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Aus: Ausgabe vom 26.02.2026, Seite 9 / Schwerpunkt
Social-Media-Verbot für Kinder

Antisoziale Medien

Studien zeigen: Das Nutzen von Instagram, Tik Tok und Co. kann zu erheblichen psychischen Belastungen führen. In der BRD wird nun ein Verbot für Kinder ins Spiel gebracht
Von David Siegmund-Schultze
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Zusammen, aber doch getrennt: Soziale Medien lösen ihr Versprechen, zwischenmenschliche Bindungen zu schaffen, oft nicht ein

Der Kapitalismus expandiert nicht nur geographisch, um immer neue Regionen seiner Profitlogik zu unterwerfen. Er dringt auch in immer neue Lebensbereiche vor – bis in die intimsten Sphären des menschlichen Daseins: So haben die großen Techkonzerne einen Weg gefunden, soziale Interaktionen zur Ware zu machen. Mit den aus dem Nutzerverhalten auf Plattformen wie Instagram, Tik Tok oder Facebook gewonnenen Daten erstellen sie individuelle Profile. Diese versprechen, die Persönlichkeit, Vorlieben und Interessen der Nutzer genauestens abzubilden, um etwa Werbung zu »optimieren«.

Dieses Geschäftsmodell verlangt danach, die Dauer, die die Nutzer auf den Plattformen verbringen, ständig zu erhöhen – man soll in ihren Bann gezogen werden und die Zeit dabei vergessen. Je mehr gepostet, geliked und geteilt wird, desto mehr Daten werden gewonnen. Das Ergebnis: etwa endlose Feeds, Push-Benachrichtigungen und personalisierte Inhalte. Die Konzerne haben viel Aufwand betrieben, die Algorithmen und die Struktur ihrer Apps so zu gestalten, dass das menschliche Belohnungssystem möglichst effizient ausgenutzt wird. Die Nutzer sollen hoffen, ihre Bedürfnisse nach Anerkennung, sozialer Interaktion und Zugehörigkeit mit den »sozialen Medien« zu befriedigen. Mit Erfolg: Die durchschnittliche tägliche Handynutzung in der BRD steigt kontinuierlich. Bei Jugendlichen waren es einer Studie des Medienpädagogischen Forschungsverbunds Südwest aus dem vergangenen Jahr zufolge bereits rund vier Stunden.

Psychische Belastungen belegt

Doch die über die Bildschirme vermittelten Verbindungen können ihr Versprechen häufig nicht einhalten. Die Berührung des Touchscreens ersetzt die menschliche Berührung nicht. Der Wunsch nach Nähe, danach, gesehen und gemocht zu werden, wird oft enttäuscht. Statt dessen führt die Nutzung von Instagram, Tik Tok und Co. bei vielen dazu, sich zurückzuziehen und zu isolieren. Gerade bei Kindern, die noch lernen, Beziehungen zu führen und ihre Impulse zu kontrollieren, können soziale Medien erhebliche psychische Probleme verursachen. Eine Gruppe von Wissenschaftlern hat vergangenes Jahr in einem bei der Leopoldina-Akademie veröffentlichten Artikel den Forschungsstand zusammengefasst: »Querschnittstudien belegen einen statistischen Zusammenhang zwischen der Nutzung sozialer Medien und einer zunehmenden psychischen Belastung«, heißt es darin. Verschiedene Studien bestätigen demnach, dass eine intensive Nutzung sozialer Medien bei Kindern zu psychischen Belastungen wie »verstärkten Depressions- und Angstsymptomen, Stresserleben, Nervosität, Schlafproblemen, einer beeinträchtigten Aufmerksamkeit, Essstörungen, Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper und Selbstbild« bis hin zu »selbstverletzendem oder suizidalem Verhalten« führen kann.

