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Aus: Ausgabe vom 27.01.2026, Seite 9 / Schwerpunkt
Afghanistan

»Die Taliban haben Mädchen und Frauen den Krieg erklärt«

Leben der Menschen in Afghanistan durch politische Repressalien, Armut und Folgen des NATO-Krieges bestimmt. Ein Gespräch mit Emran Feroz
Von Katharina Schoenes
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Fester Glaube, aber für die Massen nicht genug zum Leben: Taliban beim Gebet auf dem Nadir-Khan-Hügel in Kabul (10.6.2025)

Afghanistan kommt in der Berichterstattung der deutschen Medien nur noch selten vor. Wenn doch, geht es meist um Themen mit innenpolitischem Bezug, etwa um Abschiebungen oder die von der Bundesregierung beendeten Aufnahmeprogramme für gefährdete Afghanen. Kaum etwas erfährt man über die Lebensumstände der breiten Bevölkerung, die nie Aussicht auf ein Visum für Deutschland hatte. Wie hat sich deren Lage seit dem Abzug der NATO und der Rückkehr der Taliban verändert?

Im großen und ganzen zeigt sich ein verheerendes Bild. Wir sehen, dass Afghanistan weiterhin ein wirtschaftlich sehr abhängiger Staat ist – ein Staat, der ohne internationale Unterstützung nur schwer über die Runden kommt. Einer der Gründe dafür ist, dass dort in den zwanzig Jahren des NATO-Krieges kurzsichtig eine neoliberale Kriegswirtschaft betrieben wurde. Von der konnte zum einen nur ein Bruchteil der Bevölkerung des Landes profitieren. Zum anderen war klar, dass der Geldfluss nach dem Abzug der westlichen Truppen enden würde. Genau das sehen wir jetzt seit vier, fünf Jahren. Sehr negativ wirkt sich auch der Umstand aus, dass sich viele Hilfsorganisationen zurückgezogen haben. Die Mehrheit der Afghaninnen und Afghanen lebt von weniger als einem Dollar pro Tag. Viele von ihnen stehen jetzt ohne Unterstützung da. Das ist die wirtschaftliche Sicht. Politisch haben die Taliban seit ihrer Rückkehr ein autokratisches Regime errichtet. Sie sind dabei, den Staat nach ihren Vorstellungen umzubauen, und es gibt niemanden, der sich ihnen in den Weg stellen kann.

Wie zeigt sich dieser Umbau des Staates konkret?

Eine wichtige Rolle spielt die Geschlechterpolitik. Die Taliban haben Mädchen und Frauen den Krieg erklärt und verbannen sie Schritt für Schritt aus dem Alltag. Es gibt ein Oberstufenschulverbot für Mädchen, seit Ende 2022 besteht ein Universitätsverbot, hinzu kommen zahlreiche Arbeitsverbote. Auch die Vorschrift, dass Frauen sich nur in männlicher Begleitung bewegen dürfen, wird immer strenger durchgesetzt. Die Repressalien nehmen von Jahr zu Jahr zu, auch bei Bekleidungsvorschriften, die im übrigen auch Männer betreffen. Es gibt da nichts zu verharmlosen.

Man darf daraus jedoch nicht den falschen Schluss ziehen, dass die Situation vor der Rückkehr der Taliban gut war. Zur Wahrheit gehört auch, dass zu Zeiten des NATO-Krieges so viele Kriegsoperationen stattfanden, dass an einen Schulbesuch für viele Kinder gar nicht zu denken war – weder für Jungen noch für Mädchen. Außerdem gibt es in vielen Regionen des Landes bis heute schlicht keine funktionstüchtigen Schulen. Während des Krieges sind viele sogenannte Geisterschulen entstanden, die nur auf dem Papier existierten. Die Verantwortung trägt das korrupte, vom Westen eingesetzte Regime in Kabul, das keine Schulen gebaut, sondern das dafür bestimmte Geld in die eigenen Taschen gesteckt hat.

