Kippunkt überschritten
Von Wolfgang Pomrehn
Weltweit wird viel zu viel Wasser verbraucht. Seit etlichen Jahren schon wird mehr konsumiert und verschmutzt, als durch Regen und Schneeschmelze neu gebildet werden kann. Die Menschheit lebt sozusagen von der Substanz, übernutzt das Grundwasser und braucht fossile Wasserkörper auf. Ein vergangene Woche veröffentlichter Bericht der Vereinten Nationen spricht von einem regelrechten Wasserbankrott. »Viele Flüsse, Seen, Aquifere, Feuchtgebiete und Gletscher haben ihre Kippunkte überschritten und können nicht wieder in ihren früheren Zustand zurückfedern«, heißt es in dem an der UN-Universität im kanadischen Richmond Hill erstellten Bericht. »Begriffe wie Wasserstress oder Wasserkrise beschreiben diese neue Realität daher nicht mehr ausreichend.«
Aquifere sind wasserführende Schichten im Untergrund. 70 Prozent dieser beträchtlichen Grundwasservorkommen sind mittlerweile nachhaltig dezimiert, die Hälfte aller Seen ist seit den 1990er Jahren geschrumpft. Prominentes Beispiel dafür ist der Aralsee in Zentralasien zwischen Kasachstan und Usbekistan, der sich bereits seit den 1960er Jahren wegen zu großer Wasserentnahme aus seinen Zuflüssen immer weiter verkleinert. Mit 68.000 Quadratkilometern, einer Fläche fast so groß wie Bayern, war er einst der weltweit drittgrößte See. Gegenwärtig sind davon nur noch eine Reihe kleinerer Seen übrig, die nicht mehr als zehn Prozent der ursprünglichen Fläche bedecken, das Wasservolumen hat sich um 90 Prozent reduziert, der Wasserspiegel ist um 25 Meter gesunken.
Auch Moore und andere Feuchtgebiete sind betroffen. Nach Angaben der UN-Fachleute gingen diese seit den 1970ern weltweit um 4,1 Millionen Quadratkilometer zurück. Das ist eine Fläche, in die Deutschland mehr als zehnmal passen würde. Dieser Verlust markiert nicht nur für die Wasserversorgung ein Problem, sondern auch für den Erhalt der biologischen Vielfalt und für die Verhütung eines katastrophalen Klimawandels. Denn Moore sind große Kohlenstoffspeicher. Fallen sie trocken, werden große Mengen des Treibhausgases Kohlendioxid (CO2) in die Atmosphäre entlassen.
Die größte Süßwasserreserve aber ist das Eis der Hochgebirge und der Polarregionen. Die alpinen Gletscher sind vom Rhein bis zum Indus und Mekong für viele kleine Flüsse und große Ströme wichtige Quellen. Verschwinden sie, wird der Wasserstand erheblich weniger zuverlässig, was nicht nur zum Problem für die Wasserversorgung mancher westdeutschen Stadt, sondern auch für die Binnenschiffahrt werden kann. Weltweit haben die Gletscher zwischen 2000 und 2023 fünf Prozent ihrer Masse verloren, wobei sich der Schwund im Laufe dieser Zeit deutlich beschleunigt hat. Das ergab eine Ende 2025 veröffentlichte Studie.
Von den 200.000 alpinen Gletschern, die es in den Hochgebirgen noch gibt, verschwinden derzeit jährlich 750, hat eine weitere Untersuchung ergeben. Dieses Tempo wird sich in den kommenden Jahren beschleunigen. Wenn weiterhin so viele Treibhausgase wie bislang in die Luft geblasen werden, könnte der jährliche Gletscherverlust schon um 2040 eher bei 3.000 liegen. Zum Ende des Jahrhunderts wären die meisten Hochgebirge nackt und 80 Prozent ihrer Gletscher verschwunden. In den Alpen könnte dieses Schicksal schon bis 2033 mehr als 100 der Eismassen ereilen.
Der Eisschwund ist im übrigen auch für die Bewohner der Berge gefährlich. Im Mai des vergangenen Jahres wurde in der Schweiz mit Blatten ein ganzes Dorf unter Geröll, Eis und Schlamm begraben, als ein Gletscher oberhalb der Häuser instabil geworden war. Im Himalaja stauen sich am Fuße vieler Gletscher Schmelzwasserseen hinter instabilen Wällen aus Geröll und Sand auf und bedrohen die Menschen in den Tälern. Dort ergoss sich im indischen Sikkim im Oktober 2023 ein solcher See ins Tal. Die Flutwelle riss einen erst kurz zuvor in Betrieb genommenen Staudamm ein, was die Katastrophe noch vergrößerte. Nach verschiedenen Angaben starben zwischen 77 und etwa 100 Menschen, 25.900 Gebäude und 31 größere Brücken wurden zerstört sowie 276 Quadratkilometer landwirtschaftlicher Fläche überschwemmt.
Für viele Menschen hat der Wassernotstand derweil bereits bedrohliche Ausmaße angenommen. 72 Prozent der Weltbevölkerung leben laut UN-Bericht in Ländern, in denen die Wasserversorgung mittlerweile unsicher ist. Vier Milliarden Menschen müssen mindestens einen Monat pro Jahr mit schwerem Wassermangel zurechtkommen. In Deutschland steht zwar aufgrund von meist ausreichenden Niederschlägen eigentlich genug Wasser zur Verfügung, doch selbst hier schwinden in einigen Regionen die Reserven. Zudem wird in größerem Maße sogenanntes virtuelles Wasser importiert, das in Lebensmitteln und Industriegütern steckt. »Deutschlands Wasserverbrauch findet überwiegend im Ausland statt«, wird die am Imperial College in London forschende Rike Becker von der wissenschaftsjournalistischen Plattform scinexx.de zitiert.
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