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Aus: Ausgabe vom 13.02.2026, Seite 16 / Sport
Ski alpin

»So schnell wie möglich runterfahren«

Nicht plaudern, gewinnen: Emma Aicher ist Deutschlands erfolgreichste Skirennfahrerin
Von Gabriel Kuhn
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Ausnahmsweise ausgeschieden: Emma Aicher beim Super-G-Wettbewerb (Cortina d’Ampezzo, 12.2.2026)

Deutschland hat einen neuen Skistar. Oder Antistar. Sich Emma Aicher inmitten der »Zickenkriege« der nuller Jahre zwischen Maria Riesch und Lindsey Vonn vorzustellen, ist schwierig. Mehr als ein Schulterzucken hätte sie dafür kaum übrig.

Emma Aicher wuchs in Sundsvall auf, der Heimat ihrer Mutter im Norden Schwedens. Bis sie 16 Jahre alt war, fuhr sie im Nachwuchs für den Schwedischen Skiverband, dann folgte der Wechsel zum DSV. Ihr Vater stammt aus Mahlstetten in Baden-Württemberg, Aicher tritt seither für den dortigen Skiklub an. Den Verbandswechsel begründete sie damit, dass es in den Alpen bessere Trainingsmöglichkeiten gebe.

In Schweden nahm ihr das kaum jemand übel. Aicher hatte immer schon den Charme des Antistars. Ihre ersten Interviews auf schwedisch sind im Netz ein Hit. Als sich im zarten Alter von 13 Jahren abzeichnete, dass hier ein besonderes Talent auf Skiern steht, stellte ihr ein schwedischer Reporter nach einem Jugendrennen ein paar Fragen. Zweimal antwortet Aicher mit »Ja«, dreimal mit »Gut«, und zum Schluss erläutert sie ihre Taktik: »so schnell wie möglich runterfahren«. Bis heute ruft sie derselbe Journalist immer wieder an und lädt die Aufnahmen hoch. Unnötiges Geplänkel spart sich Aicher immer noch. Auch im deutschen Fernsehen ist das zu sehen. Als ein Reporter des Bayerischen Rundfunks sie nach dem bescheidenen Weltcupauftakt in Sölden (Platz 25 im Riesenslalom) mit einem »Aber der zweite Lauf war schon besser« aufmuntern wollte, entgegnete sie verwundert: »Der zweite? Weiß nicht. Bin trotzdem weit hinten.«

Der DSV warf Aicher nach ihrem Verbandswechsel schnell ins kalte Wasser. Bei der WM 2021 durfte sie als 17jährige im Teamwettbewerb antreten. Sie gewann keinen ihrer Läufe und holte dennoch Bronze. Ein Jahr später bei den Olympischen Winterspielen in Beijing war es sogar Silber. Wieder gewann Aicher keinen ihrer Läufe, aber Teamwettbewerb ist Teamwettbewerb.

Im Weltcup ging es stetig nach oben, aber nicht immer kerzengerade. Aufsehenerregende Läufe mischten sich mit Ausfällen. Aicher hielt hartnäckig daran fest, in allen Disziplinen zu starten. Heute ist sie die einzige, die das im Weltcup tut. Ironischerweise sind ihre besten Disziplinen die beiden gegensätzlichsten, Abfahrt und Slalom. Dort hat sie je drei Podestplätze geholt, hinzu kommen zwei im Super-G. Der Riesenslalom ist Aichers schwächste Disziplin, hier hat sie als bisher bestes Weltcupergebnis einen zehnten Platz zu Buche stehen.

Im Gesamtweltcup der Saison 2025/26 liegt Aicher hinter US-Superstar Mikaela Shiffrin und der Schweizerin Camille Rast auf Rang drei. So richtig geht ihr Stern jedoch derzeit bei den Olympischen Spielen in Cortina d’Ampezzo auf, wo die Skirennen der Damen ausgetragen werden. In der Abfahrt am Sonntag gewann sie hinter der US-Amerikanerin Breezy Johnson Silber, nur vier Hundertstel fehlten ihr auf Gold. Der Erfolg ging angesichts des Dramas um Lindsey Vonn, die trotz Kreuzbandrisses antrat, stürzte und sich einen offenen Unterschenkelbruch zuzog, etwas unter. Die letzte Medaille Aichers war es jedoch nicht.

Gemeinsam mit Kira Weidle-Winkelmann (SC Starnberg) trat Aicher zwei Tage später in der Teamkombination an. Ironischerweise war sie hier trotz ihres Medaillengewinns in der Abfahrt als Slalomläuferin vorgesehen. Warum? Weil die zweitbeste deutsche Abfahrerin, Weidle-Winkelmann, in dieser Saison bessere Ergebnisse erzielt hat als die zweitbeste deutsche Slalomfahrerin, Lena Dürr (SV Germering). Das Gesamtpaket schien mit Weidle-Winkelmann in der Abfahrt und Aicher im Slalom also vielversprechender. Die Rechnung ging auf. Weidle belegte in der Abfahrt mit 0,74 Sekunden Rückstand Rang sechs, Aicher fuhr danach im Slalom Laufbestzeit. Dass das Duo schließlich um fünf Hundertstelsekunden hinter den österreichischen Überraschungssiegerinnen Ariane Rädler und Katharina Huber blieb, war schlicht Pech. Zum zweiten Mal binnen weniger Tage verfehlte Aicher Gold nur um Haaresbreite. Sie nahm es gewohnt cool. Nach der Abfahrt meinte sie zum Lauf der Siegerin Breezy Johnson: »Ich hab die Fahrt noch nicht gesehen, aber sie hat das wahrscheinlich richtig gut gemacht und sich das verdient.«

Im Olympia-Super-G am Donnerstag lief es für Aicher nicht nach Wunsch. In einem Rennen mit vielen Ausfällen verpasste auch sie ein Tor, ebenso wie Weidle-Winkelmann. Die Lokalmatadorin Federica Brignone feierte nach langer Verletzungspause einen überraschenden wie emotionalen Sieg.

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