Den Krieg bekämpfen
Von Arnold Schölzel
Im Februar 2006 versammelten sich zahlreiche frühere NVA-Angehörige zu einer Feier in Altlandsberg nordöstlich von Berlin. Anlass war die Vereidigung der ersten NVA-Soldaten 50 Jahre zuvor am 1. März 1956. Der aus einer Landarbeiterfamilie stammende Admiral a. D. Theodor Hoffmann (1935–2018), der letzte »echte« Verteidigungsminister der DDR – sein ziviler Nachfolger Rainer Eppelmann hat ab April 1990 nur Abwicklung betrieben – erinnerte an die Motive der ersten NVA-Soldaten: Dafür zu sorgen, dass sich ein Krieg wie der vom faschistischen Deutschland ausgegangene nie mehr wiederhole: »Wir haben gedient, um den Krieg zu bekämpfen, bevor er ausbricht. Das war der Sinn unseres Soldatseins, der Sinn unseres Lebens!«
Die Verhinderung eines Krieges in Europa gelang bis zur Auflösung der NVA am 2. Oktober 1990. Das bleibt ihre wichtigste Errungenschaft in der deutschen Militärgeschichte. Den Einmarsch der Bundeswehr in die DDR begleiteten Treuhand, Massenarbeitslosigkeit und der US-»Begrüßungskrieg« gegen den Irak mit deutscher 18-Milliarden-D-Mark-Hilfe. Die bundesdeutsche Militärpolitik änderte sich fast im Handumdrehen zur Kenntlichkeit.
Dieser aggressive Charakter stand schon 1956 fest. Mit der BRD war 1949 ein Staat entstanden, dessen »Staatsräson« etwa nach Meinung des Spiegel-Gründers Rudolf Augstein dem Wesen nach »militärischer Druck« war. Augstein schrieb 1961 in einem Sonderheft der Zeitschrift Magnum: »Die neue deutsche Armee wurde nicht gegründet, um den Bonner Staat zu schützen, sondern der neue deutsche Staat wurde gegründet, um eine Armee gegen die Sowjets ins Feld zu stellen.« Die Pläne des »Fall Barbarossa«, des Überfalls vom 22. Juni 1941 auf die Sowjetunion, müssen daher im gegenwärtigen Stellvertreterkrieg gegen Russland nicht reaktiviert werden.
»Ohne Geschrei«
Denn der »Barbarossa«-Chefplaner Adolf Heusinger (1897–1982) überarbeitete bereits seit dem Frühjahr 1945 für die USA seine Wehrmachtsvorlagen. Folgerichtig wurde er 1956 erster Generalinspekteur der Bundeswehr. Zu diesem Zeitpunkt war zumindest Teilen der sowjetischen Führung klar, dass der Westen unter Führung der USA eine Wiederholung des 22. Juni 1941 anstrebte. Während des Koreakrieges von 1950 bis 1953 drohte Washington mehrfach mit dem Einsatz von Atomwaffen. Am 10. März 1952 hatte Stalin jedoch den Westmächten den Entwurf eines Friedensvertrages mit Deutschland inklusive freier Wahlen in beiden deutschen Staaten sowie Abzug aller Besatzungstruppen unterbreitet. Das wurde abgelehnt. Anfang April 1952 traf sich Stalin daraufhin in Moskau zu Gesprächen mit Wilhelm Pieck, Walter Ulbricht und Otto Grotewohl über den »militärischen Schutz der DDR« und erklärte dabei: »Die pazifistische Periode ist vorbei.« Pieck notierte: »Sofortige Schritte zur Bildung einer Volksarmee statt Polizei« sowie »Jugenddienst – vormilitärische Erziehung«, »alles ohne Geschrei, aber beharrlich«.
Aus den Aufzeichnungen geht hervor, dass Stalin an eine 300.000-Mann-Armee dachte. Das ging weit über die ökonomische Leistungsfähigkeit der DDR hinaus. Die NVA erreichte in den 1970er und 1980er Jahren eine maximale Größe von 170.000 bis 180.000 Soldaten. Sie sollte zusammen mit den bis zu 500.000 in der DDR stationierten Soldaten der »Gruppe der Sowjetischen Streitkräfte in Deutschland« (GSSD) im Verteidigungsfall die erste Front der Truppen des Warschauer Vertrages bilden, den Prellbock.
Am 26. Mai 1952 wurde in Bonn der »Generalvertrag« mit den drei Westalliierten unterzeichnet. Er sah die Einbindung der BRD in ein westliches Militärbündnis vor. Am 1. Juli 1952 folgte der Befehl des DDR-Innen- und späteren ersten DDR-Verteidigungsministers Willi Stoph (1914–1999) über die Bildung kasernierter Polizeibereitschaften (KVP). Damit war der Grundstein für die NVA gelegt.
