Auf den Straßen von Mailand
Von Gabriel Kuhn
Die Olympischen Winterspiele in Italien sind angelaufen. Die Eröffnungsfeier am Freitag war eine große Show. Allein der Einmarsch der Nationen dauerte eineinhalb Stunden, er verteilte sich auf vier Schauplätze: den Ort der eigentlichen Eröffnungsfeier im Fußballtempel San Siro in Mailand sowie Außenstellen in Cortina (Ski alpin Frauen, Bob und Rodeln, Curling), Predazzo (Skisprung, Nordische Kombination) und Livigno (Snowboard, Freestyle). Nach eineinhalb Stunden hatte der aufmerksame Beobachter dann auch verstanden (zumindest so in etwa), wo die Delegationen mit Fahnen aufliefen und wo nicht. Egal. Die futuristisch gekleideten Models, die im San Siro die Eisblöcke (?) mit den Namen der Nationen trugen, zogen in jedem Fall Aufmerksamkeit auf sich, was auch dem deutschen Team gelang. Zwar zogen die von Adidas kreierten Ponchos und Anglerhüte in den sozialen Medien Häme auf sich, doch was wissen die sozialen Medien schon von Mode? Das Bobteam um Adam Ammour beeindruckte in Cortina mit einer kleinen Sketcheinlage, Skispringerin Katharina Schmid bewies sich in Predazzo als talentierte Fahnenschwenkerin. Alles richtig gemacht.
Alles falsch gemacht hat das US-Team, das es sich auch in Zeiten wie diesen nicht nehmen ließ, das eigene Land mit patriotischem Gejohle abzufeiern. Wohlgemerkt als einziges Team des gesamten Abends. Während das Publikum das noch großzügig hinnahm, wurde ordentlich gebuht, als US-Vizepräsident J. D. Vance auf der Stadionleinwand erschien. Was für Fernsehzuschauer auf der ganzen Welt offenkundig war, kam in den USA nicht an. Dort stellte der Sender NBC sicher, dass die Unmutsäußerungen nicht zu hören waren. Autoritäre Regime ziehen alle Register.
Sympathisch in dem Zusammenhang eine Stellungnahme, die die hochdekorierte US-Langläuferin Jessica Diggins vor den Spielen in den sozialen Medien verbreitete: Sie wolle klarstellen, dass sie für jene Amerikaner an den Start gehe, die für »Liebe, Akzeptanz, Mitgefühl, Ehrlichkeit und Respekt für andere Menschen« einstehen würden; für »Hass, Gewalt und Diskriminierung« gebe es in ihrem Herzen keinen Platz.
Die Reden der Sportfunktionäre bei der Eröffnungsfeier gerieten so nichtssagend wie immer, die von der südafrikanisch-US-amerikanischen Schauspielerin Charlize Theron vorgebrachte Friedensbotschaft war dann nur noch cringe. Der arme Nelson Mandela. Sonst viel Tanz, Musik und mit Alberto Tomba und Deborah Compagnoni zwei italienische Skilegenden, die das olympische Feuer entzündeten.
Wem die Eröffnungsfeier zu langweilig war, der konnte sich am darauffolgenden Tag über Action auf den Straßen von Mailand freuen. Eine breite Koalition von Menschen protestierte gegen die Spiele. Manche forderten die Förderung des Breitensports statt Millionenausgaben für Olympia, andere beklagten die damit einhergehenden Umweltschäden. Dass Agenten der US-Grenzschutzbehörde ICE in Italien weilen, um die US-Delegation zu schützen, missfiel ebenfalls. Nach einer relativ ruhig verlaufenden Demonstration mit mehreren tausend Menschen wurde es am Abend sportlicher: Teile der Protestierenden deckten die Polizei mit Wurfgeschossen ein, diese antwortete mit Tränengas, es kam zu Verfolgungsrennen, sechs Personen wurden verhaftet. Die Polizei meldete 100 verletzte Beamte – von welchen Verletzungen wir hier sprechen, ist unklar. Ebenso unklar ist, ob mehrere Sabotageaktionen, die am Sonnabend Teile des norditalienischen Bahnnetzwerks lahmlegten, mit den Olympiaprotesten in Zusammenhang standen.
Was den Sport bei Olympia anlangt, war am Sonnabend bereits einiges los. Das Gastgeberland erhielt gleich seine erste Goldmedaille: Francesca Lollobrigida, eine Großnichte der berühmten Schauspielerin Gina, gewann bei den Eisschnelläuferinnen über 3.000 Meter mit persönlicher Bestzeit und olympischem Rekord. Überraschenderweise blieben die Niederlande ohne Medaille. Franjo von Allmen gewann für die Schweiz den Abfahrtslauf der Herren – Superstar Marco Odermatt schaute mit Rang vier durch die Finger. Die Norwegerin Anna Odine Strøm gewann das Skispringen der Damen von der Normalschanze, für die Dominatorin der bisherigen Weltcupsaison, die Slowenin Nika Prevc, blieb nur Platz zwei. Im Skiathlon der Langläuferinnen gab es durch Frida Karlsson und Ebba Andersson einen schwedischen Doppelsieg.
Für das deutsche Team brachte der erste Wettkampftag noch keine Medaille, doch im Rodel-Einsitzer der Herren befand sich Max Langenhan (BRC 05 Friedrichroda) nach zwei Läufen auf Goldkurs. Zwei Wochen bleiben.
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