Das Geschäftsmodell der Techkonzerne sei nicht darauf ausgelegt, »die psychische Gesundheit zu schützen«, sagte die zu dem Thema forschende Psychologin Julia Brailovskaia gegenüber ­junge Welt. »Kinder entwickeln eine starke Bindung zu den Plattformen. Wenn sie sich schlecht fühlen, ängstlich oder depressiv sind, greifen sie zu ihrem Smartphone. Ein Teufelskreis, der ihre Probleme meist verstärkt«, so Brailovskaia. Doch zu dem Thema zu forschen, ist schwierig. Die Techkonzerne versperren unabhängigen Wissenschaftlern den Zugang zu ihren Daten. Dabei wissen Unternehmen wie Mark Zuckerbergs Meta schon lange über die schädlichen Auswirkungen ihrer Plattformen Bescheid. Die ehemalige Facebook-Mitarbeiterin Frances Haugen veröffentlichte 2021 Tausende interne Dokumente und unter Verschluss gehaltene Studien, die etwa den negativen Effekt von Instagram auf Jugendliche belegen. Das hielt den Konzern nicht davon ab, immer jüngere Nutzer auf die Plattform locken zu wollen. So startete Instagram etwa ihre »Kids Initiative«, die auf Kinder unter dreizehn Jahren abzielte. 2021 wurde das Projekt aufgrund von öffentlichem Druck den Konzernangaben zufolge »pausiert«. Doch: Kinder und Jugendliche sind eine entscheidende Werbezielgruppe, auf die die Techbranche nicht verzichten will.

Berlin meldet sich zu Wort

Inzwischen haben sich immer mehr Regierungen des Problems angenommen. Australien hat im Dezember ein Social-Media-Verbot für alle unter 16 Jahren beschlossen. Frankreich hat bereits ein ähnliches Gesetz auf den Weg gebracht. In Spanien, Griechenland und Dänemark wird darüber diskutiert. Und auch in der Bundesrepublik hat die Debatte an Fahrt aufgenommen. Vergangene Woche hat eine Gruppe von SPD-Bundestagsabgeordneten ein Impulspapier veröffentlicht. Darin fordern sie ein Social-Media-Verbot für alle unter 14 Jahren. Jugendliche bis 16 Jahre sollen eine »verpflichtende Jugendversion« nutzen. Ohne »algorithmisch gesteuerte Feeds oder Empfehlungssysteme« und »personalisierte Inhaltsausspielung«, heißt es in dem Papier. Die Plattformen sollen darüber hinaus verpflichtet werden, »die algorithmischen Empfehlungssysteme« – also personalisierte Feeds – für alle über 16jährigen Nutzer in den Standardeinstellungen zu deaktivieren. Der SPD-Vorschlag sieht außerdem vor, dass alle Nutzer künftig mit der sogenannten digitalen Brieftasche (EUDI-Wallet) ihr Alter nachweisen müssen.

Die Psychologin Brailovskaia begrüßt das Papier der Sozialdemokraten: »Wir müssen Kinder schützen. Wenn Social-Media-Nutzung Suizidalität begünstigen kann, sind wir dazu in der Pflicht.« Auch bei der CDU stößt der Vorschlag auf offene Ohren. Auf dem Parteitag am vorigen Wochenende in Stuttgart haben sich die Konservativen für Maßnahmen ausgesprochen, die dem SPD-Papier weitgehend folgen. Parteichef und Kanzler Friedrich Merz hatte sich zuvor schon offen dafür gezeigt.

Was die Regierungsparteien jedoch nicht erwähnen, ist, dass nationale Alleingänge beim ­Social-Media-Verbot nicht möglich sind. Seit 2024 gilt auf EU-Ebene das Gesetz über digitale Dienste (engl. Digital Services Act, DSA). Nationale Regeln, die über den DSA hinausgehen, verbietet das EU-Recht. Die Vorstöße aus Frankreich, Spanien oder nun aus der BRD zielen also darauf ab, Druck auf die EU-Kommission auszuüben, eine einheitliche Regelung zu finden. Die Brüsseler Digitalkommissarin Henna Virkkunen hat sich bereits dafür ausgesprochen. Diese könnte etwa im Rahmen des geplanten Digital Fairness Act kommen. Ob darin aber Verbote enthalten sein werden, ist fraglich, da der DSA solche ablehnt. Und in der EU-Verordnung zur digitalen Brieftasche ist festgeschrieben, dass ihre Nutzung »freiwillig« sein muss – eine Ausweispflicht würde dem widersprechen.

