Zum Inhalt der Seite

Provokateure? Ein Augenzeuge berichtet

»Plötzlich sah ich neben dem wartenden Truck Menschen in unsere Richtung rennen. Auf uns kam ein Paar mit Kinderwagen zugerannt; der Mann hatte das Baby im Arm. Es flogen Steine; Werfer und Polizei stürmten heran. Wir halfen der Familie, den Kinderwagen vor die Büsche zu quetschen; das Baby wurde hingelegt, und wir stellten uns, dem Geschehen zugewandt, eingehakt um den Wagen, um das Kind zu schützen. Ein Laternenpfahl half uns notdürftig dabei.

Die Hundertschaft verschwand hinter dem Grünstreifen, die Steinewerfer blieben auf der Straße. In einer Feuerpause flüchtete das Paar mit dem Kinderwagen entlang des Grünstreifens Richtung Innenstadt. Mein Begleiter und ich standen zwischen Werfern und Polizei; wir wollten sobald als möglich die Straße überqueren, um zu unseren Freunden zu kommen. Ich versuchte, durch Rufen die Werfer zum Aufhören zu bewegen.

Die Polizisten – das konnte ich erst jetzt wahrnehmen, nachdem die Familie außer Gefahr war – standen in drei Reihen vor den sich hinter dem Grünstreifen befindlichen Häusern und rührte sich nicht! Die Steine flogen im hohen Bogen über unsere Köpfe hinweg, und ich mußte über unsere Lage plötzlich fürchterlich lachen, aber auch meine Verletzlichkeit, so ganz ohne Helm und Schutz, wurde mir bewußt. Als die Werfer nachladen wollten, versuchte ich einen von ihnen, handgreiflich daran zu hindern.
Anzeige


Dabei war etwas sehr seltsam: Der junge Mann war so jung nicht, er grinste, schüttelte mich locker ab und es fehlte jedes Anzeichen einer ­Adrenalinausschüttung, also Aggres­sion. In dem Moment hörte ich das Rufen anderer Augenzeugen: ›Haut doch ab! Ihr gehört doch zu denen. Habt ihr wenigstens die Preisschilder aus euren neuen Klamotten gemacht?‹ usw., und ein paar jüngere Männer wurden beschimpft, daß sie sich zum Mitwerfen hatten verleiten lassen. Interessanterweise war kein einziger Polizist in der Nähe, und die geschulten Werfer tummelten sich in aller Gemütsruhe in Richtung abbiegender Straße. ...«

(Diesen Augenzeugenbericht fanden wir auf nachdenkseiten.de)



junge Welt

Unabhängiger Journalismus braucht deine Unterstützung.

Bezahlmethoden:

Mit Absenden erklärst du dich mit der DSGVO-konformen Datenverarbeitung einverstanden

Erschienen in der Ausgabe vom 05.06.2007, Seite 3, Schwerpunkt

Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?

→ Teilen und weiterempfehlen
Solidarität jetzt!

Das Verwaltungsgericht Berlin hat entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jahrlichen Verfassungsschutzberichten erwahnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden.

In unseren Augen ist das Urteil eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik. Aber auch umgekehrt wird Bürgerinnen und Bürgern erschwert, sich aus verschiedenen Quellen frei zu informieren.

Genau das aber ist unser Ziel: Aufklärung mit gut gemachtem Journalismus. Sie können das unterstützen. Darum: junge Welt abonnieren für die Pressefreiheit!