»Revolutionär durch und durch«
Von Carmela Negrete
Am 15. Februar 1966 starb Camilo Torres Restrepo. Der Priester und Guerillakämpfer der Nationalen Befreiungsarmee ELN, fiel bei einem Gefecht in der kolumbianischen Region Santander. Sein Leichnam wurde damals offenbar mit Formalin konserviert und soll nun der Universidad Nacional von Kolumbien in Bogotá übergeben werden, damit er dort in einer Art Mausoleum aufbewahrt wird. Dagegen gab es Proteste von Professoren und Studenten, vor allem aus der rechten Opposition, die beklagen, dass Kolumbien derzeit einen polarisierenden Moment erlebe und es viele Opfer bewaffneter Konflikte gebe.
Denn trotz linker Regierung, einem Friedensabkommen mit der Guerillagruppe FARC und mancher sozialer Fortschritte herrscht in Kolumbien weiterhin alles andere als Frieden. Eine Abspaltung der ELN ist ebenfalls dafür mitverantwortlich. Es ist ein Krieg, der bereits sechs Jahrzehnte andauert, inzwischen Hunderttausende Opfer forderte und bei dem auch internationale Firmen eine Rolle spielten, insbesondere bei der Vertreibung und Ausbeutung der ländlichen Bevölkerung.
Die Universität begründet ihren Schritt, Torres’ Leichnam aufbewahren zu wollen, damit, dass sie sich für »pluralistisches Denken und die Suche nach Frieden« einsetze. Man wolle die sterblichen Überreste aufnehmen wegen der historischen Bedeutung des Befreiungstheologen als Dozent für urbane Soziologie und Sozialarbeit sowie als Mitbegründer des Fachbereichs Soziologie im Jahr 1960.
»Pablo Escobars Weg«
Auch Kolumbiens Präsident Gustavo Petro, der seit seinem Amtsantritt Friedensgespräche mit der ELN führt, sprach sich im Januar dafür aus, dass der frühere Priester an der Universität einen Ehrenplatz erhält und ein Staatsakt veranstaltet wird.
Petro vergleicht allerdings die heutige ELN mit einer Drogenmafia. Im Februar 2025 erklärte er: »Es kann keine Übereinstimmung zwischen Beamten der Sicherheitskräfte und der Mafia geben, denn heute ist die ELN eine Mafia. Ich habe sie gefragt: ›Welchen Weg werdet ihr gehen? Hat Pater Camilo Torres Restrepo sein Leben dem Volk wie Jesus oder wie Pablo Escobar gewidmet?‹ Sie haben es uns bereits gezeigt. Offensichtlich und rabiat haben sie den Weg von Pablo Escobar gewählt«, sagte der Präsident vor der Presse.
Am Donnerstag fand an der Universidad Industrial de Santander (UIS) eine Tagung statt, die von sozialen Bewegungen mitorganisiert wurde. Dabei sollte die historische und politische Rolle der Frauen in der 1965 von Torres gebildeten sozialistischen Allianz der Einheitsfront und in den sozialen Kämpfen Kolumbiens hervorgehoben werden. »60 Jahre nach seinem Tod bleibt Camilos Botschaft über wirksame Liebe, Organisation und strukturelle Transformation weiterhin aktuell und spiegelt sich in den gegenwärtigen kontinentalen Kämpfen wider«, heißt es in der Beschreibung der Konferenz von der Politikprofessorin María Elvira Naranjo sowie der Historikerin und Aktivistin María Tila Uribe.
Der Priester Javier Giraldo hatte im Jahr 2019 eine formale Suchanfrage bei einer Behörde gestellt, die im Zuge des Friedensprozesses mit der FARC ins Leben gerufen worden war, um die Leiche von Torres zu finden, berichtete die Tageszeitung El País am 8. Februar. Daraufhin wurden mehrere auf dem Friedhof von Bucaramanga begrabene Leichen exhumiert. Die sterblichen Überreste wurden in die Vereinigten Staaten geschickt, um dort analysiert und mit Gewebeproben der Eltern von Torres verglichen zu werden, die seit zehn Jahren zu diesem Zweck aufbewahrt worden waren. Auch die in Havanna begrabene Mutter von Torres wurde exhumiert.
