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Aus: Ausgabe vom 30.03.2026, Seite 1 / Titel
Sanktionsverschärfung

Menschenverachtender Wahnsinn

EU-Sanktionen werden auf die Familie des linken Journalisten Hüseyin Doğru ausgeweitet. Kritiker sprechen von Sippenhaftung und rufen zum organisierten Protest auf
Von Susann Witt-Stahl
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So geht reaktionär-militaristischer Staatsumbau: Mit der Zentralstelle für Sanktionsdurchsetzung vorneweg

Das EU-Sanktionsregime zieht die Schlinge um den Hals von Hüseyin Doğru weiter zu. Neue Repressalien, von denen er am Freitag erfuhr, treffen den ehemaligen Betreiber der internationalistischen ­Videoplattform Red Media, der seit Mai 2025 wegen seiner palästinasolidarischen Berichterstattung als »Desinformationsakteur« sanktioniert wird, ins Mark seiner privaten Existenz: Die Zentralstelle für Sanktionsdurchsetzung (ZfS), die dem Finanzministerium von Lars Klingbeil (SPD) untersteht, hat jetzt die Konten von Doğrus Ehefrau »sichergestellt« – eine Maßnahme, von der auch die gemeinsamen Kinder, ein siebenjähriger Junge und zwei Säuglinge, direkt betroffen sind. »Wir können nun nicht mehr für sie sorgen«, sagte Doğru am Sonntag im Gespräch mit jW. »Der deutsche Staat hat meine Kinder in eine humanitäre Katastrophe gestürzt.«

Die ZfS begründet die faktische Kollektivbestrafung der Familie mit der Mutmaßung, dass die Gelder auf den Konten seiner Frau sich unter Doğrus Kontrolle befinden. Schließlich pflege das Paar eine »enge Nähebeziehung«. Als Beispiel für wirtschaftliche Verflechtung zwischen den beiden wird eine KfZ-Versicherung für ein gemeinsam genutztes Fahrzeug angeführt, die seine Frau abgeschlossen hat.

Wenige Tage zuvor hatte das Amtsgericht Frankfurt am Main einen Eilantrag von Doğru abgewiesen, mit dem er eine Lockerung der drastischen Einschränkung der Nutzung seines eigenen Kontos bei der Comdirect erwirken wollte. Dabei ging es um dringende Überweisungen, um Verpflichtungen aus Verträgen nachzukommen, die er vor seiner Sanktionierung abgeschlossen hatte. Das Gericht hingegen hält die genehmigten 506 Euro monatlich für die »Befriedigung von Grundbedürfnissen« von Doğru und seiner Familie für ausreichend.

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Hüseyin Doğru im jW-Interview am 1. Oktober 2025 (zu sehen auf dem jW-Youtube-Kanal)

Nach der Ausweitung des EU-Sanktionsregimes drohen der fünfköpfigen Familie nun Obdachlosigkeit und ein Dasein im Elend. Denn sanktionierten Personen ist es verboten, Geld, Güter und Dienstleistungen zu ihrem wirtschaftlichen Vorteil anzunehmen. Das gilt auch für humanitäre Hilfe: Wer Doğru zum Essen einlädt, macht sich strafbar. Selbst eine Milch- oder Windelspende für seine zwei Babys könnte als Sanktionsumgehung kriminalisiert werden.

»Jedes Mal, wenn mein Fall Medienaufmerksamkeit erfährt, wie in jüngster Zeit geschehen, wird die Repressionsschraube fester gezogen«, macht Doğru im Gespräch mit jW auf eine Systematik im Vorgehen gegen ihn aufmerksam. Einer Bundesregierung, die einen »Genozid in Palästina politisch und logistisch wissentlich unterstützt hat, in dem Zehntausende von Kindern wegbombardiert worden sind«, traut er auch Schlimmstes zu: Zum Beispiel den Entzug seiner Kinder durch genau die Behörden, die deren Notlage nun herbeigeführt haben. Als Komplizen nennt Doğru explizit Deutsche-Staatsräson-Journalisten, die das Morden in Gaza als »Schreibtischtäter« propagandistisch begleiten und seit 2024 eine Hetzkampagne gegen ihn fahren – verschärft in den vergangenen Wochen.

»Das ist menschenverachtender Wahnsinn«, kommentierte Sevim Dagdelen die Ausweitung des Sanktionsregimes gegen Doğru. »Dass ausgerechnet ein Sozialdemokrat neuerdings auch für Sippenhaftung Verantwortung trägt, zeugt von absoluter Geschichtsvergessenheit«, so die BSW-Politikerin gegenüber jW. Wenn die EU jetzt nicht zum Umdenken gezwungen werde, könne es morgen jeden treffen. Dagdelen will daher eine Initiative gegen Sanktionen gründen. »Ich rufe alle Demokraten auf, gemeinsam aktiv zu werden und sich für Rechtsstaatlichkeit, Demokratie und Menschlichkeit einzusetzen.«

