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Aus: Ausgabe vom 08.09.2007, Seite 8 (Beilage) / Wochenendbeilage

Salat für Jonathan Meese

Von Antonia Sopra
Spaziergänge sind bei Charlie tabu. In ihrem Alter ist sie nicht mehr so gut zu Fuß. Eine Fahrt mit dem Auto wird aber immer mit einem kleinen Schrei des Entzückens begrüßt. »Nach Schloß Neuhardenberg soll es gehen? Selbstverständlich komme ich mit.« Innerhalb von fünf Minuten steht die alte Dame fertig angezogen an der Wohnungstür. Als wir die Stadt verlassen, atmet sie deutlich vernehmbar auf. Seit fast hundert Jahren wohnt Charlie nun schon in Berlin. Geboren wurde sie aber mal in einem Dorf in Polen. Diese Erinnerung sitzt so tief wie der Blick von Timothy Olyphant in der US-amerikanischen Westernserie »Deadwood«, wenn er seine Waffe zieht und damit eiskalt einen jämmerlichen Banditen umlegt. Charlies Wangen sind jetzt rosarot gefärbt. Ein seliges Lächeln umspielt ihre Lippen. Nach Schloß Neuhardenberg fahren heißt, ein bißchen in frühere Zeiten fahren.

Nach etwa einer Stunde sind wir da. Charlie ist begeistert vom Schloß, das aber mehr wie ein großes Gutshaus wirkt. Drum herum noch mehr Gutshäuser und eine Kirche. Alles in Weiß. Mir ist das zu ordentlich. Ich bin hier ja auch nur wegen der Jonathan-Meese-Ausstellung. »Ausstellung von wem?« fragt Charlie. Nach fünf Minuten schüttelt sie mit dem Kopf und geht in den Park. Ich halte noch ein paar Minuten länger aus und setze mich dann auch in den Park. Meeses Werk erinnert mich an die Zeichnungen von Walter. Das ist der achtjährige Sohn meines Freundes. Nur daß bei Meese noch »Ficken, Goethe und Salatgurke« draufsteht.

Wir gucken uns auch noch die Ausstellung zum Schloß an. Ganz interessant. Besonders der Teil, der über die DDR-Zeit berichtet. Da hieß Neuhardenberg nämlich Marxwalde, und als Carl-Hans Graf von Hardenberg starb, durfte er dort nicht beigesetzt werden. »Wir haben auf dem Gebiete unserer Republik die Junker und Großgrundbesitzer von dannen gejagt und wollen weder sie noch ihre Asche wiedersehen«, sagte der Bürgermeister damals. Korrekter Satz. Hat aber keine Bedeutung mehr. Deshalb kann man das Herz des Grafen nun in der Hardenberger Kirche besichtigen. Es ist da in einer Glasvitrine hinter dem Altar aufbewahrt und sieht aus wie eine riesige Ingwerwurzel.


Charlie und ich machen doch noch einen kurzen Rundgang durch den Park. Überall sind Schilder mit der Aufschrift »Privat« angebracht. Das Schloß gehört jetzt dem Deutschen Sparkassen- und Giroverband. Schön zu wissen, wofür meine ganzen Überziehungszinsen genutzt werden. Ein Abstecher in einem Restaurant bringt uns dann an den Rand eines Nervenzusammenbruchs. Eisbein mit Sauerkraut und Königsberger Klopse? Wir haben doch noch Sommer und da haben wir den Salat: Friséesalat vom Stunk ablösen, waschen, trockenschütteln und in mundgerechte Stücke zerteilen. Tomaten waschen, vierteln, entkernen und in kleine Würfel schneiden. Halbe Salatgurke waschen, der Länge nach vierteln und quer in Scheiben schneiden. 100 g Schafskäse in kleine Stücke zerbröckeln. 1 weiche Birne waschen, vierteln, Kerngehäuse entfernen. Der Länge nach in dünne Spalten schneiden und sofort mit Zitronensaft beträufeln. Für das Dressing 1 EL Rotweinessig und 1 TL Balsamico mit 1 TL Ahornsirup, Salz und Pfeffer verrühren. Mit einem Schneebesen etwas Olivenöl nach und nach unterschlagen. Dressing über den Salat geben und gründlich mischen. Schnittlauch drüber streuen. Fertig.

Das Schloß gehört jetzt dem Deutschen Sparkassen- und Giroverband. Schön zu wissen, wofür meine ganzen Überziehungszinsen genutzt werden.

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