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Aus: land & wirtschaft, Beilage der jW vom 03.08.2005

Big is beautiful

Beim Thema Landwirtschaft beherrschen Klischees die Medienlandschaft. Eins lautet: Groß gleich industriell, also schlimm
Von Jana Frielinghaus

Keine Frage: Mit der Globalisierung brechen hoch standardisierte, umweltbelastende Produktionsverfahren häufig in noch funktionierende Strukturen der Subsistenzwirtschaft in Ländern der »dritten Welt« ein und zerstören tausendfach die Existenz von Menschen, die bis dahin noch unabhängig von internationalen Geld- und Warenströmen waren. Das Phänomen ist nicht neu und hat in den vergangenen Jahrzehnten massiv zu Hunger und millionenfacher Verarmung beigetragen. Klar ist auch, daß für viele Verwerfungen auf internationaler Ebene unter anderem die langjährige Subventionierung einzelner Kulturen durch die Industriestaaten verantwortlich ist, deren Ende in der EU erst sehr spät und halbherzig eingeleitet worden ist.

Die Parteinahme für die Verlierer der Globalisierung, aber auch die Art, in der gemeinhin z. B. über Futtermittelskandale berichtet wird, führt indes auch bei Linken häufig zu einer merkwürdigen Idealisierung der sogenannten »bäuerlichen« Landwirtschaft und zu einer romantischen Verklärung »traditioneller« Produktionsverfahren. Wenn es um den Agrarsektor geht, gilt die Marxsche Erkenntnis, daß der wissenschaftlich-technische eine wesentliche Bedingung für gesellschaftlichen Fortschritt insgesamt ist, offenbar nicht mehr. Bereitwillig werden auch jene von den bürgerlichen Medien und von der Politik produzierten Feindbilder übernommen, die suggerieren, daß für Umweltskandale und belastete Lebensmittel die »industrielle Landwirtschaft« verantwortlich ist. Und Bauern werden vor allem als Umweltverschmutzer und Tierquäler wahrgenommen, die auch, wenn sie nichts tun, Milliarden an Subventionen kassieren, also auf Kosten der Steuerzahler wie Gott in Frankreich leben. Was Florida-Rolf für Bild-Zeitungsleser, ist der Bauer für manchen Linken.

Gut ist in diesem Weltbild nur die »bäuerliche«, »ökologische«, »naturnahe« Landwirtschaft, was immer das sein soll. Dabei liegt es auf der Hand, daß erst die Industrialisierung der letzten hundert Jahre dafür gesorgt hat, daß der in der Landwirtschaft Arbeitende nicht mehr zu lebenslänglicher verzehrender Schwerstarbeit verurteilt ist. Zudem hat unter anderem die Entwicklung der Landwirtschaft in der DDR gezeigt, daß ein vernünftiges Maß an Industrialisierung und große Betriebsstrukturen nicht nur den Bedürfnissen des Menschen entgegenkommen, sondern daß sie auch hervorragende Bedingungen für umweltgerechtes Wirtschaften bieten. Noch heute ist in den Nachfolgeunternehmen der früheren Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften (LPG) in Ostdeutschland Urlaub für die dort Beschäftigten, anders als in vielen Familienbetrieben, eben kein Fremdwort. Und daß Größe und die von Bundesverbraucherministerin Renate Künast geforderte »Klasse« nicht von vornherein ein Widerspruch sind, zeigt auch die Tatsache, daß in Ostdeutschland etliche LPG-Nachfolger Biobetriebe sind. Sie arbeiten in der gleichen Größenordnung wie ihre »konventionellen« Kollegen, also mit Flächen von 800 bis 1500 Hektar und mit Tierbeständen von 100 bis 300 Milchkühen, betreiben also klassische »Massentierhaltung«. Für die Qualität der Produkte ist das entscheidende Kriterium letztlich weder die Größe noch das Etikett »Bio«, sondern das, was im Fachjargon »gute fachliche Praxis« genannt wird. Die meisten Landwirte haben das entsprechende Wissen. Aber nicht zuletzt der Druck auf die Erzeugerpreise verleitet dazu, bäuerliche Grundsätze wie etwa die Einhaltung von Fruchtfolgen zugunsten kurzfristiger Umsätze zu »vergessen«. War in der DDR beispielsweise jede LPG dazu angehalten, die Fruchtbarkeit der knappen Ressource Boden tunlichst zu erhalten und wegen der begrenzten Verfügbarkeit von mineralischem Dünger und Pestiziden selbige sparsam einzusetzen, so herrschte in Westeuropa der Trend zur Monokultur der Feldfrüchte, die jeweils das meiste Geld und die höchsten Beihilfen brachten.

Industrialisiert ist im übrigen zumindest in Westeuropa nahezu die gesamte Landwirtschaft – egal, ob es sich um GmbH oder Genossenschaften, Bio- oder konventionelle Höfe handelt. Einen Hof, auf dem fünf Kühe per Hand gemolken werden, findet man allenfalls dort, wo die Landwirtschaft nur noch als Hobby neben der eigentlichen Erwerbsarbeit betrieben wird. Der Regelfall sind Melkstände, in denen eine Person von 50 und mehr Tieren die Milch gewinnen kann. Und selbstverständlich werden auch in Biobetrieben die Felder mit traktorgezogenen Geräten, Mähdreschern und anderen Maschinen bestellt und nicht etwa mit dem Pferdegespann. Biotechnologische Methoden wie die künstliche Befruchtung der Tiere werden selbst in Ökobetrieben angewandt.


Futtermittelskandale, BSE, Antibiotika – immer waren kleine Klitschen genauso betroffen wie Großbetriebe. Bei etlichen größeren Produzenten in Ostdeutschland ist die Gefahr, daß belastetes Futter in Trögen und Raufen landet, dabei wesentlich geringer als bei Familienbetrieben, weil sie aufgrund ihrer größeren Flächenkapazitäten ihr Kraftfutter selbst aus heimischen Kulturen erzeugen können. Von den »Kleinen« machen das nur die Ökobauern, die übrigen kaufen zu, weil die Eigenproduktion bei kleinen Tierbeständen zu teuer ist.

Natürlich gibt es die Großagrarier vom Typus Heuschrecke, die bevorzugt in Osteuropa, aber auch in Ostdeutschland, in großem Stil landwirtschaftliche Immobilien und Ackerland aufkaufen und es, nur den kurzfristigen Profit im Sinn, förmlich aussaugen. Natürlich gibt es auch die berüchtigten Betreiber von gigantischen Puten-, Hähnchen- und Schweinemastfabriken. Ihre Umtriebe rechtfertigen es aber nicht, einen ganzen Berufsstand zu diffamieren. Denn die meisten Landwirte schuften hart für ihr – trotz der EU-Subventio-nen – mehr als bescheidenes Einkommen. Schließlich bleibt von all den Beihilfen nicht viel beim Bauern kleben. Denn er darf den größten Teil des Geldes sogleich an Futterhersteller, Saatgut-, Dünge- und Pflanzenschutzmittelmultis ebenso wie Maschinen-, Anlagen- und Fahrzeugbauer, Bauunternehmer, Banker, Versicherer und jede Menge Fachberater weiterreichen. Von der Einkommensschmälerung durch Handels- und Lebensmittelriesen ganz zu schweigen, die ihren Preiskampf auf dem Rücken ihrer Beschäftigten und der Landwirte austragen.

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