Haben die Taliban diese Korruption beendet?

Anfangs hatten die Taliban den Ruf, die großen Antikorruptionsjäger zu sein. Meine eigenen Recherchen deuten jedoch daraufhin, dass Taliban vor allem in den großen Städten gemerkt haben, dass Geld nicht schlecht schmeckt. Viele dieser Leute sind mittlerweile selbst der Korruption verfallen. Plötzlich sieht man Taliban-Politiker oder -Militärs, die mehrere Autos besitzen und in schicken Wohnungen leben. Das betrifft vor allem die hochrangigen. Die niederrangigen scheinen mir tatsächlich weniger korrupt zu sein, was man zum Beispiel an Checkpoints merkt.

Was ist Ihnen über das Ausmaß der Repression gegen politische Gegner der Taliban bekannt?

Darüber gibt es nur wenige verlässliche Informationen. Es ist zum Beispiel nicht bekannt, wie viele Menschen in den Gefängnissen sitzen, weil dort niemand reingelassen wird. Weder Journalisten, noch Menschenrechtsbeobachter oder der UN-Sonderberichterstatter für Afghanistan. Letzterer hat Einreiseverbot. Ich habe mit Leuten gesprochen, die in den Gefängnissen einsaßen, von ehemaligen Journalisten bis hin zu ehemaligen Sicherheitskräften. Die haben ein ziemlich düsteres Bild gezeichnet, schwere Folter würde zum Alltag gehören. Schon relativ banale Vergehen, etwa Kommentare auf Facebook, können dazu führen, dass man vom Taliban-Geheimdienst abgeholt wird. In Sachen Meinungsfreiheit gibt es brutale Repressalien. Je weiter man sich von Kabul wegbewegt, desto schlimmer ist es.

Können Sie einschätzen, wie groß umgekehrt die Unterstützung der Bevölkerung für die Taliban ist?

Bis 2021 haben Teile der afghanischen Bevölkerung die Taliban klar unterstützt. Das gilt vor allem für Menschen auf dem Land, die sehr unter dem Krieg gelitten haben und bei denen von den internationalen Hilfsgeldern nichts ankam, weil ein großer Teil davon in den Taschen korrupter Politiker landete. Ich denke aber, dass diese Unterstützung in der Zwischenzeit deutlich abgenommen hat. Obwohl die Taliban nun alles kontrollieren, hat sich die Lage der Menschen nicht verbessert. Die Bildungs- und Arbeitsverbote für Frauen gefallen nicht allen. Zusätzlich erheben die Taliban hohe Steuern, die besonders kleine Händler belasten; auch das ruft Unmut hervor. Man nimmt die Repressalien hin, weil man keine andere Wahl hat. Man atmet ein bisschen auf, weil wenigstens nicht mehr jeden Tag Bomben hochgehen. Aber das heißt nicht, dass man mit der Politik des Regimes einverstanden ist.

Sie haben eingangs die große Armut in Afghanistan erwähnt. Welche ursächliche Rolle spielen dabei die gegen Afghanistan verhängten Sanktionen sowie der Umstand, dass die USA Reserven der afghanischen Zentralbank in Milliardenhöhe eingefroren haben?

Die Sanktionen haben sehr negative Auswirkungen, weil sie hauptsächlich die Bevölkerung treffen und nicht das Taliban-Regime. Daher stoßen sie bei vielen Afghaninnen und Afghanen auch auf Unverständnis. Oft heißt es in Richtung Westen: Ihr seid hierhergekommen und habt die Taliban gestürzt. Dann habt ihr zwanzig Jahre lang Krieg geführt. Dann seid ihr abgezogen, habt aber vorher noch einen Deal in Doha abgeschlossen, der die Taliban zurück an die Macht gebracht hat. Und jetzt werden wir kollektiv dafür bestraft – warum? Das ist aus meiner Sicht eine sehr berechtigte Frage.

