Die Sprache des Körpers
Von Ronald Kohl
Trotz aller Widrigkeiten wächst Alpha (Mèlissa Boros) innerhalb verlässlicher familiärer Bindungen auf. Ihre Mutter (Golshifteh Farahani) ist alleinerziehend. Hin und wieder wohnt Amin (Tahar Rahim), der Bruder der Mutter, bei ihnen. Geburtstage und religiöse Feste werden in der Wohnung der Großmutter gefeiert, die in einer der typischen französischen Trabantenstädte lebt. Alkohol gibt es bei ihr zwar nie zu trinken, doch es kann passieren, dass Onkel Amin trotzdem plötzlich abklappt. Dann hat er sich mal wieder heimlich auf Omas Klo eine Überdosis in die Adern gejagt.
Alphas Mutter rammt ihm dann immer eine Spritze mit irgendwelchen Substanzen in den Bauch, eine Szene, die sich ziemlich oft im Film abspielt, nicht nur, wenn Oma Geburtstag hat.
Es dauert nach der Spritze meistens nicht lange, bis Amin wieder wach wird und sich wundert – um mal Keith Richards zu zitieren –, »dass er noch an Leben ist«.
Bei mir kam irgendwann im Laufe des Films der Verdacht auf, dass Amin vielleicht gar nicht süchtig nach Heroin ist, sondern nach dem Zeug, das ihm seine Schwester spritzt. Regisseurin Julia Ducournau kann bei diesem Thema auf einen schier unerschöpflichen Fundus zurückgreifen.
Schon in »Raw«, ihrem ersten abendfüllenden Horrorfilm, lernen wir einiges über die Gefahren einer medizinischen Ausbildung. Eine angehende Tierärztin, überzeugte Veganerin, durchläuft hier während des Studiums ziemlich krasse Rituale. Einmal muss sie ein rohes Kaninchenherz kauen und herunterschlucken. Zunächst übergibt sie sich, doch dann kommt sie irgendwann auf den Geschmack. Freilich landet sie bald bei Menschenfleisch; bei einer Tierärztin beißt sich Kannibalismus immerhin nicht mit dem Beruf.
Zurück zu Alpha. Deren Mutter ist eine ganz normale Ärztin in einem ganz normalen Krankenhaus. Seltsam sind nur die Patienten. Irgendein neues Virus geht um. Wenige Wochen nach einer Infektion beginnt man innerlich auszukühlen. Wenn die Erkrankten dann sprechen, sieht man selbst in stark beheizten Räumen ihren Atem, so als hätten sie ein Kilo Trockeneis verspeist. Außerdem verwandeln sie sich langsam in marmorne Statuen; ich musste bei diesem Prozess der Versteinerung sofort an ein Interview denken, das ich einmal mit einem jungen Gerichtsmediziner geführt habe. Mir war vor allem ein Satz in Erinnerung geblieben: »Es gibt auch schöne Leichen.«
Die spannende Frage ist, ob sich die 13jährige Alpha auf ihrer ersten großen Drogenparty auch mit der »Marmorseuche« angesteckt hat. Ihre Mutter sorgt umgehend dafür, dass ein Bluttest durchgeführt wird. Das Ergebnis soll erst nach Wochen kommen, doch sobald sich an ihrer Schule auch nur der Verdacht herumgesprochen hat, wird für Alpha das Leben zum Alptraum, gewissermaßen zum Horror im Horror. Das macht die Mutter-Tochter-Beziehung nicht einfacher, beschleunigt aber die Abnabelung: das eigentliche Thema des Films. (Da wäre ich, ehrlich gesagt, von allein nie drauf gekommen.)
Julia Ducournau kann es sich nach den beachtlichen Erfolgen von »Raw« (2016) und »Titane« (2021) offenbar leisten, Kino für ihre Fans zu machen. Und für sich selbst. Denn ihre Arbeiten sind immer auch eine mutige Analyse der eigenen Befindlichkeit. Sie hat uns also etwas zu sagen.
Doch warum wählt sie dafür dieses Genre? – Weil für sie Horror gar kein Genre ist, sondern eine Sprache, oder vielmehr eine »Grammatik«, aus der sie ihre Sprache formt.
Und diese Sprache bedeutet bei ihr vor allem eines: Körpersprache. Nicht so sehr die Gestik, sondern das, was der Körper mitteilt, vor allem seine Reaktion auf das, was mit ihm geschieht. Und unsere Reaktion darauf, dass mit ihm etwas geschieht. Die Regisseurin nutzt gerne die »Körperempathie« des Publikums: »Wenn sich ein wildfremder Mensch aus Versehen mit dem Messer in die Hand sticht, leiden wir automatisch mit.«
Die ausgeprägte Körperbezogenheit in Julia Ducournaus Filmen hängt sicher auch damit zusammen, dass sie in eine Arztfamilie hineingeboren wurde. Nachdem sie in »Raw« anschaulich erklärt hat, warum sie diesen Beruf selbst nie ergreifen würde, wissen wir nun, wie man sich als Teenager von einer Mutter emanzipiert, die mit Leib und Seele Ärztin ist, von einem »Golem«. Da der »Kreis«, wie die Regisseurin selbst sagt, damit noch nicht geschlossen ist, könnte im nächsten Horrorstreifen der Kern des Themas ihr Vater sein. Ein Psychiater. (Kleiner Scherz. Ich kenne seine Fachrichtung nicht.)
»Alpha«, Regie: Julia Ducournau, Frankreich/Belgien 2025, 128 Min., Kinostart: heute
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