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Aus: Ausgabe vom 09.02.2026, Seite 9 / Schwerpunkt
Kanton Wallis

Schweiz in der Schweiz

Die Brandkatastrophe von Crans-Montana ist ein Lehrstück, wie sich kapitalistische Verhältnisse im föderalen Kleinstaat entwickeln
Von Dominic Iten
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Wo wirtschaftliche Interessen stark und politische Entscheidungswege kurz sind, geraten Regeln unter Druck (Crans-Montana, 6.1.2026)

Insgesamt 41 Tote, viele von ihnen minderjährig, über hundert Verletzte: Die Brandkatastrophe von Crans-Montana, einem noblen Wintersportort, hat die Schweiz erschüttert. Kirchenglocken, Gebetswachen, nationale Anteilnahme – und das Gefühl, dass so etwas hier eigentlich nicht passieren dürfte. Undenkbar in der Schweiz, dem Land der Regeln. Aber Regeln sind nur so stark wie ihr Vollzug. Zwischen Gesetzestext und Praxis gibt es Räume, in denen Beziehungen und Interessen stärker sind als Vorschriften. Viele erlebten Crans-Montana als Bruch – in Wahrheit ist es ein Lehrstück, wie sich kapitalistische Verhältnisse im föderalen Kleinstaat entwickeln.

Nach dem ersten Schock folgten die Fragen: Hätte die Katastrophe der Silvesternacht in der Bar »Le Constellation« verhindert werden können? Wer trägt Verantwortung? Und wer klärt auf? Stand heute gehen die Ermittler von einem Brand aus, der durch Feuerwerk ausgelöst wurde und rasch auf das Deckenmaterial übergriff. Gemäß Augen­zeugen wurde der Ernst der Lage zunächst nicht erkannt: Es wurde weitergefeiert, gefilmt, gezögert, bis Panik ausbrach. Für die NZZ liegt die Verantwortung vor allem bei den Opfern selbst: fehlende Eigenverantwortung, Übermut – das typisch liberale Ausweichmanöver, wenn Unternehmen und Behörden versagen.

Ernsthaftere Beobachter fragten nach Betreiberpflichten, Kontrollmechanismen, Bau- und Brandschutz. Denn selbst wenn Menschen in Stresssituationen falsch reagieren: Brandschutz ist gerade dafür da, dass menschliches Verhalten im Ernstfall nicht zum Tode führt. Wenn ein Untergeschoss nur wenige oder ungünstig angeordnete Ausgänge hat, wenn Treppen eng sind, wenn Sekunden über Leben und Tod entscheiden, dann ist nicht das Verhalten einzelner das Problem, sondern Infrastruktur, Bewilligung und Kontrolle.

So wird aus einem Lokalbrand ein Politikum. Brandschutz ist nicht nur Betriebssache, er ist auch Verwaltungssache. Und er wirft die Frage auf, wie konsequent ein Kanton Regeln durchsetzt, die Kosten verursachen und Projekte bremsen. Sollte sich in der Aufarbeitung bestätigen, dass Kontrollen über Jahre nicht stattfanden oder Warnsignale ignoriert wurden, wäre das keine Fußnote, sondern der Kern der Geschichte.

Und genau darauf deutet vieles hin. Gemeindepräsident Nicolas Féraud räumte öffentlich ein, dass am Brandort die gesetzlich vorgesehenen Sicherheitsinspektionen über mehrere Jahre nicht durchgeführt worden seien. Zwischen 2020 und 2025 habe es keine periodischen Kontrollen gegeben, obwohl sie vorgeschrieben gewesen seien – er könne nicht erklären, warum dies so gewesen sei. Der eigentliche Skandal ist nicht der Brand selbst – sondern die jahrelange Leerstelle dort, wo Kontrolle hätte sein müssen.

Die Historikerin Elisabeth Joris bringt das strukturelle Problem im Gespräch mit der NZZ auf den Punkt: Im Wallis vermischen sich »starke Interessen von Bauwirtschaft, Tourismus – diese für den Kanton so zentralen wirtschaftlichen Bereiche – und Politik«. Einflussreiche bürgerliche Politiker seien in Bau- und Tourismusprojekte involviert, man lege sich »nicht gerne Kontrollen und kostenverursachende Steine in die Wege«.

Das Wallis – ein mafiöser Filz, ein korruptes Nest? Diese Vorwürfe sind nicht neu. Und die bisherige Aufarbeitung von Crans-Montana trägt wenig dazu bei, sie zu entkräften. Es häufen sich die Pannen und Unklarheiten – etwa betreffend die Entschädigung von Angehörigen oder bei Entscheidungen im Ermittlungsverfahren. So sorgte unter anderem der Entscheid der Staatsanwaltschaft, die Opfer nicht zu obduzieren, weitum für Kopfschütteln.

