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Aus: Ausgabe vom 12.03.2026, Seite 2 / Sport

Die Wut der Guten

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Eine Chance, klüger zu sein als die eigenen Regierungen

Wer im falschen Land geboren ist, kriegt Boykott. Dirigenten, Regisseure, ESCler, Sportler. Strafbedürfnis folgt aus Ohnmacht, da man die eigentlich Verantwortlichen nicht zu fassen bekommt. Im Scheitern an der Aufgabe, bei aller Empörung doch irgendwie menschlich zu bleiben, sind sich alle Lager gleich.

Während Israel Gaza in Asche verwandelt und die USA den Iran wegen Uran zerbomben, müssen weder die USA noch Israel den Ausschluss von internationalen Sportevents fürchten. Im Gegensatz zu Russland, das seit 2022 an Olympischen Spielen nicht teilnehmen durfte. Nur Russland schließlich missachtet das Völkerrecht, nur Russland setzt Interessen gewaltsam durch, nur Russland nimmt den Tod von Zivilisten in Kauf. Geht doch nichts über ein klar strukturiertes Weltbild. So wie es auch umgekehrt Leute gibt, die ihre Kritik an der US-­Aggression erst dann so recht griffig finden, wenn sie sich zugleich die mörderische Hierokratie im Iran schönsaufen.

Als nun bei den Paralympics nach der Entscheidung des IPC, den Boykott Russlands aufzuheben, tatsächlich Athleten unter russischer Flagge erschienen, wurde es laut. »Das darf einfach nicht sein«, zitiert N-TV die ukrainische Biathletin Oksana Schischkowa. »In der Ukraine sterben jeden Tag Menschen, und wir stehen hier mit Russen am Start.« Es geht nicht mal um die Flagge, Russen sollen einfach nicht sein. Ein bissl Whataboutism hilft hier vielleicht: Wie sich wohl ein Athlet mit palästinensischen Wurzeln fühlt, wenn er gegen Athleten aus Israel antreten muss? Aber nee: Quod licet Iovi, non licet bovi.

Auch die Welt ist mit am Start: »Eine Schande!«, heißt es feinsinnig. Trotz des »russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine, trotz der weiterhin völkerrechtswidrigen Annexion der Krim« sei »ausgerechnet das IPC das erste Komitee, das Russland quasi rehabilitiert«. Das »ausgerechnet« mag interessieren. Der Gutseinwollende, der sich natürlich auch am Inklusionsgedanken als solcher beweisen muss, tut das nicht um der Sache willen, er hat in ihr ein dankbares Objekt, sein Gutsein zu beweisen. Folglich muss das Objekt selbst gut sein – und kann das nur, wenn es die politische Agenda des Gutseinwollenden vertritt. Wäre den Leuten klar, wieviel sie mitunter durch ein einziges Wort über sich verraten, es wär wohl stiller auf der Welt. »Gerade der paralympische Sport muss und will immer politisch sein.« Charmante Botschaft an die Leute beim IPC: Wollen nicht müssen wollen, müssen also wollen müssen. (fb)

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