Die Träume der Mädchen
Von Thomas Berger, Janakpur
Etwa fünf Jahre ist es her, dass Ranjana Jha mit ihrer wichtigen Arbeit angefangen hat. »Damals als Einzelkämpferin«, wie die Frau in dem türkisfarbenen Sari erzählt, während sie noch schnell einen Blick in wichtige Dokumente wirft. 2023 ist daraus mit einem kleinen Team an Mitstreitern die Organisation Janakpur Foundation geworden, die im Kreuzungsbereich zweier Nebenstraßen der gleichnamigen südnepalesischen Stadt ihr Büro hat. Vor allem zwei Themen treiben Ranjana Jha um und machen den Großteil der Fälle aus, die sie beschäftigen: familiäre Gewalt und Kinderehen.
Die Gründerin, die es als Mädchen bis zum Studium schaffte und einen doppelten Masterabschluss sowohl in Jura als auch in Soziologie hat, kam frühzeitig mit beiden Problemen in Kontakt. »Ich hatte das Gefühl, etwas tun zu müssen«, betont sie, obwohl die personellen wie finanziellen Kapazitäten des kleinen Teams überschaubar sind. Doch sie ist stolz und glücklich über jeden Fall, in dem sie schon helfen konnte.
»Anders als im Hochgebirge und den mittleren Regionen sind viele Probleme um Entrechtung von Mädchen, frühe Eheschließungen und nachfolgende Gewalt hier im Tieflandgürtel des Terai besonders verbreitet«, erklärt sie. Es ist ein vom Hinduismus dominiertes Gebiet mit starken kulturellen Überlappungen zum nahe gelegenen Nordindien. Vielen Töchtern werde höhere Bildung vorenthalten. Arme Familien könnten die Mädchen nicht so lange durchfüttern – deshalb gebe es dann eine recht frühe Hochzeit, beschreibt sie die Lage. Oft beginne schon bald nach der Übersiedlung der Braut ins neue Zuhause ein großes Martyrium in der Schwiegerfamilie. Nicht nur der Ehemann, sondern oft noch mehr dessen Eltern seien es, die die junge Frau schikanieren und misshandeln würden. »Zu ihrer eigenen Familie kann sie nicht zurück«, darum brauche es Anlaufstellen wie die Janakpur Foundation.
Manchmal sind es die Gewaltopfer selbst, die Kontakt aufnehmen. Manchmal erfolgt die Vermittlung durch Freunde oder Nachbarn der Betroffenen, die Hinweise geben. Auf rund 150 Fälle pro Jahr komme man inzwischen. Doch was kann sie tun, wie sieht Hilfe aus? »Die Geschichten sind sehr individuell«, erzählt sie. Im Regelfall werde umgehend auch die Polizei eingeschaltet. Manchmal fehle es an einer Übergangsbleibe für das Opfer, manchmal an Geld für Nothilfe. Dann beginnt die Intervention. Tatsächlich gelinge es in 80 Prozent der Fälle, die Ehe zu retten, die für die Frauen meist auch ökonomisch existentiell ist. »Da reicht dann eine ernste Warnung an die Schwiegereltern zusammen mit dem Druck der Polizei.« Doch in etwa 20 Prozent der Fälle bleibe nur die Scheidung.
Legal können Ehen in Nepal ab 18 Jahren mit Einverständnis der Eltern geschlossen werden, mit 20 dürfen beide Partner allein entscheiden. Doch das Portal »Girls Not Brides«, das sich mit minderjährigen Eheschließungen weltweit befasst, nennt für nepalesische Mädchen einen Anteil von sechs Prozent, die sogar schon im Alter von unter 15 Jahren verheiratet wurden. Landesweit sind es nach der jüngsten Statistik 35 Prozent, die bei der Verheiratung noch nicht 18 waren. Ranjana Jha und ihr Team versuchen vor allem, zu intervenieren, bevor es zu spät ist, die Eltern sich gerade noch im Entscheidungsprozess befinden. »Da wenden sich dann bisweilen die Mütter an uns, weil sie doch Zweifel hegen, ob sie das Richtige für ihre Tochter tun.« Sie dringe dann auf Abbruch der Planungen: »Schließlich haben die Mädchen auch ihre Träume, die mit einer voreiligen Ehe gestoppt werden.«
So wie die 15jährige Soni, die jetzt als Gerettete bei Ranjana Jha lebt und gern Lehrerin werden möchte. Sie sollte mit 14 verheiratet werden, was ihre Beschützerin aber verhindern konnte. Tatsächlich seien die Fallzahlen bei Kinderehen auch durch Aufklärungskampagnen des Teams rückläufig, von vormals 300 jährlich auf nur noch 50 bis 60, die bei ihnen landen. Keine positive Veränderung sei jedoch bei familiärer Gewalt zu verzeichnen. Mit der Polizei arbeite sie sehr gut zusammen, sagt Jha. Dass die Polizeistation nur wenige Schritte entfernt liegt, erleichtert im Bedarfsfall engen Kontakt.
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