Die Dame im Schach
Von Carmela Negrete
Man kann sich schon einmal fragen: Was soll das eigentlich mit der Geschlechtertrennung beim Schach? Was unterscheidet die Geschlechter bei einer Sportart, bei der lediglich mit dem Kopf gearbeitet wird? Natürlich nichts. Und dennoch liegt der Anteil von Frauen im organisierten Schachspiel weit unter dem der Männer.
Der Deutsche Schachbund beispielsweise organisiert für alle Geschlechter offene Turniere – und dann noch einmal welche nur für Frauen. Nicht zur Abgrenzung, erklärt Jannik Kiesel, Vizepräsident für Verbandsentwicklung beim Deutschen Schachbund, gegenüber jW, »sondern als Förderinstrument dienen, um die Sichtbarkeit, Teilhabe und Entwicklung von Frauen im Schach gezielt zu stärken«. Ziel sei es, »das Frauenschach aktiv zu fördern, einen Safe Space zu schaffen, Vorbilder sichtbar zu machen und strukturelle Unterschiede sowie die ungleiche Geschlechterverteilung im Schach auszugleichen«.
Daneben gibt es weitere Maßnahmen, etwa eine eigene Frauenbundesliga, einen Preis für den »Frauenschachverein des Jahres«, einen auf Mädchen ausgerichteten Onlinetrainingskurs und auch einen Frauenschachnewsletter, so Kiesel weiter. In seiner Funktion im Deutschen Schachbund ist er auch für die Fragen rund um die Geschlechtertrennung im Spiel zuständig. Mit weiteren Programmen sollen Mütter gezielt angesprochen werden, für Mädchen gibt es ebenfalls eigens eingerichtete Turniere, Schachcamps und eigens ausgebildete Betreuerinnen.
Doch hat das alles den gewünschten Effekt? Bisher scheint es nicht so – oder bestenfalls in höchst begrenztem Umfang. 2025 belief sich der Frauenanteil im Deutschen Schachbund auf gerade einmal zehn Prozent. Innerhalb des Weltschachbundes FIDE (Fédération Internationale des Échecs) waren es, Stand 2020, etwa elf Prozent. Sowohl in der BRD als auch international sind Frauen im »Spiel der Könige« also erheblich unterrepräsentiert. Innerhalb Europas weisen (Stand 2024) lediglich Frankreich, Polen, Griechenland und Rumänien Frauenanteile von mehr als 20 Prozent auf, in Georgien sind etwa 26 Prozent der Spieler in offiziellen Turnieren Frauen. In Dänemark, Island, Estland und Finnland waren es weniger als fünf Prozent.
Aus Sicht der Bundesregierung scheint kein Handlungsbedarf zu bestehen. Auf jW-Anfrage nach Leitlinien zum Umgang mit der Geschlechtertrennung bei nichtkörperlichen Sportarten wie eben dem Schachspiel hieß es von seiten des Bundesministeriums für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMBFSFJ) nur lapidar, dass »für Schach keine Leitlinien der Bundesregierung vorliegen«. Die Arbeit zur Geschlechtergleichstellung überlässt man augenscheinlich lieber den Vereinen selbst. »Das BMBFSFJ begrüßt es, wenn Verbände und Vereine eine vorurteilsfreie und geschlechtersensible Struktur und Kultur fördern«, hieß es auf Nachfrage zur Praxis gesonderter Schachturniere für Frauen und Mädchen.
Anders als die internationalen Schachföderation FIDE erlaubt es der Deutsche Schachbund, trans Frauen an Frauenturnieren teilnehmen zu lassen. »Der Deutsche Schachbund kritisiert die von der FIDE erlassene Regelung, nach der trans Frauen von offiziellen FIDE-Frauenturnieren ausgeschlossen werden können, ausdrücklich«, heißt es seitens der Organisation. »In Deutschland ist die Teilnahme von trans Frauen an Frauenturnieren weiterhin erlaubt«, so Kiesel. »Wir als Deutscher Schachbund bekennen uns klar zu einem inklusiven, diskriminierungsfreien Schachsport und setzen bewusst ein Zeichen für Vielfalt, Gleichberechtigung und gesellschaftliche Verantwortung.« Maßgeblich ist für die Turnierzulassung der Geschlechtereintrag im Personenregister zu Saisonbeginn.
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