Panikkäufe in Down Under
Von Thomas Berger
Der Angriff von USA und Israel auf den Iran und der daraus entflammte neue Krieg im Nahen Osten haben die Rohölpreise deutlich anziehen lassen und bedeuten ein Risiko für globale Lieferketten. Rund um den Erdball wird die neue Kostenbelastung an den Tankstellen für Fahrzeughalter zunehmend zum Problem. Doch nirgendwo sonst scheint es bisher zu Panikkäufen von Treibstoff gekommen zu sein, wie sie seit Mitte März in Australien zu beobachten sind. In einer Ansprache an die Nation hat die Regierung des sozialdemokratischen Premiers Anthony Albanese am Mittwoch erneut zum Sparen von Kraftstoff aufgerufen. Angesichts der bevorstehenden Osterfeiertage forderte er seine Landsleute auf, nicht mehr Benzin und Diesel als nötig zu tanken und keinen Kraftstoff zu horten. Wer könne, solle in den kommenden Wochen für den Weg zur Arbeit auf Zug, Bus oder Straßenbahn umsteigen. »Die wirtschaftlichen Erschütterungen durch diesen Krieg werden uns monatelang begleiten«, sagte Albanese. Die kommenden Monate dürften nicht einfach werden. Die Ansprache wurde gleichzeitig von den großen Fernseh- und Radiosendern des Landes übertragen. Ähnliche Ansprachen an die Nation gab es zuletzt während der Coronapandemie und der globalen Finanzkrise 2008.
Die Hamsterkäufe hatten in der zweiten Märzhälfte dafür gesorgt, dass einige Tankstellen temporär den Betrieb einstellen mussten und vielerorts zumindest eine Treibstoffsorte ausverkauft war. Tatsächlich haben gerade die vielen kleinen Tankstellenbetreiber im ländlichen Raum, die nicht direkt mit einem der großen Mineralölkonzerne verbunden sind, mit Lieferengpässen zu kämpfen. Da die Distanzen zur nächsten Tankmöglichkeit in Down Under 100, 150 oder mehr Kilometer betragen, kann das für Betroffene ein großes Problem sein.
Stichhaltige Gründe, von einer akuten Treibstoffkrise zu sprechen, gibt es aber – bislang – nicht. Wie die öffentlich-rechtliche ABC unter Verweis auf ein regierungsamtliches Papier zu Wochenbeginn meldete, lägen die aktuellen Reserven bezüglich Diesel bei 30 Tagen und 39 Tagen bei Benzin. Bei Treibstoff für Flugzeuge sind es ebenfalls 30 Tage des durchschnittlichen Bedarfs. Berechnungen wurden demnach für den Fall angestellt, dass die Importe ab Anfang April um 20 Prozent einbrechen könnten. Selbst dann käme man mit den Vorräten etwa bei Diesel noch bis September hin.
Australien verfügt über die höchsten Treibstoffreserven seit 15 Jahren. Dennoch liegen diese deutlich unter der von der Internationalen Energieagentur empfohlenen Menge für 90 Tage. Die Politik in Canberra hatte die Grenze bei 50 Tagen gezogen. Allerdings hat das Parlament kürzlich ein neues Gesetz beschlossen, das der Regierung nicht nur bei Treibstoff, sondern auch bei wichtigen Mineralien mehr Spielraum ermöglichen soll, um strategische Reserven anzulegen.
Die Gewerkschaft Maritime Union of Australia (MUA) sprach in einem am Dienstag veröffentlichten Statement von gravierenden Versäumnissen der Politik angesichts einer Treibstoffkrise. Vor dem Hintergrund, dass Australien 90 Prozent seines Kraftstoffbedarfs importiert und nur noch zwei von einst acht Ölraffinerien landesweit in Betrieb sind, brauche es mehr Sicherheit bei den Lieferungen, so die MUA. Auch die großen Farmerverbände zeigen sich besorgt. Denn die Landwirtschaft ist auf Diesel angewiesen. Schon jetzt droht der Preisexplosion eine Verteuerung von Lebensmitteln zu folgen – unter anderem wegen der teils sehr langen Transportwege.
Um die Haushalte zu entlasten, hatte die Regierung Anfang der Woche angekündigt, die Umsatzsteuer auf Benzin und Diesel für drei Monate zu halbieren, was den Staat umgerechnet rund 1,5 Milliarden Euro kostet. Zudem soll kleinen Unternehmen der Zugang zu Krediten erleichtert werden. Die Regierung hatte im März außerdem für zunächst 60 Tage die Qualitätsstandards für Treibstoff gesenkt, so dass nun ebenso Produkte mit etwas höherem Schwefelanteil verkauft werden dürfen. Die Maßnahme soll etwa 100 Millionen Liter zusätzlich pro Tag in den Markt pumpen, wie verschiedene Medien berichteten.
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Leserbrief von Onlineabonnent/in Reinhard Lauterbach (2. April 2026 um 06:04 Uhr)Wenn es so ist, wie Thomas Berger schreibt, dass die Leute oft 100 oder 150 km zur nächsten Tankstelle fahren müssen – ist dann nicht auch die Aufforderung von Albanese, auf Bus und Bahn auszuweichen, zumindest für den ländlichen Raum purer Zynismus? Das hätte der Autor vielleicht in Zusammenhang bringen können.
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