Nukleare Option
Von Burkhard Ilschner
Gerade hat Bundeskanzler Friedrich Merz vor dem jüngsten »Nordseegipfel« die dort aufwendig favorisierte Offshorewindkraft abgewatscht und zu einer nur mittelfristigen Übergangstechnologie erklärt, da kommen aus der Schiffahrt neue, deutliche Plädoyers für ein Revival nuklearer Optionen bei der Planung künftiger Schiffsantriebe. Klar: Jene Fusionsreaktoren, von denen Merz in Hamburg als Zukunftslösung schwärmte, sind weder in absehbarer Zeit verfügbar noch technisch überhaupt für die Schiffahrt geeignet; das hindert aber die maritime Ingenieurskaste nicht, verstärkt andere nukleare Techniken zu propagieren.
Anlass ist das viel zu lange dauernde Gezänk bei der International Maritime Organization (IMO), der Schiffahrtsorganisation der UNO, um die Dekarbonisierung des globalen Seehandels. Über die dazu schon viel zu spät beschlossene Zielsetzung waren die Flaggenstaaten von Anfang an uneinig. Sie wird seither immer wieder – zuletzt im Oktober vergangenen Jahres – torpediert und weiter verzögert. Es geht dabei um das sogenannte Net-Zero-Ziel: Bis etwa 2050 sollen die Treibhausgasemissionen der Schiffahrt einen Wert nahe Null erreichen, als Bezugswert der vereinbarten prozentualen Abstufung wurde das Basisjahr 2008 festgelegt, das somit 100 Prozent entspricht. Der Haken an der Sache ist nur der: Aktuell liegen die Gesamtemissionen bei 121 Prozent – eine Folge sowohl besagter Verzögerungen als auch eines markanten Flottenwachstums in den vergangenen Jahren.
Weil es bei der IMO nicht so recht vorangeht mit dem leidigen Ziel »Klimaneutralität«, wittern atomaffine maritime Kreise so etwas wie Morgenluft. Zwar hat sich in der zivilen Schiffahrt nach wenigen zaghaften Versuchen in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts die Option nuklearer Antriebe nie recht durchsetzen können (als Ausnahme gilt nur das knappe Dutzend russischer Eisbrecher, von denen aktuell acht aktiv sind). Dennoch wird sie – Risiken durch radioaktive Belastung von Anlagen und Abfällen ausklammernd – immer wieder als »klimafreundlich« apostrophiert. Die Atomlobby ist halt auch in der maritimen Wirtschaft unermüdlich.
Während im Meeresumweltschutzausschuss der IMO – dem Marine Environment Protection Committee (MEPC) – um die besagte Reduzierung von Treibhausgasemissionen gerungen wird, wurden an anderer Stelle der UN-Organisation schon wuchtige Pflöcke eingeschlagen: Im Sommer 2025 bereits beschloss der Ausschuss für maritime Sicherheit – Maritime Safety Committee (MSC) –, die geltenden Vorschriften für nuklearbetriebene Schiffe einer Prüfung zu unterziehen. Unter anderem soll dabei ein längst existierender Sicherheitskodex für nukleare Handelsschiffe modernisiert und um angebliche Fortschritte bei den Nukleartechnologien erweitert werden.
Das wirkte natürlich wie eine Einladung: Bereits im Herbst 2025 präsentierte die englische Klassifikationsgesellschaft Lloyd’s Register (LR) einen Fahrplan für »sicheren und verantwortungsvollen Einsatz von Kerntechnologie in der kommerziellen Schiffahrt und in der Offshoreindustrie«. Unter dem eindeutigen Titel »Navigating Nuclear Energy in Maritime« wird eine Harmonisierung maritimer und nuklearer Standards vorgeschlagen; erste Leitlinien beschreiben praktische Schritte, um nukleare Technologien wie kleine modulare Reaktoren in maritime Anlagen zu integrieren.
Klassifikationsgesellschaften sind in der Schiffahrt so etwas wie an Land der TÜV – nicht nur Prüf- und Zertifizierungsinstanzen, sondern auch initiierend und prägend in Fragen technischer Entwicklung. Kein Wunder also, dass seither mehrere dieser Unternehmen auf das Thema aufgesprungen sind. Vor kurzem nun legte der weltgrößte Klassifizierer, die norwegisch-deutsche Det Norske Veritas (DNV), dazu eine weitere Studie vor. »Nuklearantrieb ist eine praktikable Lösung für die maritime Dekarbonisierung«, lautet die klare Zielvorgabe. Mit erstaunlichem Realitätsbezug räumt das »White Paper« aber auch ein, es müsse zuvor der Weg geebnet werden »für die öffentliche Akzeptanz«.
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