Was die eingefrorenen Staatsreserven angeht, muss man wissen, dass die Hälfte davon in der Schweiz liegt. Dieses Geld wird von einem Fonds verwaltet, in dem Leute aus der alten Kabuler Regierung mitmischen, die in diverse Korruptionsskandale verwickelt waren. Diese Politiker und Warlords haben sich in der ganzen Zeit der NATO-Besatzung privat bereichert und Milliarden ins Ausland geschafft. Nach Europa, in die USA und in den größten Hort der Korrupten, nach Dubai. Das sind Gelder, die eigentlich den Afghaninnen und Afghanen gehören. Auch in Deutschland leben viele solcher Staatsdiebe – Multimillionäre, die sich hier frei bewegen, die investieren. Damit will sich hierzulande aber niemand auseinandersetzen, weil dann klar würde, mit wem man dort jahrelang zusammengearbeitet hat.

Wenn in aktuellen Diskussionen, etwa über Abschiebungen nach Afghanistan, zu Recht die Brutalität des Taliban-Regimes kritisiert wird, kommt die Vorgeschichte oft zu kurz. So entsteht mitunter der Eindruck, vor der Rückkehr der Taliban hätte es in Afghanistan tatsächlich eine funktionierende Demokratie gegeben. Gerade unter Jüngeren scheint es an Wissen über die extreme Gewalt des Afghanistan-Krieges zu fehlen.

Den Eindruck teile ich – bei Vorträgen und Lesungen bin ich immer wieder überrascht, dass viele Menschen davon bis heute kaum etwas wissen. Umso wichtiger ist es, darüber aufzuklären. Vor ein paar Wochen bekam Afghanistan für einen Moment wieder etwas mehr Aufmerksamkeit, nachdem ein Afghane in Washington zwei Soldaten der Nationalgarde angegriffen hatte. Der Angreifer war kein Islamist, sondern ehemaliges Mitglied einer CIA-Miliz. Er hatte den sogenannten Zero-Einheiten angehört, die im Rahmen des »War on terror« direkt von der CIA aufgebaut wurden und im ganzen Land brutalste Menschenrechtsverbrechen begingen. Es waren aber nicht nur diese Einheiten, die folterten, mordeten und Menschen »verschwinden« ließen, ohne dafür je belangt zu werden. Auch viele NATO-Truppen haben viel Dreck am Stecken, und von vielem wissen wir immer noch wenig. Erst vor kurzem gab es eine ausführliche Recherche der New York Times» über US-Spezialeinheiten, die in Afghanistan für Kriegsverbrechen verantwortlich waren und jetzt Teil des Trump-Apparates sind. Das führt zu einem wichtigen Punkt: Vieles, was dort im Kontext des «War on terror» gemacht wurde, kommt jetzt wie ein Bumerang zurück. Das zeigt etwa das Vorgehen der Einwanderungsbehörde ICE in den USA. Der Mord eines ICE-Agenten an einer unschuldigen Frau hat mich sofort an Afghanistan erinnert, weil so etwas dort die ganze Zeit passiert ist.

Gibt es etwas, das Ihnen für Afghanistan Hoffnung macht?

Hoffnung geben mir die Menschen vor Ort. Ich kenne viele Schülerinnen und Studentinnen, die sagen: Wir wollen nicht in Depressionen verfallen, wir bilden uns selber fort. Wir organisieren Onlineunterricht, wir lernen weiter. Es werden bessere Zeiten kommen. Ähnliches sieht man natürlich auch in anderen Teilen der Gesellschaft.

Emran Feroz ist österreichisch-afghanischer Journalist, Kriegsreporter und Autor. Er schreibt für verschiedene deutsche und internationale Medien. Seine Schwerpunkte sind Afghanistan und US-amerikanische Drohnenangriffe.

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