Die KVP umfasste zu diesem Zeitpunkt etwa 55.000 Angehörige. Der für die Wiederaufrüstung eingesetzte Bundeskanzler Konrad Adenauer hatte schon 1950 von einer »150.000-Mann-Armee in der Ostzone« phantasiert. Die DDR ließ zugleich keinen Zweifel an ihrer Bereitschaft, jeder Aggression militärisch zu begegnen. Pieck erklärte Anfang Juli 1952 auf der II. Parteikonferenz der SED zur Schaffung der KVP: »Wir wollen keinen Krieg, und wir werden alles tun, um ihn zu verhindern. Aber eben, um den Imperialisten die Lust an Kriegsabenteuern im Herzen Europas zu nehmen, müssen wir unsere eigenen starken nationalen Streitkräfte schaffen.«
Der gegensätzliche Charakter von Bundeswehr und NVA drückte sich unter anderem in der Zusammensetzung ihres Führungspersonals aus. In Volkspolizei, KVP und NVA dienten zwischen 1948 und 1958 neun Wehrmachtsgeneräle. Von ihren rund 18.500 Offizieren waren 1956 rund 540 ehemalige Wehrmachtsoffiziere. 1959 waren es noch 163, 1964 67. Sie waren zum größten Teil als Kriegsgefangene in der Sowjetunion Mitglieder des Nationalkomitees Freies Deutschland (NKFD) geworden. Der Bundeswehr galten sie als Verräter. Das 1965 in der DDR erschienene »Braunbuch« über Kriegs- und Naziverbrecher in der BRD hielt fest: »Von gegenwärtig 189 Generalen und Admiralen der Bundeswehr sind über die Hälfte ehemalige Generalstabsoffiziere der Hitlerwehrmacht; auch die übrigen waren ohne Ausnahme Offiziere der faschistischen Wehrmacht.« Noch 1979 hatte jeder zweite der 215 aktiven Generale und Admirale der Bundeswehr eine Wehrmachtsvergangenheit, darunter waren etliche Kriegsverbrecher.
Insgesamt dienten in der NVA mehr als 2,5 Millionen DDR-Bürger. 1962 war die Wehrpflicht eingeführt worden, 1964 der Ersatzdienst für Wehrdienstverweigerer aus Gewissensgründen in Baueinheiten. Als die USA ihren Krieg in Vietnam ab Mitte der 1960er Jahre zum Völkermord steigerten, wollten nicht wenige DDR-Jugendliche freiwillig dorthin. Dazu kam es nicht. Charakteristisch ist wohl, wie der Liedermacher Gerhard Gundermann (1955–1998) begründete, warum er 1975 seine Offiziersausbildung beendete: Er habe »die Revolution« mit der NVA verteidigen wollen, dann jedoch feststellen müssen, dass »das nicht gerade die Armee von Che Guevara« war.
Internationale Solidarität
Kämpfe im Ausland sollte und konnte die NVA nicht leisten. Nur die NATO-Propaganda halluziniert bis heute eine Teilnahme der NVA am Einmarsch von Truppen des Warschauer Vertrags 1968 in die Tschechoslowakei oder »Honeckers Afrikakorps«. Matthew Read hat am 26. Februar 2025 in jW die lange vermiedene, dann durchaus tatkräftige militärische Hilfe der DDR für nationale Befreiungsbewegungen analysiert. Grundlage war ein Beschluss des Politbüros der SED vom 10. Januar 1967. Read schrieb: »Eine genaue Bezifferung des Umfangs dieser Solidarität ist schwierig, aber allein für den Zehnjahreszeitraum von 1973 bis 1983 gab das Ministerium für Nationale Verteidigung der DDR rund 700 Millionen Mark für die unentgeltliche militärische Unterstützung der ehemaligen Kolonien und Befreiungsbewegungen aus.« Die ersten Lieferungen gingen demnach an die Frelimo (Mosambik) und die MPLA (Angola), was mit zum Zusammenbruch des portugiesischen Kolonialreiches beitrug und damit zur Nelkenrevolution 1974. Nach dem Massaker des südafrikanischen Apartheidregimes in Soweto 1976 entschied die SED-Führung, ANC-Kämpfer militärisch auszubilden. Bis 1988 waren es mehr als 1.000.
Entsprechend verhasst waren die bewaffneten Organe der DDR einschließlich der NVA bei den Bonner Unterstützern von Apartheid und faschistischen oder Militärdiktaturen.
Keine Tradition
Gegen eine eventuelle Übernahme von Generälen in die Bundeswehr wandte sich im Bonner Kabinett 1990 vehement Außenminister Hans-Dietrich Genscher (FDP). Die NVA-Angehörigen erhielten die Bescheinigung »gedient in fremden Streitkräften«. Die Diskriminierung wurde mit Degradierung der wenigen, die »übernommen« wurden, und durch Rentenkürzungen verwirklicht. Im Traditionserlass der Bundeswehr von 2018 heißt es, die NVA »als Institution« begründe »keine Tradition der Bundeswehr«. Heusinger dagegen, erklärte die damalige Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen 2017, sei eine der Persönlichkeiten, auf die »wir stolz sein können«. Bei solch gradlinigem Selbstverständnis war es zwingend, den aus einer kommunistischen Arbeiterfamilie stammenden Heinz Keßler (1920–2017), der kurz nach dem Überfall auf die Sowjetunion 1941 zur Roten Armee übergelaufen und von 1985 bis 1989 DDR-Verteidigungsminister war, 1993 zu siebeneinhalb Jahren Haft zu verurteilen.
Der gegenwärtige Stellvertreterkrieg gegen Russland führte zu perversen Rückgriffen auf die NVA. Anfang April 2022 teilte die Bundesregierung zum Beispiel mit, sie habe den Weiterverkauf von 56 Schützenpanzern aus früheren DDR-Beständen an Kiew erlaubt und die Lieferung von 2.700 »Strela«-Flugabwehrraketen aus früheren NVA-Beständen genehmigt. Im September 2025 kamen der Linke-Politiker Dietmar Bartsch – Grundausbildung bei den NVA-Fallschirmjägern – und der CDU/CSU-Fraktionsvize Sepp Müller auf die Idee, frühere NVA-Soldaten als Bundeswehrreservisten für den Heimatschutz zu mobilisieren. Bartsch und Müller hielten das offenbar für ein ehrenvolles Angebot.
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