Auch die Freilassung des Barbetreibers Jacques Moretti gegen Kaution erregte Aufsehen – spätestens, nachdem die Sonntagszeitung mit Verweis auf Steuerunterlagen Zweifel an den gemachten Angaben weckte: Anscheinend verdienten die Morettis 2024 weit mehr, als vor der Staatsanwaltschaft bei der Einvernahme angegeben, entsprechend sei die Kaution zu tief angesetzt worden. Weiter hielt das Gericht fest, die Summe sei von einem »engen Freund« Morettis bezahlt worden – Boulevardmedien spekulieren auf einen schwer vermögenden Genfer aus der Uhrenbranche.

Kommentatoren neigen dieser Tage dazu, das Wallis zum Problemkanton zu erklären: der eigenwillige Sonderfall, wo Vorgaben und Gesetze des Bundes eher als Empfehlung gelesen werden. Und tatsächlich sind Politik, Verwaltung, Tourismus, Unternehmen und Vereine im Kanton eng verflochten. Man kennt sich, dieselben Personen begegnen sich in unterschiedlichen Rollen, Entscheidungen laufen über informelle Kanäle.

Doch diese Kleinteiligkeit, der föderale Vollzug und die Nähe zwischen wirtschaftlichen Interessen, Politik und Behörden sind keine Walliser Besonderheit, sondern Schweizer Normalität. Das zeigt sich auch in der Justizfrage: In den vergangenen Wochen wuchs die öffentliche Kritik daran, dass das Strafverfahren im Wallis selbst geführt wird – doch in der Schweiz ist Strafverfolgung grundsätzlich kantonal organisiert. Föderalistischer Vollzug ist stets anfällig für den Einfluss starker lokaler Kräfte, nicht nur im Wallis. Das Wallis ist keine Abweichung, sondern eine Verdichtung – eine kleine Schweiz in der Schweiz.

Hintergrund: Klüngel im Kanton Wallis

Nicht ganz zu Unrecht dient das Wallis immer wieder als Projektionsfläche für Merkmale, die im Grunde weit über den Kanton hinausweisen. Als eigenwilliger, wirtschaftlich starker Bergkanton mit ausgeprägter lokaler Autonomie verdichten sich hier Mechanismen, die auch andernorts wirksam sind: enge Netzwerke, starke Loyalitäten bis hin zu Filz und Verschwörung – immer wieder stehen Korruptionsvorwürfe im Raum.

Mit Crans-Montana ist das Wallis um eine Affäre reicher geworden. Die Brandkatastrophe in der Bar »Le Constellation« hat nicht nur Fragen zu den Ursachen aufgeworfen, sondern auch zur Art und Weise, wie der Fall ermittelt und aufgearbeitet wird. Früh wurden Stimmen laut, wonach involvierte Akteure und zuständige Behörden eher bemüht seien, den Schaden zu begrenzen, als ihn lückenlos aufzuklären – ein altbekanntes Muster.

Etwa bei der Bauaffäre in Verbier, einer Gemeinde, deren wirtschaftliches Modell maßgeblich auf dem Bau von Ferien- und Zweitwohnungen beruht. Ein unabhängiger Expertenbericht aus dem Jahr 2015 kam zum Schluss, dass mindestens 15 Bauprojekte bewilligt worden seien, obwohl sie gegen kantonale Bauvorschriften, die Lex Koller oder das Zweitwohnungsgesetz verstoßen hätten. Im Kantonsparlament wurde der Staatsrat dazu gedrängt, einzugreifen, da es sich anscheinend nicht um Einzelfehler, sondern um ein systemisches Vollzugsversagen handelte.

Diese Einschätzung wurde später untermauert, SRF berichtete von vielen weiteren illegalen oder zumindest fragwürdigen Bauprojekten in verschiedenen Walliser Gemeinden. Der Kanton reagierte mit der zeitweisen Einsetzung einer besonderen Oberaufsicht über einzelne Gemeinden, erklärte diese jedoch bald für beendet. Bemerkenswert war, dass selbst während dieser Aufsicht erneut Berichte über Umgehungsstrategien und Tricksereien auftauchten.

Jüngst bot auch ein Großinfrastrukturprojekt Einblicke in die Walliser Strukturen. Beim Bau der Autobahn A9 im Oberwallis traten über Jahre wiederholt Probleme auf: Vorauszahlungen an Unternehmen und Verzögerungen beim Bau veranlassten den Bund zur Verschärfung der Aufsicht. Prüfungen der Eidgenössischen Finanzkontrolle dokumentieren Mängel in der Bauausführung und in der Dokumentation, einmal mehr wurde die Durchsetzungsfähigkeit staatlicher Regeln in Frage gestellt.

Vor diesem Hintergrund erscheint Crans-Montana weniger als Einzelfall denn als Verdichtung eines Problems, das sich eigentlich schweizweit beobachten lässt. Wo wirtschaftliche Interessen stark und politische Entscheidungswege kurz sind, geraten Regeln unter Druck – ein strukturelles Merkmal kapitalistischer Systeme. (di)

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