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11.02.2026, 10:00:19 / Sport
Boxen

Dirty Boxing: Veyre ringt Persoon nieder – und holt sich den WBC-Titel im Superfedergewicht

Der erwartete Stilclash wird zur zähen Rauferei, in der Technik kaum eine Rolle spielt. Am Ende jubelt Caroline Veyre, während Delfine Persoon wütend und fassungslos zurückbleibt
Von Oliver Rast
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Clash im Clinch: Caroline Veyre (l.) ist auf dem Höhepunkt ihrer Profikarriere

Schwerstarbeit ist es für Ringrichter Benjamin Rodriguez. Im Zehnsekundentakt während der zehn Runden muss er eingreifen, die ineinander verkeilten Kontrahentinnen trennen. Der Referee erteilt Ermahnungen, vollstreckt Punktabzüge; kurz: Er wird zum unfreiwilligen Hauptdarsteller im Seilquadrat – verkehrte Welt.

Urteil mit Pfiffen

Beim Fight von Caroline Veyre und Delfine Persoon am Dienstag abend (Ortszeit) um den vakanten Weltmeisterschaftstitel nach Version der WBC im Superfedergewicht (max. 130 Pfund; 59 kg). In der Location »GLC Live at 20 Monroe« direkt in Downtown Grand Rapids, der zweitgrößten Stadt des US-Bundesstaats Michigan. In der kompakten Mehrzweckhalle mit Klubatmosphäre finden beim Ringside Setup rund 2.000 Personen Platz. Das reicht für eine stimmungsvolle Kulisse. Und das Gros des Publikums verschafft sich nach dem letzten Gong Luft, quittiert das Urteil der drei Punktrichter mit Buhrufen und Pfiffen. Denn das Trio votiert einstimmig für die Franco-Kanadierin Veyre (95:91, 94:92, 98:88). Ein Votum, das bei der unterlegenen Persoon aus Belgien eines auslöste: Wut und Tränen. Dabei war die Vorfreude vor dem WM-Kampf groß, die Spannung spürbar ob des erwarteten Stilduells, des Aufeinandertreffens zweier Boxphilosophien. Veyre und Persoon hatten sich bereits beim offiziellen Wiegen am Montag in exzellenter, austrainierter Verfassung präsentiert: Persoon brachte 127,2 Pfund auf die Waage, Veyre 129,4 Pfund – beide klar unter dem Limit und sichtbar bereit für ein hochklassiges Gefecht. Dazu gleich.

Karriereleiter hoch

Zunächst: Veyre (11-1), die in Michigan bereits mehrfach erfolgreich angetreten ist, ist für technisch präzises, taktisch diszipliniertes Boxen bekannt. Ihre Stärken: saubere Distanzkontrolle, klare Geraden, flinke Beinarbeit. Solides Handwerk einer langen Amateurlaufbahn. Für die 37jährige sollte die Fightnight der Salita Promotions in Grand Rapids ein erneuter Schritt auf der Karriereleiter werden. Mehr noch: Für die Exolympiateilnehmerin war es der bisher wichtigste Leistungscheck ihrer Profikarriere. Persoon (50-4, 20 KOs) hingegen verkörpert die physische, druckvolle Seite des Boxsports. Die frühere WBC-Leichtgewichtsweltmeisterin, die mehr als 350 Profirunden absolviert hat, setzt auf pausenlose Attacken, hohe Schlagfrequenz und eine Intensität, die ihre Gegnerin über die Runden hinweg zermürben soll. Dabei sucht die 41jährige stets den finalen Punch, den Knockout. Zurück zum Duell – und der Vorgeschichte. Der WBC-Gürtel im Superfedergewicht wurde frei, nachdem Alycia »The Bomb« Baumgardner ihn im vergangenen Jahr freiwillig niedergelegt hatte – ein Schritt, der im Frauenboxen für große Aufmerksamkeit sorgte. Baumgardner wollte ihre künftigen Titelkämpfe im 12×3-Minuten-Format bestreiten – wie die Männer. Die WBC verweigert das Format und bleibt als einziger der großen Weltverbände beim Modus zehn Runden je zwei Minuten. Deshalb will Mehrfachweltmeisterin Baumgardner künftig etwa ihre Titel nur noch bei der WBA, IBF oder WBO verteidigen. Veyre und Persoon galten als würdige Aspirantinnen, »The Bomb« nachzufolgen: zwei Stile, ein Gürtel, null Kompromisse. Präzise Technikerin trifft auf druckvolle Puncherin. Oder: Veyre will ersten WM-Gürtel, Persoon ihren nächsten. Ein Hochkaräter im Seilgeviert? Keineswegs.

Rhythmus brechen

Der Clash im Clinch war vor allem: nicklig, giftig, bissig. Nichts für Boxsportästheten, klassisches Dirty Boxing. Die Marschroute von Veyre schon nach wenigen Augenblicken in Runde eins sichtbar: Spoiling Tactics – Klammern, Schieben, Halten, um Persoons Rhythmus zu brechen. Das klappte über die volle Distanz. Die Routinierin Persoon fand nie zu ihrer bzw. irgendeiner Linie. Im Gegenteil: Veyre war es, die vereinzelt im Vorwärtsgang, aber auch im Rückwärtsgang Treffer landen konnte – Körperhaken, Kopfhaken. Wenn Persoon mit eigenen Aktionen Akzente setzen wollte, tauchte Veyre ab, umklammerte ihre Gegnerin an der Hüfte, drückte sie in die Seile – bis Ringrichter Rodriguez den Kampf unterbrach und die Kontrahentinnen mühsam trennte. Ein Schauspiel über zehn Runden – mit Folgen: Persoon wurden in den Runden vier und sieben ein Punkt abgezogen wegen Schlagens auf den Hinterkopf. Veyre erhielt in den Runden fünf und neun einen Punktabzug wegen Haltens. Unter dem Strich: Die wüste Rauferei hatte eine Siegerin: Veyre. Kein schöner Gameplan, aber einer, den die in Paris geborene und in Montreal lebende neue WBC-Titelträgerin konsequent durchsetzen konnte. Persoon war maximal frustriert, zeterte und wetterte lauthals vor und nach dem Urteil. Ihr blieb nur der symbolische Erfolg. Sie springt nach dem Richterspruch in die Ringecke, steigt aufs untere Seil, reckt den rechten Arm mit erhobenem Zeigefinger Richtung Zuschauertribüne – und lässt sich feiern. Und Ringrichter Rodriguez? Der schien nach dem Ende der Ringeinlagen im Ring erleichtert – und atmete nach seinem Job tief durch.

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