Volkswagen im Rückwärtsgang
Von Oliver Rast
Er hat sich halbiert, beinahe jedenfalls. Der Gewinn beim VW-Konzern, beim größten deutschen Autobauer. Im Vorjahresvergleich sei das Konzernergebnis 2025 um rund 44 Prozent von 12,4 Milliarden Euro auf 6,9 Milliarden Euro gesunken, sagte CEO Oliver Blume am Dienstag bei der Bilanzvorstellung der Volkswagen Group in Wolfsburg. Besonders mies sieht es bei der VW-Tochter Porsche aus. Die Sportwagensparte ist fast blank. Das operative Ergebnis lag dem Zahlenwerk zufolge bei 90 Millionen Euro nach knapp 5,3 Milliarden Euro im Jahr davor.
Unter dem Strich also eine Riesenpleite für den VW-Boss – der blumige Sprachbilder bemüht: Das Unternehmen sei trotz drastischem Gewinneinbruch »in zunehmend globalem Gegenwind stabil in der Spur« gehalten worden. Oder: »Unsere Substanz ist robust.« Und klar, nun breche die »nächste Phase der Transformation« an. Dafür brauche es eine »disziplinierte Kostenarbeit«.
Wenig überraschend: Semibankrotteur Blume kommt dabei glimpflich davon, kassierte im vergangenen Jahr rund 7,5 Millionen Euro – inklusive Boni. Im Vorjahr waren es 10,35 Millionen Euro. Der Kostenbremser als fetter Kostenpunkt.
Wer blecht in der Krise? Logisch, die Kollegen. Denn allein bei der Kernmarke VW werden bis 2030 mehr als (!) 35.000 Jobs vernichtet, bestätigte ein Konzernsprecher am Dienstag gegenüber jW. Konzernweit sollen es hierzulande sogar 50.000 sein, bekräftigte Blume gleichentags in einem Brief an Aktionäre. Demnach sollen bei Audi bis 2029 etwa 7.500 Arbeitsplätze eliminiert werden, bei Porsche 3.900.
Fakt ist: Zehntausende Jobs werden dem Kahlschlag zum Opfer fallen. Das soll »sozialverträglich« passieren, über Personalinstrumente wie »reguläre Renteneintritte, Altersteilzeitprogramme oder freiwillige Aufhebungsverträge«, heißt es aus dem Konzern. Vorgaben, die nicht kampflos hingenommen werden dürften, sagte Pascal Meiser (Die Linke) am Dienstag jW. Zumal der Konzern keine Verluste einfahre, sondern lediglich weniger Profite mache, so der gewerkschaftspolitische Fraktionssprecher weiter.
Wie reagiert der Gesamt- und Konzernbetriebsrat? Recht gelassen. Meldungen vom Dienstag, wonach VW »sein Stellenabbauprogramm um gut 40 Prozent ausgeweitet habe«, stimmten »schlicht nicht«, erklärte das Belegschaftsgremium in einer Stellungnahme im VW-Intranet, die jW vorliegt. Medien aus dem Springer-Haus hätten Falschmeldungen verbreitet – sowie Kernmarke und Konzern »verwechselt.« Übersetzt: 35.000 Jobs an deutschen VW-Standorten und 50.000 spartenübergreifend in der BRD.
Und neu seien diese Zahlen nicht, meinte der Konzernsprecher. »Zielmarken«, die VW »bereits ab Ende 2024 in Tarifeinigungen genannt hatte«. Gemeint ist der »Zukunftstarifvertrag« mit der IG Metall (IGM). Wir erinnern uns: Im September 2024 hatten Blume und Co. Tarifverträge gekündigt – »wegen der schwierigen Wirtschaftslage«, hieß es damals. Zugleich wollte das Großunternehmen Werke schließen, die Gehälter der Beschäftigten um zehn Prozent kürzen und tarifliche Leistungen zusammenstreichen. Arbeiterprotest konnte das verhindern, die IGM einen neuen Tarifabschluss erzielen.
