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Aus: Ausgabe vom 10.02.2026, Seite 15 / Natur & Wissenschaft
Wissenschaftspolitik

Die Führung übernehmen

Neuen Studien zufolge wird die Volksrepublik China zur wichtigsten Wissenschaftsnation
Von Marc Püschel
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China läuft in Sachen Technologie und Forschung dem Westen davon (Robotermeisterschaft in Beijing, 15.8.2025)

Alles sieht nach Planübererfüllung aus. Zu ihrem 100. Geburtstag im Jahr 2049 will die Volksrepublik China nicht nur ein »modernes sozialistisches Land«, sondern auch die führende Nation in den naturwissenschaftlich-technischen Bereichen geworden sein. Letzteres jedoch dürfte deutlich früher eintreten. Als Anzeichen dafür werden oft quantifizierende Kennzahlen herangezogen. So ist China weltweit führend bei Patenten. Im Jahr 2023 wurden aus dem Reich der Mitte über 1,6 Millionen Patente bei den wichtigsten Patentämtern weltweit angemeldet (auf Platz zwei lagen mit rund 518.000 die USA). Zugelassen wurden 2023 rund 889.000 chinesische Patente (und etwa 295.000 US-amerikanische).

Solche Zahlen sind aber nur bedingt aufschlussreich. Nicht bloß, weil sie wenig über Qualität und Sinn der Patente aussagen, es ist auch eine »natürliche« Entwicklung, dass das zweitbevölkerungsreichste Land der Welt sich langfristig an die Spitze solcher Statistiken setzt. Ein anderer, immer wieder herangezogener Maßstab sind Rankings, die sich an Zitationen orientieren, also daran, wie oft Wissenschaftler einer Nation in anerkannten Fachzeitschriften erwähnt und als Quelle angeführt werden. In dem wichtigsten dieser Rankings, dem sogenannten Nature Index der Fachzeitschrift Nature, lag China 2024 erstmals auf Platz eins.

Im Oktober 2025 bestätigte die im Journal Research Policy erschienene Studie »Chinas Aufstieg zur globalen Wissenschaftsmacht: Ein Weg der internationalen Zusammenarbeit und Spezialisierung in der hochwirksamen Forschung« diesen Trend vor allem für die Spitzenforschung. Dank einer zunehmenden Öffnung seiner Institutionen und Universitäten für internationale Kooperationen stieg Chinas Anteil an dem obersten einen Prozent der meistzitierten Publikationen weltweit von zehn Prozent im Zeitraum 2008 bis 2010 auf 31 Prozent im Zeitraum 2018 bis 2020. Der Anteil der USA fiel dagegen von 49 auf 37 Prozent.

Organisatorische Leitung

Aber auch der Fokus auf Zitationen kann irreführend sein. Selbst wenn sich das Problem bei etablierten Rankings wie dem Nature Index weniger stark stellen mag, erschwert die Zunahme halb- und pseudowissenschaftlicher Medien oder von Zitierkartellen unter Wissenschaftlern (vgl. junge Welt vom 20.2.2024) konkrete Einschätzungen zur Qualität der Forschung.

Interessanter und aufschlussreicher ist eine andere Studie, die Ende Oktober in Proceedings of the National Academy of Sciences erschien. In »Die sich verändernden Machtverhältnisse in wissenschaftlichen Teams zeigen Chinas aufstrebende Führungsrolle in der globalen Wissenschaft« untersuchten Renli Wu, Christopher Esposito und James Evans die Daten aus knapp sechs Millionen wissenschaftlichen Publikationen weltweit. Sie legten den Fokus dabei nicht darauf, wer wie oft zitiert wird, sondern von wem wissenschaftliche Teams geleitet wurden. Dabei konnten sie eine eindeutige Verlagerung weg von westlich geführten hin zu chinesisch geleiteten Gruppen feststellen: »Insbesondere der Anteil der Teamleiter, die an wissenschaftlichen Kooperationen zwischen den USA und China beteiligt waren und chinesischen Institutionen angehörten, stieg von 30 Prozent im Jahr 2010 auf 45 Prozent im Jahr 2023.« Schon in den nächsten zwei Jahren werde China in dieser Hinsicht gleichauf mit den USA liegen, wenn nicht gar letztere überholen.

Aus der Studie lässt sich der Schluss ziehen, dass China mittlerweile nicht nur einer der »weltweit führenden Produzenten hochwertiger Wissenschaft« ist, wie die Autoren schreiben, sondern seine Forscher entsprechende internationale Kooperationen auch zunehmend selbst organisieren und leiten. Dieser Trend widerlegt damit auch das rassistische Klischee, die Chinesen könnten nur wissenschaftliche Leistungen aus dem Westen »kopieren«. Vielmehr wird die Volksrepublik bis 2030 in zahlreichen Bereichen wie künstlicher Intelligenz, Energietechnologie und Materialwissenschaften global die Führungsposition einnehmen.

