Verdi in den Epstein-Akten?
Von Susanne Knütter
Es ist nicht bekannt, dass Ghislaine Maxwell sich journalistisch betätigt hätte. Fremd war ihr das Mediengeschäft indes nicht. Ihr Vater, Robert Maxwell, war Medienmogul und handelte 1990 mit dem damaligen PDS-Vorsitzenden Gregor Gysi den Kauf des Berliner Verlags aus. Vielleicht kam der späteren Komplizin des Sexualstraftäters und mutmaßlichen Geheimdienstagenten Jeffrey Epstein daher die Idee, einen Presseausweis als Ausweisdokument zu nutzen. Man weiß es nicht. Inzwischen aber weiß man, dass der internationale Presseausweis aus dem Jahr 2017, von dem Ende voriger Woche ein Scan in den öffentlich einsehbaren Epstein-Akten entdeckt wurde, gefälscht worden sein muss.
Seit Freitag nachmittag ermittelte die Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft (Verdi) nach eigenen Angaben intern, wie es sein kann, dass die Komplizin des bereits in den 2000ern wegen Missbrauchs angeklagten und wegen Prostitution Minderjähriger verurteilten Epstein über einen Presseausweis verfügte, der dem Anschein nach 2015 von der Deutschen Journalisten Union (dju) in Verdi ausgestellt worden war. Montag abend gab Verdi das Ergebnis ihrer Nachforschungen bekannt: »Bei dem Scan des IPC handelt es sich nach unseren internen Ermittlungen sicher um eine Fälschung«, erklärte Matthias von Fintel, Leiter des Bundesvorstandsbereichs Medien, Journalismus, Film, gegenüber jW. Der besagte Presseausweis mit Gültigkeit bis zum 15. September 2017 sei nicht von der dju ausgestellt worden. Die auf der International Press Card (IPC) »erkennbare Dokumentennummer GE52411« passe nicht zu den im Ausstellungsjahr durch die dju ausgestellten IPC. Die »für 2015 gelisteten laufenden Nummern weichen um mehrere tausend von der PDF-Kopie ab. Wir gehen deshalb von einer Fälschung der IPC aus. Wir behalten uns wie in solchen Fällen üblich rechtliche Schritte vor«, so von Fintel.
Gegenüber Spiegel erklärte Verdi, dass die Ausweisnummer der Maxwell-IPC im zweiten Quartal 2011 verwendet worden sei. Aus der Anzahl der verbrauchten Rohlinge, wisse man, dass ungefähr 150 IPC in dem besagten Quartal ausgestellt worden sind, erklärte von Fintel gegenüber jW. Aber für wen der Ausweis ausgestellt wurde, könne jetzt nicht mehr recherchiert werden. Wegen der Löschpflichten lägen keine Daten mehr dazu vor. Bereits zuvor hatte Verdi darauf verwiesen, dass Antragsunterlagen »nach unserem Datenschutzkonzept nur zweckgebunden gespeichert und regelmäßig nach dem Jahr der Antragstellung vernichtet« würden. Daher sei davon auszugehen, »dass auch vor Ort keine Daten oder Nachweise mehr vorhanden sind, die mit der Gültigkeit der IPC korrespondieren«.
Dass der Presseausweis am Ende nicht ausgestellt, sondern gefälscht worden ist, ist trotzdem ein interessantes Detail. Mit Presseausweisen können Journalisten Zutritt zu Behörden, Ministerien oder Veranstaltungen erhalten. In Notfällen werden sie vorgelassen. Epstein selbst hatte einen gefälschten Pass, ausgestellt in den 1980er Jahren in Österreich. Die Frage ist, wozu.
Wenn nun etwa die taz moniert, dass zu viel über Presseausweise und zu wenig über die Opfer des Missbrauchsrings gesprochen wird, verkennt sie die Tragweite dieser ungeheuerlichen Geschichte. Sie macht deutlich, dass Prostitution und sexuelle Gewalt, selbst an Minderjährigen, in der herrschenden Klasse offenbar Standard sind, und wie groß das Netzwerk ist. Und auffällig ist noch etwas: Es wurden systematisch Foto- und Videoaufnahmen angefertigt sowie E-Mails konserviert, die die Politiker- und Wirtschaftselite weltweit erpressbar machen. Wer »nur« ein geschäftliches Interesse an Menschenhandel hat, legt vermutlich nicht so eine Sammlung an.
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