Reinspringen reicht nicht
Von Andreas Müller
Zum Glück ist gerade keine Freibadsaison. Ansonsten wäre das Erschrecken im Ausschuss für Sport und Ehrenamt des Bundestages am 14. Januar bei einer Anhörung zur Situation des Schwimmunterrichts wohl noch größer gewesen. Rund 500.000 Kinder verlassen hierzulande Jahr für Jahr die Grundschule, ohne sicher schwimmen zu können, berichtete der Präsident des Deutschen Schwimmverbandes (DSV), David Profit, den Abgeordneten. Und jene Mädchen und Jungen, die sich nach der vierten Klasse sicher über Wasser halten können, haben es nur zu einem Bruchteil in der Schule gelernt. Es sind lediglich 25 Prozent, wie eine neue repräsentative Studie des DSV in Kooperation mit dem Bundesverband der Deutschen Sportartikelindustrie (BSI) zeigt. Der Großteil der Kids lernt das Schwimmen demzufolge in Vereinen, in Bädern oder bei privaten Anbietern – mit sehr unterschiedlichen Qualitätsstandards und stark abhängig vom Wohnort und vom sozialen Status der Familie.
»Der Besuch im Schwimmbad oder der Tag am See sind für viele Kinder heutzutage schlichtweg lebensgefährlich«, fasste Profit die traurige Wahrheit zusammen. »In der Praxis scheitert Schwimmenlernen selten am Willen, sondern an fehlender Abstimmung«, erklärte Uwe Herrmann, der Vorsitzende der Deutschen Schwimmjugend. »Eltern finden Angebote nicht, Schulen sind überlastet, Vereine kämpfen mit Personal. Ein verlässlicher Rahmen würde sofort Wirkung entfalten – vor allem für Kinder.« Ihre schonungslose Analyse verbanden die Vertreter von DSV und Deutscher Lebensrettungsgesellschaft (DLRG) vor den Abgeordneten mit Vorschlägen dafür, wie es bis 2036 gelingen kann, dass wieder sämtliche Kinder nach dem Ende der Grundschule sicher schwimmen können.
Die Experten plädieren für ein »nationales Kompetenzzentrum«. Dieses gemeinsame Gremium von Bund, Ländern, Kommunen und der »Bäderallianz« mit ihren 15 Verbänden und Organisationen solle bundesweit gültige Qualitätsstandards festlegen, inklusive eines einheitlichen Rahmens für die Schwimmlehrerausbildung. Ein weiterer zentraler Baustein sei eine moderne, öffentlich nutzbare Plattform, die Ausbildungswege, Schwimmkurse und verlässliche Informationen bündelt.
»Wir dürfen Schwimmenlernen nicht länger voraussetzen, wir müssen es wieder organisieren«, mahnt der DSV-Vorstandsvorsitzende Jan Pommer eindringlich. Schulen, Vereine und Schwimmschulen könnten das ambitionierte Ziel nur erreichen, wenn alle »eng kooperieren«. Insbesondere gelte es, die Schulen zu stärken. »Es braucht einen gemeinsamen Rahmen, der die Schule entlastet und Vereine, Kommunen und weitere Lernorte verbindet. Wir brauchen nicht punktuelle Projekte, sondern ein System, das dauerhaft trägt.«
Untrennbar mit mangelhaften Schwimmfähigkeiten sei die Frage der Bäderinfrastruktur verbunden. Dort, wo Wasserflächen fehlen, werde das Schwimmenlernen notgedrungen scheitern. Das vom Bund aufgelegte und mit 250 Millionen Euro ausgestattete Programm zur Sanierung kommunaler Bäder und Schwimmhallen könne »ehrlicherweise nur ein Anfang sein«, sagte DLRG-Präsidentin Ute Vogt jüngst gegenüber jW. Der bundesweite Sanierungsbedarf bei Bädern betrage laut einer Studie der Kreditanstalt für Wiederaufbau rund acht Milliarden Euro. Was die Schwimmfähigkeit insbesondere bei den Grundschülern anbelangt, »haben wir ein riesengroßes Problem«, so Vogt. »Dem abzuhelfen braucht es dringend mehr Wasserflächen, vor allem in den Schulen oder in der Nähe von Schulen.«
links & bündig gegen rechte Bünde
Jetzt den kostenlosen jW-Newsletter abonnieren – täglich das Beste aus der Tageszeitung junge Welt, direkt in Ihr Postfach. Ihre E-Mail-Adresse wird natürlich niemals an Dritte weitergegeben.
-
Leserbrief von Rayan aus Unterschleißheim (23. Januar 2026 um 20:02 Uhr)Dass nur 25 Prozent der 11-jährigen Kids halbwegs schwimmen können, ist ja heftig. Dass die Lage schlecht ist, war ja klar, aber so mies?! Bis sich die Politheinis entsprechend auskeksen, um effektive Abhilfe zu schaffen – bzw. falls jemals überhaupt –, hätte ich einen Tipp für Eltern, die bei knappen Ressourcen etwas für die Überlebensfähigkeit ihres Nachwuchses tun möchten: Im DDR-Leistungssport, dessen Praxis ich nebenbei bemerkt aus persönlichen, sehr schlechten Erfahrungen – massiver Kindesmissbrauch durch »Übertraining«, was für viele Kids in regelrechter, beinah täglicher und insgesamt Jahre andauernder Folter ausartete – extrem kritisch sehe, gab es eine sehr nützliche, inoffizielle Disziplin: Sie ist leicht zu erlernen und birgt unter bestimmten, lebensgefährlichen Umständen immense Vorteile, da sie zwar bei weitem nicht die schnellste Art zu schwimmen, aber dafür die mit der geringst möglichen Kraftanstrengung ist. D.h. damit lassen sich bzgl. der Kraftreserven die weitesten Strecken zurücklegen. (Sie wurde damals ausschließlich im Training zum Aufwärmen und innerhalb der Trainingseinheiten für »Aktivpausen« genutzt.) Die unpoetische, damalige Bezeichnung dürfte fast selbsterklärend sein: »Rücken-Gleichschlag/Brust-Beine«. Also auf dem Rücken liegend, was die Atmung erleichtert, werden die Arme wie bei der Schmetterling-/Delphin-Disziplin benutzt und abwechselnd dazu die Beine wie beim Brustschwimmen. Durch die Rückenlage ergibt sich der einzige, i.d.R. leicht zu neutralisierende Nachteil, dass die Orientierung eingeschränkt sein kann, also ein gelegentliches Umsehen und ggf. Kurskorrekturen notwendig werden.
Mehr aus: Sport
-
Eskalation
vom 23.01.2026