Wie hoch ist bei Sportanlagen der Sanierungsbedarf?
Interview: Andreas Müller
Der Bund hat gerade ein 250 Millionen Euro umfassendes Programm zur Sanierung kommunaler Bäder und Schwimmhallen freigegeben. Wie sehr hat Sie das überrascht?
Es hat uns nicht erstaunt, eher gefreut. Gemeinsam mit dem Deutschen Schwimmverband und den weiteren der insgesamt sechzehn in der »Bäderallianz« vertretenen Organisationen haben wir gegenüber der Politik immer wieder auf die mangelnde Schwimmfähigkeit vor allem bei Grundschulkindern hingewiesen. Anscheinend hat das gefruchtet. Bis hin zur Bundespolitik scheint inzwischen eine wichtige Erkenntnis angekommen: Hier haben wir ein riesengroßes Problem. Um dem abzuhelfen, braucht es dringend mehr Wasserflächen, vor allem in den Schulen oder in der Nähe von Schulen.
Was können die 250 Millionen Euro praktisch bewirken?
Sie können nur ein Anfang sein angesichts des bundesweiten Sanierungsbedarfs bei Bädern, den eine Studie der Kreditanstalt für Wiederaufbau auf rund acht Milliarden Euro schätzt. Vor diesem Hintergrund plädiert die Bäderallianz für ein nationales Bädersanierungsprogramm, das zwölf Jahre lang jedes Jahr eine Milliarde Euro bereitstellt.
Wieviel kostet die Sanierung einer einzelnen Anlage ungefähr?
Ein Bad zu renovieren kostet mehrere Millionen Euro. Ein Neubau einen zweistelligen Millionenbetrag. Werden diese 250 Millionen auf 16 Länder umgerechnet, relativiert sich diese Summe selbstverständlich sofort. Wichtig ist vor allem das Signal: Schwimmbäder und Sporthallen werden gegenüber anderen Sportstätten von der Politik jetzt als eigenständiges Thema begriffen und behandelt. Außerdem gibt es Hoffnung, dass die Länder einiges von den 100 Milliarden Euro, die sie aus dem Infrastrukturpaket vom Bund erhalten, in ihre Bäder investieren.
Wo ist der Handlungsbedarf besonders groß?
Eindeutig in den ländlichen Gebieten, wo Kinder mitunter lange Busfahrten auf sich nehmen müssen, um ein Bad zu erreichen. Gerade auf dem Land gibt es häufig bei der Ausstattung mit Bädern große leere Flächen. Wir als DLRG wünschen uns, dass Fördermittel strukturiert ausgegeben werden, um damit möglichst große Effekte zu erzielen. Und wir wünschen uns genauere Erkenntnisse, wie sich die Situation in den einzelnen Bundesländern und Landkreisen darstellt. Das wäre die Voraussetzung, nicht nur, um Fördermittel besonders sinnvoll einzusetzen. Ein konkreter »Länderatlas« für jedes Bundesland, wie es ihn schon für Thüringen gibt, wäre ideal.
Auch im neuen Staatsministerium für Sport und Ehrenamt scheint das akute Problem bekannt. Aus dessen Sportetat wird ab dem kommenden Jahr ein Modellvorhaben »Deutschland lernt Schwimmen« mit insgesamt 20 Millionen Euro finanziert. Die jährlich fünf Millionen Euro bis 2029 werden freigegeben, sobald das Ministerium ein konkretes Konzept entwickelt hat.
Ist die DLRG in diesen Prozess involviert?
Mit unseren rund 630.000 Mitgliedern sind wir auf diesem Gebiet ja praktisch der größte Experte neben dem Schwimmverband. In einem ersten Gedankenaustausch haben wir dem Ministerium gemeinsam viele Anregungen an die Hand gegeben, wie diese Mittel in den kommenden Jahren möglichst praxisnah eingesetzt werden können. Die entsprechende Abteilung des Ministeriums wird daraus nun bis Anfang nächsten Jahres ein Konzept erarbeiten. Das wird zugleich beinhalten, wie sich das Prozedere gestaltet, wer bei wem diese Fördermittel wofür beantragen kann. Ehrlich gesagt war ein solches Modellvorhaben überhaupt nicht zu erwarten. Um so schöner, dass es gestartet wird.
Wie wäre dieses Geld gut angelegt?
Am wichtigsten ist, die vorhandenen Wasserflächen optimal zu nutzen und so viele Kinder wie möglich fürs Schwimmen zu begeistern. Denkbar wären Zuschüsse dort, wo Vereine oder Schulen sich schwertun, kommunale Bahnen für Schwimmkurse anzumieten. Vielleicht könnte man Hoteliers animieren, Bäder für den Schwimmunterricht zu öffnen. Genauso wichtig ist, genügend geeignetes Personal zu haben bzw. auszubilden. Zum Beispiel könnten Ehrenamtler der DLRG den Lehrern beim Schulschwimmen assistieren oder demnächst selbst Schwimmunterricht im Rahmen der schulischen Ganztagsbetreuung anbieten.
Die frühere SPD-Politikerin und Bundestagsabgeordnete Ute Vogt ist seit 2012 Präsidentin der Deutschen Lebensrettungsgesellschaft (DLRG)
links & bündig gegen rechte Bünde
Jetzt den kostenlosen jW-Newsletter abonnieren – täglich das Beste aus der Tageszeitung junge Welt, direkt in Ihr Postfach. Ihre E-Mail-Adresse wird natürlich niemals an Dritte weitergegeben.
-
Leserbrief von Istvan Hidy aus Stuttgart (16. Dezember 2025 um 10:18 Uhr)Nachhaltigkeit wird von der Politik seit Jahren gebetsmühlenartig beschworen. Umso heuchlerischer wirkt es, dass beim Bau zahlreicher Schwimmhallen systematisch versäumt wurde, die langfristigen Unterhalts-, Reparatur- und Erneuerungskosten realistisch einzuplanen. Es wurde gebaut, ohne Verantwortung für die Folgekosten zu übernehmen. Jeder private Bauherr weiß: Wer investiert, muss auch den dauerhaften Betrieb finanzieren können. In der öffentlichen Hand scheint diese Selbstverständlichkeit jedoch häufig außer Kraft gesetzt zu sein. Statt nachhaltiger Finanzierungsmodelle dominierten kurzfristige Prestigeprojekte und politische Symbolpolitik. Ein zentrales Problem liegt in den kommunalen Entscheidungsgremien selbst. Dort stellen nicht fachlich oder wirtschaftlich qualifizierte Akteure die Mehrheit, sondern parteipolitisch geprägte Funktionsträger und Verwaltungsbeamte ohne ausreichende betriebswirtschaftliche oder technische Expertise. Die Konsequenz sind Fehlentscheidungen, die teuer werden – für Kommunen, Vereine und letztlich für die Bürgerinnen und Bürger. Dass heute Förderprogramme aufgelegt werden müssen, um den Betrieb und die Nutzung vorhandener Schwimminfrastruktur überhaupt noch zu ermöglichen, ist kein Zukunftsprojekt, sondern die verspätete Korrektur politischer Versäumnisse der vergangenen Jahrzehnte.
Mehr aus: Sport
-
Wiedersehen in Klingenthal
vom 16.12.2025 -
Krach im Auenland
vom 16.12.2025 -
Besser sortiert
vom 16.12.2025