junge Welt - 2 Wochen gratis testen!
Gegründet 1947 Montag, 20. April 2026, Nr. 91
Die junge Welt wird von 3063 GenossInnen herausgegeben
junge Welt - 2 Wochen gratis testen! junge Welt - 2 Wochen gratis testen!
junge Welt - 2 Wochen gratis testen!
Aus: Ausgabe vom 06.03.2026, Seite 15 / Feminismus
Geschlechtertrennung im Sport

Die Dame im Schach

Oft gibt es getrennte Turniere nur für Frauen – um ihre Beteiligung zu fördern. Wirkliche Wirkung zeigen solche Maßnahmen aber kaum
Von Carmela Negrete
15.jpg
Nach wie vor in der Minderheit: Frauen und Mädchen im Schachsport (in Mülheim an der Ruhr, 19.3.2022)

Man kann sich schon einmal fragen: Was soll das eigentlich mit der Geschlechtertrennung beim Schach? Was unterscheidet die Geschlechter bei einer Sportart, bei der lediglich mit dem Kopf gearbeitet wird? Natürlich nichts. Und dennoch liegt der Anteil von Frauen im organisierten Schachspiel weit unter dem der Männer.

Der Deutsche Schachbund beispielsweise organisiert für alle Geschlechter offene Turniere – und dann noch einmal welche nur für Frauen. Nicht zur Abgrenzung, erklärt Jannik Kiesel, Vizepräsident für Verbandsentwicklung beim Deutschen Schachbund, gegenüber jW, »sondern als Förderinstrument dienen sie, um die Sichtbarkeit, Teilhabe und Entwicklung von Frauen im Schach gezielt zu stärken«. Ziel sei es, »das Frauenschach aktiv zu fördern, einen Safe Space zu schaffen, Vorbilder sichtbar zu machen und strukturelle Unterschiede sowie die ungleiche Geschlechterverteilung im Schach auszugleichen«.

Daneben gibt es weitere Maßnahmen, etwa eine eigene Frauenbundesliga, einen Preis für den »Frauenschachverein des Jahres«, einen auf Mädchen ausgerichteten Onlinetrainingskurs und auch einen Frauenschachnewsletter, so Kiesel weiter. In seiner Funktion im Deutschen Schachbund ist er auch für die Fragen rund um die Geschlechtertrennung im Spiel zuständig. Mit weiteren Programmen sollen Mütter gezielt angesprochen werden, für Mädchen gibt es ebenfalls eigens eingerichtete Turniere, Schachcamps und eigens ausgebildete Betreuerinnen.

Doch hat das alles den gewünschten Effekt? Bisher scheint es nicht so – oder bestenfalls in höchst begrenztem Umfang. 2025 belief sich der Frauenanteil im Deutschen Schachbund auf gerade einmal zehn Prozent. Innerhalb des Weltschachbundes FIDE (Fédération Internationale des Échecs) waren es, Stand 2020, etwa elf Prozent. Sowohl in der BRD als auch international sind Frauen im »Spiel der Könige« also erheblich unterrepräsentiert. Innerhalb Europas weisen (Stand 2024) lediglich Frankreich, Polen, Griechenland und Rumänien Frauenanteile von mehr als 20 Prozent auf, in Georgien sind etwa 26 Prozent der Spieler in offiziellen Turnieren Frauen. In Dänemark, Island, Estland und Finnland waren es weniger als fünf Prozent.

Aus Sicht der Bundesregierung scheint kein Handlungsbedarf zu bestehen. Auf jW-Anfrage nach Leitlinien zum Umgang mit der Geschlechtertrennung bei nichtkörperlichen Sportarten wie eben dem Schachspiel hieß es von seiten des Bundesministeriums für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMBFSFJ) nur lapidar, dass »für Schach keine Leitlinien der Bundesregierung vorliegen«. Die Arbeit zur Geschlechtergleichstellung überlässt man augenscheinlich lieber den Vereinen selbst. »Das BMBFSFJ begrüßt es, wenn Verbände und Vereine eine vorurteilsfreie und geschlechtersensible Struktur und Kultur fördern«, hieß es auf Nachfrage zur Praxis gesonderter Schachturniere für Frauen und Mädchen.

