Rheinmetalls Balkan-Expansion
Von Slavko Stilinović
Es sind Schritte, die in der Geschichte des 1889 gegründeten Konzerns ohne Beispiel sind: Binnen weniger Tage hat Rheinmetall sein Geschäft gleich in zwei zentralen Zukunftsfeldern stark ausgebaut. Der jüngste Coup wurde am vergangenen Mittwoch in Zagreb besiegelt, wo der Konzern die Mehrheitsbeteiligung am kroatischen Robotikspezialisten DOK-ING übernahm. Erst am 1. März hatte Rheinmetall die Integration der Marinesparte Naval Vessels Lürssen (NVL) abgeschlossen – ein klares Signal, dass der Konzern unter Führung von CEO Armin Papperger nicht weniger anstrebt als die Rolle des alles umfassenden »Systemhauses« für die europäische Kriegswirtschaft.
Beide Übernahmen ergänzen sich also. Mit der NVL-Integration, die vier norddeutsche Werften wie Blohm+Voss in Hamburg und die Peene-Werft in Wolgast umfasst, steigt Rheinmetall vom Zulieferer zum Generalunternehmer für Kriegsschiffe auf. Rund 2.100 Mitarbeiter der neuen Sparte »Naval Systems« sollen künftig komplette Fregatten und Korvetten bauen – ein Bereich, in dem der Konzern bislang nur eine untergeordnete Rolle spielte.
Parallel dazu sichert sich der Düsseldorfer Konzern mit dem Einstieg bei DOK-ING den Zugang zu modernster Bodenrobotik. Der kroatische Spezialist, gegründet in den 1990er Jahren vor dem Hintergrund der Minenproblematik auf dem Balkan, hat sich einen weltweiten Ruf mit unbemannten Systemen zur Minenräumung und für Einsätze in hochgefährlichen Umgebungen erarbeitet. Seit seiner Gründung hat das Unternehmen rund 500 Plattformen an Kunden in mehr als 40 Länder geliefert. Besonders gefragt sind die robusten Fahrzeuge derzeit in der Ukraine, wo sie zur Räumung von Sprengfallen und zur Entschärfung von Munition eingesetzt werden.
Über den Kaufpreis für die 51prozentige Beteiligung wurde Stillschweigen vereinbart. Der Gründer von DOK-ING, Vjekoslav Majetić, hält die restlichen 49 Prozent. Produktion und Entwicklung sollen weiterhin in Kroatien stattfinden, wo man mit Wachstum rechnet. »Wir wollen ein Kompetenzzentrum für unbemannte und autonome militärische Systeme aufbauen«, erklärte Björn Bernhard, Geschäftsführer der Rheinmetall-Division Vehicle Systems Europe. Ziel sei eine führende Marktposition im Bereich unbemannter Kampfunterstützungssysteme.
Die technologische Basis für die Zusammenarbeit bildet die schwere »Komodo«-Plattform von DOK-ING, die eine Tragfähigkeit von mehr als 8,5 Tonnen aufweist. Geplant ist unter anderem die Entwicklung eines unbemannten, bewaffneten Unterstützungssystems mit dem Projektnamen »Wingman«. Dieses soll künftig gemeinsam mit Kampfpanzern wie dem neuen Rheinmetall-Modell »Panther« KF51 oder dem Bergepanzer »Buffalo« operieren, etwa für Aufklärung und Feuerunterstützung in vorderster Linie. DOK-ING-Miteigentümer Davor Petek betonte, dass sich an der Unternehmensführung nichts ändern werde, vielmehr rechne man in naher Zukunft mit weiterem Wachstum und steigenden Mitarbeiterzahlen.
Der Haushaltsausschuss des Bundestages hat allerdings die Mittel für ein geplantes Kamikaze-Drohnen-Programm drastisch zusammengestrichen: Statt der vom Verteidigungsministerium beantragten 4,4 Milliarden Euro wurden lediglich zwei Milliarden Euro freigegeben. Rheinmetall soll zwar im April als dritter Lieferant in das Programm einsteigen, doch das erwartete Vertragsvolumen von rund 269 Millionen Euro unterliegt nun strengen parlamentarischen Auflagen, was die Planungssicherheit des Konzerns spürbar beeinträchtigt.
Diese Unsicherheit spiegelt sich auch im Aktienkurs wider. Obwohl der Konzern seinen Börsenwert seit dem Ukraine-Krieg im Februar 2022 etwa verzwanzigfachen konnte, notiert das Papier aktuell rund 20 Prozent unter dem 52-Wochen-Hoch von 1.995 Euro. Am Freitag schloss die Aktie bei 1.592,50 Euro – ein Plus von 2,25 Prozent, aber auf Wochensicht ein Minus von 4,44 Prozent. Marktbeobachter sprechen von einer klassischen »Sell the News«-Reaktion, zumal beide Übernahmen bereits seit Monaten erwartet worden waren.
Am Mittwoch, dem 11. März, wird Rheinmetall die vollständigen Geschäftszahlen für 2025 vorlegen. Für das laufende Jahr hat das Management bereits einen Umsatz von 15 bis 16 Milliarden Euro in Aussicht gestellt, wobei die neue Marinesparte zwischen 1,3 und 1,5 Milliarden Euro beisteuern soll. Analysten werden genau hinschauen, wie konkret der Vorstand die Synergien aus der NVL-Integration beziffern kann und welche Strategie er präsentiert, um die Kürzungen des Drohnen-Budgets zu kompensieren.
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