„Giant“: Der Glamour-Boxer im Schatten seines Trainers
Von Oliver Rast
Die grellen Spots sind auf ihn gerichtet, auch alle Augenpaare. Er genießt das, immer schon. Die ungeteilte Aufmerksamkeit. Schnellen Schrittes nimmt er die wenigen Treppenstufen zum Ringrand. Er hält kurz inne, hebt das Kinn, grinst, zeigt seine etwas lückenhafte obere Zahnreihe, umklammert mit seinen Handschuhen das obere Seil – und springt aus dem Stand, ohne Anlauf, mit explosiver Bein- und Hüftstreckung in die Höhe, zieht die Knie an, beschleunigt die Rotation – und landet nach seinem Frontflip im Seilquadrat. Mit erhobenen Armen tänzelt er über die Bretter, die für ihn die Welt bedeuten. Das Publikum tobt, die Halle bebt. Der Mann, der diese Inszenierung in vollen Zügen genießt, ist Prince Naseem „Naz“ Hamed. Ein Showman. Ein Performer. Ein Entertainer. Ja – aber vor allem ein Weltklasseboxer der 1990er Jahre, der Dominator im Federgewicht, dem Limit bis 57,2 Kilogramm.
Vorwärtssalto und blitzschnelle Reflexe
Hameds Vorwärtssalto – ein Signature Move, beinahe eine ikonische Sequenz. Eine, die auch in „Giant“ ihren Platz hat, dem am 9. Januar im Vereinigten Königreich angelaufenen Biopic, einem Sportlerdrama über das Leben von Naseem Hamed. Mitproduziert hat den Streifen Sylvester Stallone mit seiner Balboa Productions. Einen deutschen Verleih gibt es bislang nicht, ein Kinostart hierzulande ist daher völlig offen.
Der Film ist vor allem ein Porträt der intensiven, fast väterlichen Beziehung zwischen Hamed und seinem Entdecker Brendan Ingle. Der irische Trainer formte im legendären Wincobank Gym in Sheffield aus dem schmächtigen, jemenitisch-britischen Jungen einen sehr erfolgreichen, populären und zugleich polarisierenden Boxer seiner Zeit. Die Besetzung ist hochkarätig: Amir El-Masry (Star Wars: Der Aufstieg Skywalkers, 2019) spielt Hamed, Pierce Brosnan (James Bond von 1995–2002) verkörpert Ingle.
Der Coach erkennt sofort Hameds außergewöhnliches Talent – Reflexe, Agilität, Selbstbewusstsein – und modelliert es mithilfe seiner unkonventionellen Trainingsmethoden aus Rhythmusübungen, Schattenboxen zu Musik und extravaganten Bewegungsmustern. Daraus entsteht ein beinahe revolutionärer Kampfstil: blitzschnelle Reflexe, brachiale Schlagkraft und schrille Showeinlagen, die das Publikum elektrisieren. Beide profitieren davon – Hamed gewinnt Struktur, Disziplin und Technik, während Ingle seinen Ruf als einer der bedeutungsvollsten Trainer Großbritanniens und Irlands festigt. Und schon bald werden Hameds Kämpfe zu Events, geprägt von aufwendigen Ring-Entrances, starker Medienpräsenz und TV-Quoten, die ihn zum „globalen Ereignis“ machen. Doch der gemeinsame Höhenflug hat seinen Preis: Mit wachsendem Ruhm wächst auch die Distanz zwischen Trainer und Schützling.
Entzauberung des Unbesiegbaren
Nach dem kräftezehrenden Zwölf-Runden-Kampf gegen Wayne McCullough im Oktober 1998 war die Trennung kaum noch aufzuhalten. Hameds Starrummel kollidierte frontal mit Ingles Kontrollanspruch, und beide hatten längst unterschiedliche Vorstellungen vom weiteren Weg. Die einst produktive Spannung zwischen ihnen war zur Belastung geworden, sodass sie wenige Wochen später ihre Zusammenarbeit beendeten. Anschließend übernahm Emanuel Steward (1941-2012) das Coaching von Hamed – der Meistertrainer, der etwa Evander Holyfield, Oscar De La Hoya und Lennox Lewis zu Titelträgern machte.
Doch auf den Wechsel folgte der Wendepunkt – der Anfang vom Ende: Am 7. April 2001 im MGM Grand in Las Vegas. Der Mexikaner Marco Antonio Barrera brilliert im Seilgeviert und neutralisiert Hameds ultraunorthodoxen Stil mit taktischer Strenge. Mit Jabs und Geraden, ohne sich auf wilde Schlagwechsel einzulassen. Konsequent nutzt Barrera die offenen Flanken, die Hamed durch seine tiefen Hände und weiten Schwinger anbietet. Die Niederlage entzaubert den bis dahin Unbesiegbaren, und nach einem letzten, glanzlosen Auftritt gegen Manuel Calvo verabschiedet sich Hamed abrupt und wortlos aus dem Boxsport – mit erst 28 Jahren. Ohne Sprung, ohne Pose, ohne Spots, die ihn einst in Szene setzten.
Eine Ära endet – die Bilanz beeindruckt: 37 Kämpfe, 36 Siege, 31 Knockouts. Hamed hielt den WBO-Federgewichtstitel über fünf Jahre und verteidigte ihn 15mal – eine Serie, die seinen Mix aus Power, Risiko und Show unverwechselbar machte.
Charakterstudien statt Boxerepos
Aber: Wer einen klassischen Karrierefilm über Hameds Aufstieg, Titelverteidigungen und Dominanz im Federgewicht erwartet, wird überrascht – oder enttäuscht. „Giant“ ist weniger „Prince Naseem: The Highlight Reel“ als vielmehr ein Film über Brendan Ingle, den Mann hinter dem Phänomen. Der Film verschiebt das narrative Gewicht stark weg vom Kämpfer selbst.
Die Karriere wird eher angerissen als wirklich seziert: Hameds sportlicher Werdegang bleibt skizzenhaft, Titelgewinne, KO-Serien und der psychologische Druck, den „Naz“ auf Gegner ausübte, rücken selten in den Vordergrund. Auch seine große Bedeutung für das britische Boxen – gerade für Kämpfer mit Migrationshintergrund – wird nur angedeutet, während taktische Fragen, etwa warum sein Stil so vielen Gegnern überlegen war, gegen Barrera jedoch wirkungslos blieb, kaum vertieft werden. Gerade dieser Kampf, der seine Laufbahn faktisch beendete, hätte das emotionale Herzstück eines Films für Boxliebhaber sein können. Kurz: „Naz“ bleibt oft Projektionsfläche, nicht Motor der Geschichte.
Dass Prince Naseem Hamed selbst öffentlich Distanz zum Film geäußert hat („It’s not my movie“), passt ins Gesamtbild. „Giant“ beansprucht nicht, die „definitive Wahrheit“ über Hamed zu erzählen, sondern interpretiert seine Karriere durch die Brille seines Trainers.
Am Ende ist „Giant“ kein klassisches Boxerepos, sondern eine Charakterstudie über Vertrauen, Einfluss und die Dynamik zwischen Boxass und Mentor. Wer diese Perspektive akzeptiert, bekommt einen sehenswerten, atmosphärisch starken Film.
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