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  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Ulf Gerkan aus Hannover (1. April 2026 um 12:37 Uhr)
    Lügen tun sie doch alle. Macron log Oktober 2024 zur Rolle der UN bei der Staatsgründung Israels und bekam dafür von Netanjahu umgehend eins auf die Mütze. Den Unwissenden des Westens sei gesagt, dass die Teilungsresolution der UN von 1947 lediglich eine Empfehlung war. Merz und Co. lügen in Permanenz, dass Putin vorgeblich die Sowjetunion oder das Zarenereich wieder herstellen bzw. sogar ganz Europa erobern wolle. Beweise gibts bislang für diese Behauptung nicht. Von der Leyen log 2024 bezüglich des Maidan-Putsches von 2014: »Eine ganze Nation ging auf die Straße und sprach mit einer Stimme« – als ob die Ukraine nicht bereits damals in einen nach Russland orientierten östlichen Teil und einen zur EU hin orientierten westlichen Teil tief gespalten gewesen wäre. Maßgebliche Fakten bleiben zudem strikt unter dem Teppich: Wer war für die Gewalteskalation ab Mitte Februar 2022 bis zum russischen Kriegseintritt verantwortlich? Wie sieht es mit dem völkerrechtlichen Selbstverteidigungsrecht sogenannter De-Facto-Regime aus? Antworten zu den Fagen des Problemkerns sucht man vergeblich. Wo die westlichen Politiker derart massiv auf Desinformation setzen, sind sie allein aus ethischen Gründen doch wohl kaum in der Position, gegen vorgebliche oder tatsächliche Desinformation durch andere vorzugehen. Das gilt um so mehr, als die EU-seitig geäußerten Vorwürfe gegen sanktionierte Journalisten – soweit bekannt – jeglicher Grundlage entbehren und zudem eine massive Verletzung rechtsstaatlicher Standards darstellen. Selbst wenn jemand mal irgendwo einen kleinen Fehler gemacht haben sollte, entbehrt es jeder Verhältnismäßigkeit, ihn derart massiv wie durch die EU-Sanktionen zu bestrafen. Die EU gebärdet sich als hässliche Diktatur nach innen, um Akzeptanz für ihren fragwürdigen Krieg um Machgewinn im Osten zu schaffen. Die eigene Bevölkerung zu belügen und derart zu schikanieren, ist ekelhaft. Und es ist erschreckend, dass nur so wenige – wie Dagdelen und jW – dagegenhalten.
  • Leserbrief von Wolfgang Schlenzig aus Berlin-Mariendorf (31. März 2026 um 12:50 Uhr)
    Wir müssen klar erkennen, dass wir in der aggressivsten Phase des Weltimperialismus leben. Mit Lügen, Verleumdung, konstruierten Klagen und Repressalien werden Missliebige überzogen, mit dem Ziel, ihr Leben zur Hölle zu machen, sie zu brechen, mundtot zu machen. Dafür sind Behörden gebildet, Gesetze und Verordnungen erlassen und Gerichte instruiert. Behörden, Banken, Unternehmen machen willfährig mit. Und das schlimmste ist, dass Exponenten einer sich so noch nennenden ehemaligen Arbeiterpartei SPD, da proaktiv dabei sind.
  • Leserbrief von Mario Primavesi (31. März 2026 um 10:53 Uhr)
    Das ist wirklich furcht- und kurz vor grauenerregend. Ich erkenne uns als Grundgemeinschaft nicht mehr wieder. Das ist wie eine Jekyll/Hyde-»Gemeinschaft«. Das ist Doria*n-we-fade-to-Grau(en). Hier werden doch so viele Bekenntnisse unserer »Freien Welt« gebrochen, dass das einer Oxymoronie eines Anomie-New-Great-Commandments (eines
    Grundgesetzes zum gesetzestreuen Gesetzesbruchs) und also eines »völlig normalen, ja gesunden Wahnsinns« gleichkommt. Nur eine der vielen Dimensionen zum Beispiel: Wo sind in diesem konkreten Fall all die, die »gegen Gewalt an Frauen (und Kindern)« sind (augenscheinlich)? Ist da mitzumachen jetzt dieser »gesunde Narzissmus«, den manche Autoritäten beschwören, bis der Arzt zu den von ihnen Markierten kommt? Wenn ihr das
    Welt nennt, bin ich gern weltfremd, zitiere ich ungefragt eine Liedermacherin und Mutter. Irgendwann werden die Gött:innen dieser »Logik« nicht mehr lachen.
  • Leserbrief von Peter Tiedke aus Golzow (31. März 2026 um 10:18 Uhr)
    Dieser „Wahnsinn“ hat Methode! Er soll eigenständiges EU-kritisches Denken und Sagen unterdrücken. Und: Es funktioniert! Oder hat sich irgendein Journalistenverband gegen diese unmenschliche Willkür positioniert? Schweigen wie bei Assange oder Baud. Die Peitsche auf der einen, die Korruption mit gut bezahlten, aber absichtsvoll unsicheren Schreiber-Jobs auf der anderen Seite halten den übergroßen Teil der Sprachrohre der Herrschenden auf Linie. Da braucht es (vorläufig) noch keine Schutzhaft. Diese Entsolidarisierung erinnert schmerzhaft an die Aussage Niemöllers: „Als sie mich holten, gab es keinen mehr, der protestieren konnte.“ Deshalb gehört der Initiative von Frau Dagdelen meine volle Unterstützung! Bereits vor über 250 Jahren kam Voltaire zu dem Schluss: „Das Recht zu sagen und zu drucken, was wir denken, ist das Recht eines jeden freien Menschen, das man nicht leugnen kann, ohne die abscheulichste Tyrannei auszuüben.“ Jeder kann also wissen, woran wir sind!
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Stephan Krüger aus Neumarkt i.d.OPf. (30. März 2026 um 12:48 Uhr)
    Das ist irrer, menschenverachtender Wahnsinn. Der Widerstand sollte gemeinsam mit allen Betroffenen für alle Betroffenen organisiert werden. Es geht auch um Jacques Baud, Ulrich Heyden und viele andere. Es geht um uns alle und um unsere Grundrechte.
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Kurt David aus Pfinztal (30. März 2026 um 12:04 Uhr)
    Der Hinweis darauf, dass das Bild KI-generiert ist, sollte nicht fehlen.

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