UMC Potsdam ist sogar offiziell eine »Partnerhochschule« der Wirtschaft. 150000 Euro jährlich stecken diverse Unternehmen in die Privat-FH, um sich ihre Führungskräfte hochziehen zu lassen. Bis zu 780 Euro pro Monat an Studiengebühren müssen UMC-Absolventen auf den Tisch legen. Für ein Kind durchschnittlicher Herkunft ist das unerschwinglich – Elite hat eben ihren Preis.



Zu den Fotos: Gegen miese Arbeitsbedingungen und Ausbeutung demonstrierten die Teilnehmer der Euro-May-Day-Parade am 1.Mai durch Berlin-Friedrichshain und Kreuzberg. Unsere Bilder zeigen, was die etwa 8000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer denken: Uns reicht’s ... nicht! Fotografiert hat Jakob Huber.

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