Und nun? Zwischen der Gewerkschaft und VW gebe es »ausdrücklich keine Vereinbarung über konkrete Stellenabbaupläne«, erklärte Thorsten Gröger, IGM-Verhandlungsführer bei VW, am Dienstag auf jW-Nachfrage. Jobstreichungen seien »ausschließlich Teil der unternehmerischen Strategie von Volkswagen.« Nur eines sei fix – Gröger: »Eine unkündbare Beschäftigungssicherung bis Ende 2030.«
Das klingt – mit Verlaub – unsicher. Halbiert VW-Boss Blume abermals Profit samt Boni, dezimiert er die Belegschaft weiter. Sicher doch, oder?
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Leserbrief von Frank Lukaszewski aus Oberhausen (11. März 2026 um 11:08 Uhr)Zu Recht erschrocken berichtete der Deutschlandfunk am Morgen, dass erwartete Gewinne bei Porsche um deutlich über 90 Prozent einbrachen. Furchtbar! Gleichzeitig steige die Zahl der Milliardäre. Das Problem: Jene fahren keinen Porsche. Der ist ja eher so eine Art Volkswagen, also nichts für genannten Personenkreis. Trotzdem stellt sich die Frage: Warum werden in Deutschland so wenige Flitzer aus Stuttgart-Zuffenhausen gekauft? Zu teuer? Frei nach Marie-Antoinette (»Wenn sie kein Brot haben, sollen sie doch Kuchen essen«): Wer sich keinen Opel leisten kann, der soll halt Porsche fahren. Also, deutsche Männer, es geht um unsere Industrie! Kein Geld? Man kann ja Kredite aufnehmen! Bei Banken oder in anderen Mafiakreisen. Ein wenig Kreativität ist gefragt. Spießer kommen jetzt mit dem Argument, ein solches Automobil sei unpraktisch. Weder größere Einkäufe könnten problemlos Erledigung finden, noch sei das Fahrzeug familienfreundlich. Mein Gott: Die Blagen sollen doch zur Schule laufen. Bewegung ist gesund. Geliebter Gattin sei gesagt: Aldi und Co. ist mit dem Bus erreichbar. Auch auf dem Land fährt meist, zumindest einmal am Tag, der ÖPNV. Das muss man dann halt vernünftig planen. Also Männer: Es gibt keine wirklichen Gründe, den Automobilstandort Deutschland weiter zu gefährden! Es gibt keine wirklichen Argumente gegen einen Porsche! Es muss endlich ein Gaspedaltritt, ähm, Ruck durchs Land gehen!
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Leserbrief von Onlineabonnent/in Heinrich H. aus Stadum (11. März 2026 um 15:41 Uhr)Das muss ein recht ahnungsloser Spießer sein, der der findet, ein Porsche sei unpraktisch. In den Hausfrauenpanzer Cayenne kann man neben den Blagen noch größere Einkäufe transportieren. Als Famileinkutsche können sowohl Macan als auch Panamera dienen. Um Brillis zu shoppen, nimmt frau natürlich den 911er als Dritt- oder Viertwagen.
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Leserbrief von Onlineabonnent/in Torsten Andreas S. aus Berlin (11. März 2026 um 14:41 Uhr)Es war der Kinderhasser Rousseau, der Brot durch Kuchen ersetzen wollte. Eigentlich durch Brioche, also durch … – Konstatieren wir nun: Herr Oliver Blume umdeutet die VW-Fehler der jahrzehntelangen Strategien in neue Positivitäten, dann kann/muss ja alles stimmen. Wie Olivers Name schon sagt: Alles geht blumig aus. Dass Personal verzichtbar ist, ist global, Tatsache und eben so. VW goes Schiena! Wusste nicht, dass Sie’s nich wussten. – Und dann fallen auch noch Betriebsrat und Gewerkschaft aus? Aus welchem Grunde nur? Diese Umstände sind mir weltweit aber ganz neu.
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Leserbrief von Istvan Hidy aus Stuttgart (11. März 2026 um 09:25 Uhr)Krise bei VW? Wohl kaum. Selbst nach dem »halben« Gewinn von 12 auf 6,9 Milliarden Euro bleiben die Kassen prall gefüllt. Doch die Reaktion ist klassisch: Zehntausende Beschäftigte sollen dafür bluten. Für Linke zeigt das nur, dass Wachstum Grenzen hat – das Problem ist nicht, dass der Konzern weniger Profit macht, sondern dass das Profitsystem ihn über Menschen stellt!
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