Gegründet 1947 Donnerstag, 26. Februar 2026, Nr. 48
Die junge Welt wird von 3063 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 26.02.2026, Seite 3 / Ansichten

Gefühlskanadier des Tages: Sepp Blatter

Von Arnold Schölzel
3_port.JPG

Von 1998 bis 2015 war der Mann aus dem Schweizer Kanton Wallis Präsident der FIFA. 2021 erzählte Joseph »Sepp« Blatter, sein Vorgänger, der extrem korrupte Brasilianer João Havelange, habe ihm gesagt, er, Blatter, habe aus dem nicht zufällig im Finanzschurken-Zürich ansässigen Weltfußballverband ein »Monster« geschaffen, »das fast nicht mehr kontrollierbar« sei. Nun macht Blatter bei Radio Canada den Havelange: Unter seinem Nachfolger Gianni Infantino, der in derselben Walliser Schlucht geboren wurde wie Blatter und seit 26. Februar 2016 FIFA-Präsident ist, sei es inzwischen »schlimmer als früher«. Es herrsche »eine totale Diktatur«, Funktionären würden heute »Handschellen« angelegt, überall würden Menschen mit Geld oder Aufstiegsmöglichkeiten zum Schweigen gebracht.

Blatter hat recht, die Modernisierung der FIFA schreitet voran. Havelange betrieb noch eine Vetterleswirtschaft im Stil des Dampfmaschinenzeitalters. Blatter machte aus dem Schmiergeldklub eine kriminelle Vereinigung im Stil der Finanzmarktjobber, die sich bis zum Kladderadatsch von 2007/2008 für »Herren des Universums« hielten. Infantini, Zweitwohnsitz in Katar (Weltmeisterschaft 2022), vollendete das Ganze und lässt die FIFA in Symbiose mit Scheichs, Königen (Saudi-Arabien hat schon den Zuschlag für die Weltmeisterschaft 2034) und dem alle überstrahlenden Donald Trump aufgehen. Dem übergibt er wahrscheinlich den noch nicht vorhandenen, aber in Sekunden beschaffbaren FIFA-Weltliteraturpreis, falls das Nobelkomitee erneut versagt. Widerstandskämpfer Blatter angesichts dessen: Er liebe die Kanadier und fühle sich »sogar ein bisschen kanadisch«. Mehr Wilhelm Tell gegen die Trump-Infantino-Diktatur ist kaum denkbar.

In jW hieß es einmal, eine Welt ohne FIFA sei möglich. Das kommt selbst dem alten Sepp Blatter (89) nicht in den Sinn.

links & bündig gegen rechte Bünde

Jetzt den kostenlosen jW-Newsletter abonnieren – täglich das Beste aus der Tageszeitung junge Welt, direkt in Ihr Postfach. Ihre E-Mail-Adresse wird natürlich niemals an Dritte weitergegeben.