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Aus: Ausgabe vom 22.01.2026, Seite 15 / Betrieb & Gewerkschaft
Spitzengastronomie

Außen hui

Arbeit in Spitzenhotels ist auch in Österreich Ausnutzung und Betrug. Ein Erfahrungsbericht
Von Julia Breuer
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Nachdem ich in zwei sehr teuren und renommierten österreichischen Luxushotels im Bereich Gastronomieservice gearbeitet habe, will ich über meine Erlebnisse – auch meinen ehemaligen Kolleginnen und Kollegen zuliebe – berichten, die sich nach wie vor diesem Wahnsinn Tag für Tag ausliefern müssen.

Das erste Hotel war ein sogenanntes Boutique-Luxushotel, das andere ein international hoch angesehenes und führendes Fünfsternehotel, in dem auch mal Spitzenpolitiker nächtigen. Dort arbeitet man chronisch und absichtlich unterbesetzt. Der Stress ist permanent, und Überstunden fallen oft täglich an. Das Trinkgeld ist sehr gering. Ich habe im Dezember erlebt, wie insgesamt 50 Euro zusammenkamen. In anderen Monaten waren es 30 Euro oder gar nichts. Das sind Summen, die man in der Gastronomie normalerweise am Tag erreichen kann. Der Arbeitslohn orientiert sich am untersten Satz des Kollektivvertrages. Überwiegend arbeiten dort Menschen, die keine entsprechende Lehre oder Ausbildung absolviert haben.

Sie werden als »ungelernte Hilfskraft« eingestuft und stehen ganz unten in der Lohnhierarchie. Sehr oft finden sich unter diesen sogenannten Hilfskräften Menschen mit akademischem Hintergrund, die trotz Masterabschluss keine Arbeit finden konnten – oder Menschen mit Migrationshintergrund, die oft auch akademische Abschlüsse aus ihren Herkunftsländern mitbringen. Wirklich ausgebildete Gastronomiemitarbeiter findet man selten in diesen Betrieben, vermutlich deshalb, weil sie für den Niedriglohn hier nicht bleiben würden.

Um Personalkosten zu sparen, werden fehlende Stellen zwar ausgeschrieben, aber nicht besetzt. In meinem Bewerbungsverfahren habe ich keinerlei Lohnforderungen gestellt und war als »Hilfskraft« ohnehin die unterste Kategorie. Darum wurde ich wohl genommen. Meine Schicht begann um sechs Uhr morgens. In der ersten halben Stunde wird alles für das Frühstück vorbereitet. Oft aber stellt man fest, dass die Kolleginnen und Kollegen es nicht mehr geschafft haben, Spuren des Events vom Vorabend zu beseitigen. Oft herrscht Chaos, Besteck fehlt, Passwörter für einen Computer kennt niemand. Große Gruppen wollen essen. In dem Stress stellt man erst gegen Mittag fest, wie durstig man ist. Bis dahin habe ich fast immer ohne eigenes Frühstück und dehydriert gearbeitet. Zwei Minuten auf die Toilette zu gehen, war nur möglich, wenn genug Kolleginnen und Kollegen da waren.

Überstunden sind ein weiteres Problem. In einem Betrieb gab es für die Zeiterfassung einen elektronischen Chip. Doch die Stunden wurden nachträglich manipuliert. Nach den ersten zwei Monaten erhielt ich eine Zeitaufzeichnung, die ich während einer Schicht schnell unterschreiben sollte – was ich nicht tat, ich sah nur »24 Stunden im Minus«. Ein Fehler im Excel-Datenblatt. Korrekt waren über 30 Stunden Mehrarbeit. Wenigstens die Komm- und Gehzeiten des Chips wurden richtig aufgezeichnet. Die meisten anderen Kolleginnen und Kollegen quittierten die vorgelegten Zeiten.

Also schrieb ich meine Arbeitszeit selbst auf. Als ich kündigte und die Herausgabe der seit vielen Monaten nicht mehr erhaltenen Zeitaufzeichnungen verlangte, stellte ich fest, dass beinahe jeden Tag die Zeiten abgeändert wurden. Ein Tag, an dem ich mehr als 15 Stunden gearbeitet hatte, fehlte vollständig. In diesem Betrieb wurde ich mehrmals pro Woche gefragt, ob ich nicht am nächsten Tag früher anfangen könnte. Länger zu bleiben war der Normalzustand. Nachträglich wurden jedoch meine Komm- und Gehzeiten auf den ursprünglichen Dienstplan korrigiert. Der sah vor, dass man erst später anfängt oder bereits heimgegangen ist. Im anderen Hotel gab es keine elektronische Zeiterfassung, aber seltsame Klauseln im Dienstvertrag. Kolleginnen rieten mir von Anfang an dazu, jede Überstunde schriftlich und dann mit Foto als Beweis aufzuzeichnen. Überstunden würden gerne mal »verschwinden«, so die Warnung.

Viele, die das schon länger mitmachen, sind körperlich am Ende: Gelenkprobleme, Rückenschmerzen, ein kaputtes Handgelenk – und trotzdem müssen sie weitermachen, weil keine anderen beruflichen Chancen für sie existieren. Jeder ist jederzeit ersetzbar, egal wie engagiert man ist.

Julia Breuer (Name geändert) arbeitete innerhalb von zwei Jahren in verschiedenen österreichischen Spitzenhotels und möchte anonym bleiben

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