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Aus: Ausgabe vom 10.03.2026, Seite 16 / Sport
Radsport

Auf der Schotterpiste

Elise Chabbey triumphiert beim italienischen Radsportklassiker Strade Bianche Donne, Franziska Koch wird Dritte
Von Holger Römers
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Der schöne Schaumwein!

Seit dem Wochenende sind die prominentesten Klassementfahrer des Straßenradsports alle wieder aktiv. Am Sonntag stieg Jonas Vingegaard (Team Visma – Lease a Bike) bei Paris–Nizza in die Saison ein, nachdem ein Trainingsunfall und eine Erkrankung drei Wochen Aufschub erzwungen hatten. Während des letzten Drittels der gut 170 Kilometer langen Auftaktetappe war der 29jährige Däne regelmäßig mit Kollegen an der Spitze des Pelotons zu sehen, was freilich allein einer Minimierung der Sturzgefahr diente. Der zweifache Tour-Gewinner, der 2026 erstmals auch beim Giro starten will, hielt sich aus der chaotischen Sprintentscheidung selbstredend heraus: Sieger wurde der 23jährige US-Amerikaner Luke Lamperti (EF Education – Easypost), dem somit endlich ein World-Tour-Erfolg gelang.

Tags zuvor hatte Tadej Pogačar (UAE Team Emirates – XRG) seinen ersten Wettkampf des Jahres bestritten, wobei die 20. Strade Bianche dem weltbesten Klassementfahrer sogleich Gelegenheit bot, sich – in Abwesenheit des bei schweren Eintagesrennen ebenbürtigen Mathieu van der Poel (Alpecin-Premier Tech) – wieder mal als mindestens zweitbester Klassikerjäger zu erweisen. Nachdem etwa 123 Kilometer gefahren und die frühen Ausreißer eingeholt waren, ließ der 27jährige Slowene seine dominante Mannschaft auf einem der Schotterabschnitte, die dieses Rennen prägen, das Tempo erhöhen. Und dann ritt er seine allseits erwartete Attacke. Thomas Pidcock (Pinarello Q36.5 Pro Cycling Team), der Sieger von 2023, konnte kurz folgen – bis ihm zum zweiten Mal binnen weniger Minuten die Kette herunterrutschte. Dass Paul Seixas (Decathlon CMA CGM Team) die Lücke nicht mehr schloss, war dagegen – angeblich – Behinderungen durch Pogačars mexikanischen Kollegen Isaac Del Toro geschuldet.

De facto war der Sieg jedenfalls 80 Kilometer vorm Ziel vergeben – was das Vergnügen am abwechslungsreichen Kampf um Platz zwei naturgemäß schmälerte. Während der Topfavorit einer Wiederholung seiner Erfolge von 2025, 2024 und 2022 entgegenradelte, indem er einen anderthalbminütigen Vorsprung souverän verwaltete, kam es in der etwa ein Dutzend prominente Fahrer umfassenden Verfolgergruppe regelmäßig zu Angriffen. Sofern die nicht Del Toro parierte, erledigte das jedoch sein Schweizer Kollege Jan Christen. Der Mexikaner blieb abschließend 18 Kilometer im Windschatten von Seixas, nachdem der auf dem vorletzten Schotterabschnitt ausgerissen war. Deshalb ist es dem 19jährigen französischen Supertalent, das im Februar seine ersten beiden Profisiege eingestrichen hatte, wiederum besonders hoch anzurechnen, den drei Jahre älteren Konkurrenten auf dem steilen Schlusskilometer in Siena auf Rang drei verwiesen zu haben.

Die zuvor gestartete zwölfte Strade Bianche Donne hatte indes den Saisonauftakt der Tour-Gewinnerin Pauline Ferrand-Prévot (Team Visma – Lease a Bike) markiert, deren Chancen sich freilich schon 42 Kilometer vorm Ziel wegen eines Defekts zerschlugen. So ähnlich erging es auf demselben Schotterabschnitt der Siegerin von 2025 und 2023, Demi Vollering (Team FDJ United – SUEZ) – was die versuchte Wiederholung der erfolgreichen Teamtaktik vom Vorwochenende zunichte machte. Folgerichtig gab Vollerings Schweizer Kollegin Elise Chabbey ihre sieben Kilometer zuvor begonnene Flucht auf, woraufhin ihre einzige Fluchtgenossin, Dominika Włodarczyk (UAE Team ADQ), in der etwa ein Dutzend Fahrerinnen umfassenden Favoritinnengruppe die Tempoarbeit übernahm. So bewahrte die Polin ihre Kapitänin Elisa Longo Borghini, die Siegerin von 2017, eine halbe Stunde lang vor etwaigen Attacken.

Als Włodarczyks Kräfte 21 Kilometer vorm Ziel erschöpft waren, bildete sich prompt eine neue Fluchtgruppe, der Chabbey sofort angehörte, bevor Longo Borghini ebenfalls dazustieß. Als die Italienerin aus diesem Quintett angriff, konnte wiederum nur Chabbey mitgehen. Entsprechend fragwürdig schien, dass die 32jährige Führungsarbeit verweigerte – und damit außer ihrer deutschen Kollegin Franziska Koch auch einer Topfavoritin, Kasia Niewiadoma (­Canyon/SRAM Zondacrypto), das Aufschließen erlaubte. Als die auf dem letzten Schotterabschnitt mit Longo Borghini ausriss und nur Puck Pieterse (Fenix-Premier Tech) mühsam folgen konnte, geriet Chabbey jedenfalls erstmals ins Hintertreffen. Nun bedurfte sie der Großzügigkeit der trotz Weltmeisterinnentrikots unerfahrenen Magdeleine Vallieres (EF Education-Oatly), die unnötig viel Tempoarbeit übernahm, bis sechs Kilometer vorm Ziel neben Chabbey unter anderem auch die 25jährige deutsche Meisterin Koch ans Spitzentrio herangeführt war. Die beiden FDJ-Fahrerinnen lieferten sich mit Longo Borghini und Niewiadoma abschließend den tollsten Kampf, der wohl je auf dem knackigen Schlussanstieg zu sehen war: Dabei gelang Chabbey das Kunststück, erst nach der eigentlich entscheidenden Kurve aus vierter Position vorzustoßen. Als Überraschungssiegerin verwies sie die ein Jahr jüngere Niewiadoma auf den ungeliebten zweiten Platz, den die Polin nunmehr zum vierten Mal belegte – diesmal vor der unerwartet das Podium komplettierenden Koch.

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