Spektakuläre Projekte

Zu verdanken ist dies dem strategischen Vorgehen der chinesischen Regierung seit Mitte der 2000er Jahre. Ein wichtiger Aspekt der Wissenschaftspolitik Chinas ist das »Tausend-Talente-Programm«, das Beijing 2008 ins Leben rief. In dessen Rahmen sollen internationale Experten angeworben werden, was bislang bei mehreren tausend Wissenschaftlern gelang. Dazu kommt eine immer höhere Zahl an Rückkehrern, also chinesischen Forschern, die Professuren im Ausland hatten, aber in ihre Heimat zurückkommen. Gelockt werden sie mit hohen Einmalzahlungen, hohen Gehältern, Boni und exzellenten Forschungsbedingungen.

Das lässt sich Beijing einiges kosten. Die Ausgaben für Forschung und Entwicklung steigen seit Jahren stark an und liegen mittlerweile mit den US-Ausgaben fast gleichauf – kaufkraftbereinigt waren es 2023 laut Statista knapp 917 Milliarden US-Dollar in China und 955 Milliarden US-Dollar in den USA. Im Jahre 2006 hatte China noch lediglich circa 105 Milliarden US-Dollar für Forschung und Entwicklung ausgegeben, bei den USA waren es mit 351 Milliarden US-Dollar noch mehr als dreimal soviel. Dass die Volksrepublik schon jetzt in vielen Bereichen führend ist, ist dabei den unterschiedlichen Schwerpunkten geschuldet. Während in den USA und Europa die Grundlagenforschung stärker gewichtet wurde, stand im Zuge der »Made in China«-Kampagne in dem ostasiatischen Land lange Zeit vor allem die angewandte Forschung im Fokus, unter anderem in den Bereichen KI-Anwendungen, Biotechnologie, Robotik, erneuerbare Energieträger und Transporttechnik.

Doch auch hier ändern sich die Schwerpunktsetzungen. Die Staats- und Parteiführung in China versuche, »ein exzellentes Wissenschaftssystem in der Breite aufzuziehen. Mathematiker oder theoretische Physiker können sich auch exotischen Themen widmen. Häufig formuliert Beijing eher vage Visionen, etwa dass es mehr Großforschungseinrichtungen geben soll. Dann springt eine Provinzregierung ein und setzt so ein Projekt um«, resümierte Anna Lisa Ahlers vom Berliner Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte (Süddeutsche Zeitung, 12.11.2025). So können – auch dank geringer bürokratischer Hürden – spektakuläre Bauprojekte wie beispielsweise das in rund 700 Metern Tiefe gelegene Neutrinoobservatorium JUNO bei Jiangmen in der Provinz Guandong realisiert werden, das 2025 seine Arbeit aufgenommen hat.

»Brain-drain«

Unfreiwillige Unterstützung für Chinas Aufschwung in den Wissenschaften leisten die USA. Die dortigen Kürzungen für Forschungsprojekte und Universitäten und der wachsende Rassismus in der zweiten Trump-Präsidentschaft treiben immer mehr asiatische Naturwissenschaftler zurück in ihre Heimatländer. In seiner ersten Regierungszeit hat Donald Trump 2018 die »China-Initiative« gestartet. Dabei sollte das Justizministerium chinesische Spione in der US-Industrie und an Universitäten ausfindig machen und Forschungsprojekte durchleuchten. Geschätzt 250 chinesischstämmige Akademiker sollen durch die Kampagne ihren Job verloren haben.

Angeblich wurde das Programm 2022 eingestellt. Der Effekt des neuen »Red scare« hält allerdings an. Umfragen aus dem Jahr 2022 zufolge fühlen sich über 70 Prozent von 1.304 befragten chinesisch-stämmigen Forschern nicht mehr sicher in den USA (South China Morning Post, 21.7.2023). Nicht nur die Zahl etablierter Forscher, auch die Zahl chinesischer Studenten in den USA nimmt stark ab. 2019 waren noch 370.000, im akademischen Jahr 2023/2024 nur noch rund 277.000 chinesische Studierende an US-Hochschulen immatrikuliert.

In China wird die Abwanderung bzw. der Verzicht auf Karrieren im Westen nicht nur staatlicherseits gefördert, sondern auch medial geradezu gefeiert: Im November 2025 widmete sich etwa die South China Morning Post in einer ganzen Artikelreihe der Rückkehr von renommierten Experten in die Volksrepublik, ausführlich porträtiert wurden unter anderem die Mathematiker Qian Hong, Yuan Yuan und Liu Jun, die Krebsspezialisten Lin Wenbin und Wang Qianben, der Chemiker Fang Lei und der Virologe Xie Zhenfei. Zudem trat am 1. Oktober 2025 das »Wissenschaftsvisum« in Kraft. Dabei handelt es sich um eine im August 2025 neu eingeführte Visakategorie speziell für ausländische junge Fachkräfte aus den Bereichen Naturwissenschaft und Technik. Geht es nach Beijing, wird der »Brain-drain« anhalten.

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