Kritik an pauschalem Verbot

Der Verbotsvorschlag der deutschen Regierungsparteien stößt außerdem bei Datenschützern auf Kritik: Auch wenn sie sich schon seit langem für eine »sinnvolle Regulierung der Plattformen« aussprechen, lehnen sie »Maßnahmen, die auf eine Ausweispflicht im Internet hinauslaufen«, grundsätzlich ab, sagte ein Sprecher von Digitalcourage im Gespräch mit jW. Der Verein setzt sich für Datenschutz und Grundrechte wie die Informationsfreiheit im digitalen Zeitalter ein. »Wenn es keine Anonymität mehr im Internet gibt, dann schränkt das die Meinungsfreiheit ein. Menschen werden abgeschreckt, ihre Grundrechte zu gebrauchen. Das führt zu Selbstzensur in vorauseilendem Gehorsam«, so der Sprecher von Digitalcourage. Ein Social-Media-Verbot wäre »ein erster Schritt zur Klarnamenspflicht im Internet«, befürchtet er. Tatsächlich wechselt das SPD-Papier an einer Stelle unvermittelt das Thema und behandelt Bots statt Jugendschutz. »Wir brauchen mehr Handhabe darüber, dass sich hinter einem Account tatsächlich ein Mensch verbirgt«, heißt es dort. Ein typisches Argument für die Einführung einer Klarnamenspflicht.

Auch das Deutsche Kinderhilfswerk (DKHW) spricht sich gegen ein pauschales Verbot aus: »Kinder haben ein Recht auf Zugang zu Medien und vielfältigen Informationen und auf eine Selbstgestaltung ihrer Freizeit«, sagte Martin Fischer vom DKHW im jW-Gespräch. Es müsse daher Plattformen geben, die für Kinder und Jugendliche sicher sind. Entweder, indem die bestehenden reguliert werden, oder indem Alternativangebote geschaffen werden. »Mit den Altersgrenzen versperrt man sich selbst die Möglichkeit, eine kindgerechte Ausgestaltung der Plattformen durchzusetzen«, so Fischer. Amy Kirchhoff, Generalsekretärin der Bundesschülerkonferenz, mahnte vergangene Woche im Deutschlandfunk ebenfalls an, dass mit einem Verbot der Verlust politischer Informationen drohe. Neben dem Suchtpotential der Plattformen sieht Kirchhoff zwar auch Gefahren wie einen zunehmenden Vergleichs- und Leistungsdruck oder Cybermobbing, aber ein Verbot wäre nur eine »Verschiebung des Problems«. Statt dessen sollen Kindern und Jugendlichen »die notwendigen Kompetenzen an die Hand gegeben« werden, um mit sozialen Medien umzugehen, so Kirchhoff.

Techkonzerne unter Druck

Wie schon im Vorfeld des Social-Media-Verbots für Kinder in Australien halten sich die Techkonzerne bei der aufkommenden Debatte in den EU-Staaten öffentlich zurück. Das verwundert nicht: Bei der Verbotsdebatte geht es um den Kern des Geschäftsmodells der sozialen Medien, die Verweildauer der Nutzer stetig zu erhöhen. Und Meta, Google und Co. stehen derzeit auch in den USA unter großem Druck. In Los Angeles musste Meta-Chef Zuckerberg vergangene Woche vor Gericht erscheinen. Der Vorwurf zweier Klägerinnen: Instagram habe bewusst süchtig machende Systeme geschaffen und ihnen damit geschadet. Laut dem US-Sender CNBC stritt Zuckerberg im Gerichtssaal ab, dass sein Konzern bewusst die Nutzungsdauer auf Instagram verlängern wollte. Das Offensichtliche darf nicht sein. Denn es laufen derzeit Tausende solcher Suchtklagen, den Konzernen drohen Strafzahlungen in Milliardenhöhe.

Mit einem Social-Media-Verbot für Kinder, wie es sich SPD und CDU vorstellen, drohen nicht nur die Ausweitung staatlicher Kontrolle und eine Klarnamenspflicht im Internet durch die Hintertür. Die größte Gefahr wäre, wenn bei den Plattformen mit einem Verbot ansonsten alles beim alten bliebe. Denn dass diese süchtig machen können, betrifft nicht nur Kinder. Alle ihre Nutzer sind von Vereinsamung bedroht.

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