Die ELN hat am 22. Januar die Person von Torres gewürdigt: »Man spricht weiterhin über die vielfältigen Dimensionen Camilos: Priester, Soziologe, Sohn, Bruder, Freund, Gefährte, Agitator, Organisator, Forscher, nationale politische Führungspersönlichkeit, Guerillakämpfer … Doch im Kern war Camilo ein Revolutionär durch und durch; sein Leben war ein Wirbelsturm des Engagements für das Volk«, schreibt die Organisation in einem Kommuniqué.
In den letzten Jahren habe »das politische Establishment ein Narrativ geprägt, das Camilo in entschärfter und angepasster Form erscheinen lässt«. Damit solle »der militärische Kampf gegen die ELN legitimiert werden – jene Guerillaorganisation, an deren Aufbau Camilo beteiligt war und in der er seinen Entschluss ›Befreiung oder Tod‹ bekräftigte«, schreibt die Guerilla, die in den letzten Monaten mehrfach bewaffnete Aktionen verübt hat. »Camilo ist in die Geschichte eingegangen und kann weder ausgelöscht noch für Zwecke benutzt werden, die seinem Leben zuwiderlaufen«, heißt es in dem Kommuniqué der ELN, worin sie auch fordert, dass Torres auf dem Campus der Universität beigesetzt werden solle.
Schwere Zeiten für Frieden
Die sterblichen Überreste von Camilo Torres wurden in einem schwierigen Moment des Friedensprozesses in Kolumbien gefunden. Präsident Gustavo Petro, der selbst in seiner Jugend Guerillero bei der Stadtguerilla M-19 war, erklärte am Mittwoch, dass er ein Attentat überlebt habe. Der Hubschrauber, in dem er mit seinen Kindern unterwegs war, sei von »Drogenkartellen« – wie er sie nannte – attackiert worden. Damit könnte er eine der Gruppen gemeint haben, die das Friedensabkommen von 2016 nicht unterzeichnet haben und gegen die der Präsident zuletzt den Kampf angekündigt hatte.
In den vergangenen Monaten kam es zu einer Reihe von Anschlägen und bewaffneten Aktionen. So wurden im Juni letzten Jahres bei 24 Anschlägen im Departamento Valle del Cauca acht Menschen getötet und 25 verletzt. Am 9. Juni wurde zudem eine Armeeeinheit angegriffen, die eine Antidrogenoperation durchführte. Dabei war eine Bombe an einem Esel befestigt, die einen Soldaten tötete und einen weiteren verwundete. Im Juli wurden erneut fünf Menschen ermordet und 300 weitere vertrieben. Zu diesen Taten bekannte sich eine Abspaltung der FARC. Am 21. August wurde ein Hubschrauber der Polizei, der an einer Antidrogenoperation beteiligt war, von einer Drohne abgeschossen. 13 Polizisten starben. Am selben Tag kamen sieben Zivilisten durch eine Bombe in einem Lastwagen ums Leben, darunter ein Kind; 71 weitere Menschen wurden verletzt.
Im Jahr 2016 war nach einer Reihe von Friedensgesprächen in Havanna und Oslo ein Friedensabkommen mit der FARC-EP unterzeichnet worden. Darin wurden zahlreiche Vereinbarungen getroffen, darunter eine Landreform, die vorsieht, Grundstücke an ehemalige FARC-Mitglieder zu übergeben, die ihre Waffen niedergelegt haben. Gegen jene Gruppen, die dem Friedensprozess nicht zugestimmt haben, verfolgt der Staat eine harte Linie. Bis Anfang Februar hat Petros Regierung 14 Mal Guerillastützpunkte bombardieren lassen.
Die ELN wirft der Regierung vor, dabei auch Kinder getötet zu haben; die Regierung wiederum beschuldigt die Guerilla, Kindersoldaten zu rekrutieren – ein Problem, das den bewaffneten Konflikt seit seinen Anfängen begleitet.
Die UNO hat mehrfach davor gewarnt, dass eine Sicherheitspolitik zur Zerschlagung bewaffneter Gruppen von Entwicklungsprogrammen begleitet werden müsse. Zu oft habe der kolumbianische Staat allein auf Repression gesetzt, ohne die sozialen Probleme anzugehen, die der Gewalt zugrunde liegen.
