Über den Block hinaus
Von Raphael Molter
Die Rede von Fußballkurven als Orten eines latenten Klassenkampfs hat ihre Plausibilität. Tom Biebl hat jüngst in dieser Zeitung mit dem Beitrag »Was im Block funktioniert« (siehe jW, 27.1.2026) eine wichtige Diskussion darüber angestoßen. Die besagte Plausibilität verdankt sich zunächst einer realen Erfahrung. Fans geraten in Konflikt mit staatlicher Repression, ökonomischer Verwertung und ordnungspolitischer Zurichtung. Diese Konflikte sind nicht bloß kultureller Natur, sondern sie betreffen Fragen von Eigentum, Zugang und sozialer Kontrolle. Vor diesem Hintergrund liegt es nahe, vom Klasseninstinkt zu sprechen: als vorgelagerter Orientierung, die gesellschaftliche Widersprüche praktisch erfasst und affektiv einordnet, noch bevor sie theoretisch reflektiert werden.
Gerade deshalb taugt dieser Begriff nur unter Bedingungen. Klasseninstinkt ist kein frei flottierendes Gefühl der Ungerechtigkeit. Er ist an reale Klassenlagen gebunden. Er entsteht dort, wo Menschen kollektiv in den Produktions- und Reproduktionszusammenhang des Kapitals eingebunden sind und diese Stellung als strukturelle Abhängigkeit erfahren. Wird dieser Zusammenhang gelockert oder überlagert, verliert auch der Instinkt seine Schärfe. In den Kurven der deutschen Fußballstadien ist genau das zu beobachten. Die moralische Ökonomie der Fankultur – Solidarität, Verantwortung, Gemeinschaft – existiert, aber sie ist vielfach vom Klassenverhältnis abgekoppelt. Sie speist sich aus kultureller Praxis, nicht aus kollektiver Arbeitserfahrung und schon gar nicht aus gemeinsam erfahrener Prekarisierung.
Damit ist nichts über den sozialen Hintergrund einzelner Fans gesagt. Wohl aber über die Struktur des Feldes. Stadien und Kurven fungieren hierzulande primär als Teil der bürgerlichen Zivilgesellschaft. Sie sind Räume, in denen Konflikte artikuliert werden, ohne notwendig in Klassenpolitik zu münden. Proteste gegen Investoren, Repression oder Verbandsstrafen folgen einer moralischen Logik. Sie formulieren legitime Erwartungen an Fairness, stellen aber selten die Produktionsweise selbst in Frage. Der Klasseninstinkt erscheint hier nur noch verdünnt: als Unbehagen an Entfremdung, nicht als antagonistische Praxis.
Der Vergleich mit politisch stabilen Kurven im europäischen Ausland macht diesen Unterschied sichtbar. Wo Fanszenen organisch in proletarische Milieus eingebettet sind, bleibt der Klasseninstinkt wirksam, weil er im Alltag reproduziert wird. Antikoloniale Solidarität – etwa mit Palästina – entspringt dort nicht primär politischer Bildung, sondern dem Wiedererkennen struktureller Gewalt, die historisch wie aktuell erlebt wurde und Teil eines kollektiven Gedächtnisses ist. In Deutschland hingegen dominiert ein bürgerlicher Antifaschismus, der moralisch klar, aber sozial unverbindlich bleibt. Er operiert innerhalb des staatlich anerkannten Wertekanons und beißt sich mit Positionen, die diesen Kanon selbst in Frage stellen.
Aus dieser Diagnose folgen politische Konsequenzen. Für Fanszenen, die radikaler, bissiger und rebellischer werden wollen, ist sie eine Zumutung. Politische Schärfe lässt sich nicht aus der Kurve selbst generieren. Sie entsteht weder aus besserer Rhetorik noch aus härteren Bannern oder konsequenterer Empörung. Wer im Fußball Klassenpolitik machen will, muss die Selbstreferentialität der Fankultur hinter sich lassen. Ohne reale soziale Bindungen an Arbeitskämpfe, Mieterinitiativen oder antikoloniale Bewegungen bleibt die Radikalität dekorativ.
Für die organisierte Linke ergibt sich daraus eine ebenso unbequeme Lehre. Die Kurven sind kein Ersatz für fehlende Klassenorganisation. Sie können Resonanzräume sein, aber keine Stellvertreter. Wer politische Hoffnungen auf Fankultur projiziert, um eigene organisatorische Schwächen zu kompensieren, verwechselt kulturelle Mobilisierung mit gesellschaftlicher Macht. Aufgabe linker Politik ist es, dort anzusetzen, wo Klasseninstinkt entstehen kann: in Betrieben, Nachbarschaften und Stadtteilen, Bildungs- und Reproduktionskämpfen. Erst von dort aus lassen sich tragfähige Verbindungen zur Fankultur herstellen.
Eine materialistische Perspektive verlangt Nüchternheit. Die Kurve ist kein revolutionäres Subjekt, aber auch kein politisch leerer Raum. Sie ist ein widersprüchlicher Teil der bürgerlichen Gesellschaft, in dem gesellschaftliche Widersprüche moralisch artikuliert, aber strukturell entschärft auftreten. Erst aus dieser Klarheit heraus lässt sich bestimmen, welche politischen Erwartungen realistisch sind – und welche Illusion bleiben.
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