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Aus: Ausgabe vom 02.02.2026, Seite 15 / Politisches Buch
Your Party in der Krise

Wieder da und sofort weg

Unfreiwillig ernüchternd: Ein Sammelband zeigt, wie schlecht es um das linke Parteiprojekt »Your Party« steht
Von Dieter Reinisch
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Auf Abstand: Jeremy Corbyn und Zarah Sultana beim Gründungsparteitag von »Your Party« (Liverpool, 30.11.2025)

Es ist recht ruhig geworden um das im vergangenen Jahr fast euphorisch gefeierte neue linke Parteiprojekt »Your Party«. Als die beiden ehemaligen Labour-Parlamentarier Jeremy Corbyn und Zarah Sultana im vergangenen Juli ankündigten, gemeinsam eine neue Partei aufzubauen, waren die Hoffnungen riesig, dass eine linke Alternative zu Labour da ist. Wenig später kam es zum öffentlich zelebrierten Bruch zwischen Corbyn und Sultana, dessen tiefere Gründe vorläufig im Dunkeln liegen. Offensichtlich ist jedenfalls, dass sofort nach der Ankündigung ein Fraktionskampf zwischen zwei Lagern ausgebrochen ist.

Den Gründungsparteitag Ende November in ­Liverpool boykottierte Sultana zunächst. Irgendwann betrat sie die Halle und errang bei den meisten Abstimmungen, darunter über die Frage der Parteidemokratie, über Doppelmitgliedschaften in anderen Organisationen und über die zukünftige Führungskonstellation Siege über die Corbyn-Strömung. Im Februar soll das neue Leitungskollektiv gewählt werden. Sultana hat vor einigen Wochen abermals eine eigene Plattform ohne bzw. gegen Corbyn vorgestellt.

Vor diesem Hintergrund wirkt es etwas vollmundig, ein Buch über das Parteiprojekt unter dem Titel »The Return of the Left« (»Die Rückkehr der ­Linken«) zu veröffentlichen. Zumal auch dieser kleine Band des linken Journalisten Oliver Eagleton die Krise des Parteiprojekts deutlich widerspiegelt.

Eagleton skizziert die Ausgangslage: Massenproteste gegen den Gaza-Genozid, Wirtschaftskrise, wachsende Armut und eine neoliberale Labour-Regierung. Zweifellos wäre das Potential für eine linke Organisierung da. Trotz des Aufstiegs der rechten »Reform«-Partei komme der »authentische Gegenwind von links«. Die Linke sei nicht mehr auf einem »sinkenden Schiff gefangen«; ihr Potential sei riesig.

Dennoch befasst sich der Autor in der Einleitung vor allem mit den Fraktionskämpfen. Ausführlich geht er auf die Gruppen »Memorandum of Understanding« und »Collective« ein, die sich bereits vor der öffentlichen Ankündigung des Projekts formiert hatten und später zu Fraktionen entwickelten. Eagletons Fazit: Das Ernüchternde am öffentlichen Streit zwischen Sultana und Corbyn sei gewesen, dass er ausschließlich »persönlich« begründet war: »Wer soll am Steuer sitzen?« Darüber habe man »den Blick auf das Wesentliche verloren«.

Auch die nachfolgenden Kapitel sind ernüchternd und zeigen keine Bewegung, die fähig ist, eine starke, sozialistische Alternative aufzubauen, wie es im Buch heißt. Zuerst kommt Sultana zu Wort, die sich auf die Frage, was die neue Partei von den Corbyn-Jahren an der Spitze von Labour unterscheide, seitenlang über die Schwächen und Verfehlungen des »Corbynismus« auslässt. Sie berichtet auch von einem angeblich »toxischen Klima« und von Mobbing. Absicht oder nicht: Hier bleibt der Eindruck zurück, dass sie in Corbyn ihren eigentlichen Gegner sieht. Das ist, gelinde gesagt, ziemlich seltsam.

In anderen Kapiteln kommen James Schneider, Mitgründer der Momentum-Bewegung und PR-Direktor der Progressive International, Andrew Murray, Gründer der Stop-the-War-Kampagne, Alex Nunns, ehemaliger Redenschreiber von Corbyn und der ehemalige ANC-Abgeordnete Andrew Feinstein zu Wort. Alle beschwören das Potential der Linken in Großbritannien. Auffallend ist: Obwohl das Land in den vergangenen Jahren die größte Streikwelle seit den 80ern erlebte und viele Gewerkschaften kämpferische Generalsekretäre wählten, kommen genau die im Buch nahezu nicht vor. »Ich glaube nicht, dass die Gewerkschaften in absehbarer Zukunft eine gewichtige Rolle in Your Party spielen werden«, sagt Nunns.

Sultana ist offen für Wahlplattformen: »Wir müssen pragmatisch sein.« Viele erwarten, dass sie eine solche mit den nach links gerückten Grünen anstrebt, die in den Umfragen auf einem Allzeithoch stehen, während »Your Party« nicht einmal mehr abgefragt wird. Corbyn kommt in dem Band nicht zu Wort. Es sei ihm »nicht möglich gewesen, an dem Projekt teilzunehmen«, heißt es im Anhang.

Oliver Eagleton (Hrsg.): Your Party. The Return of the Left. Verso, London 2026, 128 Seiten, 8,99 britische Pfund

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