Zurück zum Kolonialismus
Von Lucas Zeise
Was ich heute schreibe, verdanke ich fast komplett einem Artikel von Joël Glasman in der FAZ in deren Wissenschaftsteil am vergangenen Mittwoch (4. März 2026). Glasman ist Franzose und Professor für Geschichte an der Universität Bayreuth. Er beschäftigt sich mit dem sogenannten Gazaplan, den Donald Trumps Schwiegersohn Jared Kushner am 22. Januar vorgestellt hat und der, wie der Autor schreibt, alle Definitionsmerkmale des Kolonialismus erfüllt. Das fängt mit dem asymmetrischen Krieg an (brutale Kampfhandlungen, zivile Opfer, getötete Kinder). Für jeden getöteten Israeli wurden 60 bis 80 Palästinenser umgebracht. Seit dem Anfang dieses Krieges wurden mehr als 100.000 Palästinenser getötet. Es folgt zweitens die Zerstörung der Infrastruktur und die territoriale Eroberung von Gaza, derer sich die Regierung Israels rühmt und die plant, die militärische Kontrolle über das gesamte Territorium zu behalten.
Schließlich typisch für den Kolonialismus: die politische Willkür als koloniale Herrschaftsstruktur. Keine Spur von Gewaltenteilung, keine Trennung privater und öffentlicher Interessen. Das »Board of Peace«, das höchste Entscheidungsorgan, besteht aus vom US-Präsidenten ernannten Vertretern aus 21 Ländern und wird von Herrn Trump selbst – auf Lebenszeit – geleitet. Die Organe darunter, das »Executive Board« und das »Gaza Executive Board«, bestehen aus Diplomaten und Geschäftsleuten. Die Mitglieder der von Trump eingesetzten »Boards« werden sogar ermutigt, ihren eigenen Profitinteressen nachzugehen. Der »Entwicklungsplan« für »New Gaza« sieht Investitionen in Höhe von 30 Milliarden US-Dollar vor. Allein im untergeordneten »National Committee« kommen auch Palästinenser vor, aber auch sie wurden nicht vom Volk gewählt, sondern von einem fremden Land bestimmt. Ein Paradebeispiel für indirekte Herrschaft. Die ausländische Besatzungsarmee steht unter der Leitung des US-Generals Jasper Jeffers.
Für die Geschichtswissenschaft ein klarer Fall von Kolonialismus, schreibt Glasman. Er erinnert an die Resolution 1514 der Generalversammlung der UNO vom 14. Dezember 1960: »Die Unterwerfung von Völkern unter fremde Unterjochung, Herrschaft und Ausbeutung stellt eine Verweigerung grundlegender Menschenrechte dar.« Menschenrechte und Souveränität sind keine politischen Ansichten, sondern juristisch garantierte Rechte. Kolonialismus ist illegal. Er ist ein Verbrechen. Die Dekolonisierungsresolution stieß 1960 auf einen breiten Konsens. Kein einziges Land der Welt stimmte dagegen.
Hier (mein) Kurzversuch einer historischen Einordnung: In den drei Folgejahrzehnten nach 1960 wurden die vielen alten Kolonien unter zum Teil schweren Opfern befreit oder abgewickelt. Die neokoloniale Unterordnung und Abhängigkeit wurde zum Hauptproblem. Die Angriffskriege der USA und deren Verbündeten gegen Irak, Afghanistan, Libyen, Jugoslawien, Iran etc. waren Versuche, das Aufbegehren dieser Länder gegen die Abhängigkeit zu unterbinden. Auch sie sehen schon wie die alten Kolonialkriege aus. Die Errichtung einer Musterkolonie in Gaza zeigt auf entsetzliche Weise, wohin das führt.
Unser Autor ist Finanzjournalist und Publizist. Er lebt in Aachen.
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