Zudem hat die Armee in Kolumbien wiederholt schwere Menschenrechtsverletzungen begangen. Ein Beispiel ist der Skandal um die sogenannten »Falsos Positivos«, bei denen Armeeeinheiten wahllos Zivilisten entführten, als Guerilleros verkleideten und ermordeten, um Erfolge im Kampf gegen die bewaffneten Gruppen vorzutäuschen. Die Staatsanwaltschaft hat rund 1.400 solcher Fälle untersucht.
Hintergrund: Priester und Rebell
Camilo Torres Restrepo wurde 1954 Priester und später auch Soziologe und Professor der Universität UIS, wo er sich zusammen mit den Studenten an Protesten beteiligte. Er schrieb eine Arbeit mit dem Titel »Die Proletarisierung Bogotás« und gehörte ab den 1960er Jahren zu den ersten und bekanntesten Vertretern der Befreiungstheologie. Angesichts der elenden Verhältnisse, in denen die meisten Kolumbianer lebten, sah Torres die Revolution als Christenpflicht.
Torres stammte aus einer gut situierten Arztfamilie aus Bogotá, schloss sich jedoch der Guerilla ELN an, die 1964 gegründet worden war, um gegen die Armut auf dem Land zu kämpfen. Er lud alle Kolumbianer ein, dasselbe zu tun, und förderte die Gemeindeaktionsverbände (Juntas de Acción Comunal). Die bis heute zumeist äußerst prekäre Situation der landlosen Bauern bezeichnete Torres als eine Form von Sklaverei, die es abzuschaffen gelte. Er gründete 1965 den Frente Unido (Einheitsfront), eine Plattform, die Parteien und Gewerkschaften mit anderen sozialen Organisationen zusammenbrachte.
Am 15. Februar 1966 starb Camilo Torres Restrepo in San Vicente de Chucurí in der Nähe von Bucaramanga im Nordosten Kolumbiens im Kampf gegen die Armee. Bei der Aktion wurden auch andere Guerilleros getötet, die versucht hatten, Waffen zu erbeuten. Der Priester wurde nur 37 Jahre alt. Der Ort gilt als bedeutendes Zentrum des Kakaoanbaus. Heute gibt es dort eine Gedenkstätte in Erinnerung an den Bürgerkrieg. Doch bis jetzt herrscht in der Region kein wirklicher Frieden. Letztes Jahr kam es zu Protesten, weil die Regierung bestimmte Ländereien früheren Mitgliedern der FARC zugesprochen hatte. Indigene Völker, landlose Tagelöhner und afroabstammende Gemeinschaften wollten diese Gebiete selbst bewirtschaften und organisierten daher Straßenblockaden und andere Proteste.
Die Bedeutung von Torres für die Befreiungstheologie ist unbestritten. Zwei Jahre nach seinem Tod unterzeichnete die Zweite Bischofskonferenz von Lateinamerika, die 1968 in Medellín stattfand, eine Erklärung. Darin behandelten die lateinamerikanischen Bischöfe unübersehbare wie Marginalisierung, Entfremdung und Armut in Lateinamerika. Sie stellten fest, dass die große Mehrheit des lateinamerikanischen Volkes in einem Kontext von Armut und »oft sogar von Elend« lebt. Dieses Dokument eröffnete auf institutioneller Ebene einen neuen Blick auf die Botschaft des Evangeliums und die Rolle des Missionars: nicht nur religiöser Lehrer zu sein, sondern auch Aufklärer und Revolutionär. (cn)
links & bündig gegen rechte Bünde
Jetzt den kostenlosen jW-Newsletter abonnieren – täglich das Beste aus der Tageszeitung junge Welt, direkt in Ihr Postfach. Ihre E-Mail-Adresse wird natürlich niemals an Dritte weitergegeben.
Ähnliche:
Erwan Briand06.05.2025Guerilla auf neuen Wegen
Carlos Eduardo Ramirez/REUTERS05.02.2025Krieg im Catatumbo
Cover-Images/IMAGO21.01.2025Schwere Vorwürfe gegen ELN