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Aus: Ausgabe vom 04.03.2026, Seite 15 / Antifaschismus
Liberale und Rechte gegen links

Schweigeminute für Faschisten

Frankreich: Nach dem Tod eines jungen Rechten propagieren RN und Liberale eine »Volksfront gegen links«
Von Bernard Schmid
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Frauen vorneweg: Marsch für den zum Märtyrer der französischen Rechten erhobenen Quentin Deranque (Lyon, 21.2.2026)

Der US-israelische Überfall auf den Iran hat den Tod des jungen Faschisten Quentin Deranque von den französischen Titelseiten verdrängt. Auch Frankreichs extreme Rechte muss nun zusehen, wie sie sich zu diesem Krieg positioniert. Anders als in der Vergangenheit, als ihre Hauptpartei – der damalige Front National (FN), heute Rassemblement National (RN) – unter Führung von Jean-Marie Le Pen, Vorsitzender von 1972 bis 2011, tendenziell die Islamische Republik als ein Bollwerk »kultureller Identität« gegen »den Westen« verteidigte, sucht die RN-Spitze derzeit eine neutral wirkende Position und konzentriert ihre Botschaft auf eine Warnung vor steigenden Energiepreisen für französische Verbraucher.

Ins mediale Hintertreffen gerät dabei – vielleicht nur vorübergehend – die Märtyrerinszenierung, die die parteigebundene und mehr noch die außerparlamentarische extreme Rechte in den vergangenen Wochen aufführte. Am 14. Februar war in einem Krankenhaus in Lyon der neurechte Mathematikstudent Deranque an den Folgen von Kopfverletzungen, die ihm bei einer körperlichen Auseinandersetzung mit Antifaschisten zwei Tage zuvor zugefügt worden waren, gerstorben.

An jenem Donnerstag abend begann gegen 18 Uhr am politikwissenschaftlichen Institut in Lyon zunächst eine Konferenz mit der für ihre palästinasolidarische Haltung bekannten EU-Abgeordneten Rima Hassan von der linken La France insoumise (LFI). Vor den Türen protestierte die faschistische Frauenorganisation Némésis – Teil der zerklüfteten »Identitären Bewegung« – gegen »die Islamismus-Linke«. Nur sechs oder sieben rechte Frauen waren an jenem Spätnachmittag gekommen, um sie herum zehn männliche »Ordner«. Weitere rechte Männer warteten in angrenzenden Straßen. Zwischen ihnen und Antifaschisten kam es daraufhin zu Handgreiflichkeiten.

Die linke Tageszeitung L’Humanité hatte am 23. Februar einen auf der Auswertung von Telegram-Nachrichten beruhenden Artikel veröffentlicht, aus dem ersichtlich wird, wie Némésis vorgeht. Demnach treten zwei oder drei junge Frauen etwa bei einer Flugblattaktion in Erscheinung, was aber unter Umständen nur dazu dient, Gegenaktionen auf den Plan zu rufen, um dann Auseinandersetzungen mit im Hintergrund lauernden, männlichen Schlägern zu provozieren. »Wir dienen dann sozusagen als Köder«, wird eine der Frauen in dem Artikel zitiert.

Ähnlich sollte die Arbeitsteilung auch an jenem 12. Februar funktionieren. Allerdings waren auch mehrere Dutzend Antifaschisten gekommen, darunter solche aus autonomen Gruppen sowie die 2018 in Lyon gegründete La Jeune Garde (Die Junge Garde). Die wussten um die Taktik der Faschisten und waren ihrerseits darauf aus, die im Hintergrund lauernden Schläger herauszufordern.

In den Mainstreammedien wurde nach der tödlichen Schlägerei die antifaschistische Szene angeprangert. Auch Politiker des bürgerlich-konservativen und wirtschaftsliberalen Lagers wie Martine Vassal, Spitzenkandidatin von Les Républicains (LR) für das Rathaus von Marseille, forderten, »Antifaorganisationen« als »terroristisch« einzustufen, wie in Ungarn unter Viktor Orbán oder in den USA unter Donald Trump.

Am 21. Februar demonstrierten laut Polizei 3.200, laut Veranstalterangaben 3.500 Aktivisten und Sympathisanten der außerparlamentarischen Rechten in Lyon »im Andenken an Quentin«. Größere Zwischenfälle blieben aus, doch leitete die Staatsanwaltschaft Ermittlungsverfahren wegen des Zeigens des Hitlergrußes und rassistischer Beleidigungen gegen Anwohner ein. Der RN distanzierte sich von der »Gedenkveranstaltung« und verweigerte eine Teilnahme.

Unterdessen führte es zu Debatten, dass zum Teil selbst vom staatstragenden Establishment positiv Bezug auf Quentin Deraquin, jedenfalls auf seinen Opferstatus, genommen wurde, ohne diesen in den Kontext seiner politischen Aktivitäten zu stellen. In der französischen Nationalversammlung wurde am 17. Februar sogar eine Schweigeminute für den jungen Faschisten eingelegt.

Das politische Klima insgesamt wendet sich spürbar gegen links. In der Vergangenheit wurde, wenn es darauf ankam, von allen Parteien eine Abwehrfront gegen den FN respektive RN praktiziert – was nicht bedeutete, dass etwa bürgerliche Parteien Kritik an der KP, später an LFI, eingestellt hätten, oder umgekehrt. Jetzt aber rief der Vorsitzende von Les Républicains und frühere Innenminister Bruno Retailleau dazu auf, eine Art »rechte Volksfront« gegen LFI zu bilden. Am 18. Februar hielt der RN-Parteivorsitzende Jordan Bardella eine Pressekonferenz ab, bei welcher er ebenfalls dazu aufforderte, eine »Abwehrfront gegen die linke Gefahr« zu bilden – ohne ausgelacht zu werden. Noch vor wenigen Monaten wäre ausschließlich das umgekehrte Szenario denkbar gewesen.

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