Anders als die internationalen Schachföderation FIDE erlaubt es der Deutsche Schachbund, trans Frauen an Frauenturnieren teilnehmen zu lassen. »Der Deutsche Schachbund kritisiert die von der FIDE erlassene Regelung, nach der trans Frauen von offiziellen FIDE-Frauenturnieren ausgeschlossen werden können, ausdrücklich«, heißt es seitens der Organisation. »In Deutschland ist die Teilnahme von trans Frauen an Frauenturnieren weiterhin erlaubt«, so Kiesel. »Wir als Deutscher Schachbund bekennen uns klar zu einem inklusiven, diskriminierungsfreien Schachsport und setzen bewusst ein Zeichen für Vielfalt, Gleichberechtigung und gesellschaftliche Verantwortung.« Maßgeblich ist für die Turnierzulassung der Geschlechtereintrag im Personenregister zu Saisonbeginn.

Probeabo

Sie lügen wie gedruckt. wir drucken, wie Sie lügen.
Jetzt 2 Wochen gratis lesen – das Probeabo endet automatisch!
 

links & bündig gegen rechte Bünde

Jetzt den kostenlosen jW-Newsletter abonnieren – täglich das Beste aus der Tageszeitung junge Welt, direkt in Ihr Postfach. Ihre E-Mail-Adresse wird natürlich niemals an Dritte weitergegeben.

  • Leserbrief von Istvan Hidy aus Stuttgart (6. März 2026 um 09:41 Uhr)
    Beim Schach handelt es sich um eine der wenigen Sportarten, in denen körperliche Unterschiede praktisch keine Rolle spielen. Kraft, Schnelligkeit oder Ausdauer entscheiden hier nicht – allein Denken, Konzentration und Vorbereitung zählen. Umso bemerkenswerter ist es, dass der Schachsport weiterhin weitgehend nach Geschlechtern getrennt organisiert ist. Dass Frauen grundsätzlich auf höchstem Niveau mithalten können, ist längst bewiesen. Besonders eindrucksvoll zeigte dies die ungarische Spielerin Judit Polgár. Sie verzichtete weitgehend auf Frauenwettbewerbe und spielte fast ausschließlich gegen Männer. Polgár besiegte mehrere Weltmeister und erreichte zeitweise Platz acht der Weltrangliste – ein bis heute einzigartiger Erfolg für eine Frau. Dennoch hat bislang keine Spielerin den offenen Weltmeistertitel errungen. Ob dies an strukturellen Bedingungen, geringerer Beteiligung oder anderen Faktoren liegt, ist Gegenstand anhaltender Debatten. Sicher ist jedoch: Wenn im Schach tatsächlich nur die Leistung am Brett zählt, wirkt eine dauerhafte institutionelle Geschlechtertrennung zumindest erklärungsbedürftig.
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Heinrich H. aus Stadum (5. März 2026 um 20:31 Uhr)
    »Wie konnte Judit Polgár im Jahr 2002 im Alter von fünfzehn Jahren den Schachweltmeister Garri Kasparow besiegen, obwohl weibliche Gehirne im Durchschnitt 150 Gramm weniger Hirngewebe und vier Milliarden weniger Nervenzellen haben? Es ist in der Tat sehr bemerkenswert, dass das weibliche Gehirn so viel leichter ist und etwa 17 Prozent weniger Nervenzellen hat als das männliche Gehirn, wie die Forscherin Bente ­Pakkenberg in ihren Studien herausfand. Glücklicherweise schlagen sich diese signifikanten Unterschiede nicht in einer geringeren Intelligenz oder einer geringeren analytischen Fähigkeit nieder.« Quelle: https://www.psychologie-heute.de/leben/artikel-detailansicht/42355-worin-unterscheidet-sich-das-weibliche-gehirn-vom-maennlichen.html

Mehr aus: Feminismus