Magische Nacht
Von André Dahlmeyer
Einen wunderschönen guten Morgen! In Südamerika wurde die Recopa Sudamericana, der Supercup des Kontinents, ausgekickt. Das Hinspiel im Conurbano von Buenos Aires ging an den Club Atlético Lanús, Campeón der Copa Sudamericana, der Copa-Libertadores-Gewinner Flamengo Rio de Janeiro in La Fortaleza durch einen Treffer von Rodrigo Castillo mit 1:0 bezwang. Das Rückspiel fand beim Regattaverein am Zuckerhut im legendären Estádio do Maracanã statt. Die von Mauricio Pellegrino trainierten Granatroten strebten auf ihrem Betriebsausflug beim amtierenden brasilianischen Meister (aktuell im Brasileirão nur Platz elf) ihren vierten internationalen Titel an. Pellegrino gewann als Spieler (Innenverteidiger) mit Vélez Sarsfield Mitte der 90er den Weltpokal, später auch unter Marcelo Bielsa zum vierten Mal die argentinische Meisterschaft. (Vélez Sarsfield, mit José Luis Chilavert im Kasten, war in der zweiten Hälfte der 90er der beste Vereinsklub der Welt.) Das brachte ihm ein Engagement beim FC Barcelona ein, weiter ging es zum FC Valencia, wo er seine fußballerische Exilheimat fand. Es war die stärkste Phase in der Geschichte der Valencianos. Beim FC Liverpool und bei Internazionale Milano war »El Flaco« Assistenztrainer von Rafael Benítez, ehe er sich selbständig machte und zunächst Unai Emery beim FC Valencia beerbte. Seit Ende 2024 ist er bei Lanús angestellt. Vor dem Match in Brasilien bemerkte ein Leserbriefschreiber in der argentinischen Tageszeitung Página12: »Wenn Lanús im Maracanã gewinnt, werde ich Muslim. Mission: Impossible. Sie kicken gegen ein Weltklasseteam.«
Es kam dann zu einer jener magischen Nächte. Zwar begann der Fla furios. Doch Gästetormann Nahuel Losada verteidigte sein Rechteck wie ein Berserker. Es gibt viele Fußballgesetze. Eines davon besagt: Wenn es vorne nicht klingelt, klingelt es hinten. In Minute 29 befand sich Flamengo-Tormann Agustín Rossi praktisch an der Mittellinie, links vom Mittelkreis. Ein Rückpass von Linksverteidiger Ayrton Lucas an ihn kam wegen sintflutartiger Regenfälle nicht an, Rossi rutschte auch noch aus. Der aufgeweckte Rodrigo Castillo legte den Ball erst am verhinderten Torrumsteher vorbei und passte ihn anschließend nahezu von der Mittellinie (fast wäre der Ball am Fünfer in einer Pfütze liegengeblieben) ins verwaiste Tor zum 0:1. Sauber! Minuten darauf unterlief Ramiro Carrera ein infantiles Handspiel im Sanktionsraum, der Uru Giorgian De Arrascaeta verwandelte den Penal zum Ausgleich, so ging es in die Pause.
Nach dem Wechsel dominierte erneut Flamengo. An Losada war kein Vorbeikommen. Purer Wille kann zwar keine Berge versetzen, das ist Kokolores, aber manchmal ist er hilfreich für ein gutes altes Törchen. So gab es nach einem Sandwichfoul an der Strafraumgrenze gegen den Störenfried Arrascaeta erneut Strafstoß, diesmal verwandelte Jorginho Minuten vor Schluss aufreizend lässig per Lupfer in die Mitte, Verlängerung.
Minute 118, Ecke Lanús: Nahe dem Sanktionspunkt schraubt sich Innenverteidiger José Canale in die Höhe, vernascht Lucas Paquetá und wuchtet das Runde zum Ausgleich ins Eckige. Es kommt noch besser. Minute 122, Todeskonter: Der eingewechselte 20jährige Dylan Aquino, bester Mann auf dem Platz, stibitzt dem Chileno Erick Pulgar die Pille und startet links von der Mittellinie ein denkwürdiges Solo, dribbelt am Ende Rossi aus und schiebt zum 2:3 für die Silberländer ein. Schon wieder ein Maracanaço, so langsam gewöhnt man sich daran. 814 Pässe verloren gegen 238. 223 Millionen Euro gegen 43 Millionen Euro (Kaderwerte).
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