Weißwäscher der Kopfabschneiderbanden
Ein brüchiger, auf vier Tage befristeter Waffenstillstand in Syrien gibt den Kurden in Syrien nur eine Verschnaufpause. Denn die mit ihren islamistischen Truppen vorrückende Regierung von Damaskus fordert weiterhin die Kapitulation und Auflösung der als Rojava bekannten Autonomieregion in Nordsyrien:
»Rojava schneller weg als Grönland«, titelte die Taz am Mittwoch auf dem Titel ihres E-Papers über dem Bild einer von Islamisten gestürzten Statue einer gefallenen Anti-IS-Kämpferin in Rakka. Der syrische Präsident könne sich auf die Überhand seiner Truppen sowie die Unterstützung der USA für eine diplomatische Lösung zur Integration des Nordostens Syriens in den Rest des Landes stützen, meint Karim El-Gawhary. »Die SDF-Milizen haben aber eine wichtige Karte in der Hand: Sie können jede Entwicklung so sehr sabotieren, dass sie nicht nachhaltig ist. Das Dazwischen kann am Ende nur ausgehandelt werden«.
Syriens Präsident Ahmed Al-Scharaa habe dazugelernt, kommentiert Christoph Erhardt in der FAZ vom Dienstag, warum eine Gewaltorgie wie gegen Drusen oder Alawiten bislang ausblieb. Die Regierung setze nicht mehr allein auf rohe Gewalt, sondern flankiere ihre Militärkampagne mit politischen Zugeständnissen. Der »neue Machthaber mag der Brüderlichkeit und der Vielfalt Syriens das Wort reden. Aber Koexistenz findet nur unter einer Bedingung statt: Scharaas unangefochtener Herrschaft«.
Wo die FAZ die Taktik des früheren Al-Qaida-Anführers durchschaut, versucht sich der Spiegel am Mittwoch als Weißwäscher der Kopfabschneiderbanden. Die Realität im Nordosten Syriens kollidiere mit den durch »beharrliche Lobbyarbeit kurdischer Aktivisten und europäischer Linker erfolgreich auch in Deutschland« etablierten »PR-Versionen von bedrohten Kurden vs. einer Radikalenregierung«. Tatsächlich legen Videoaufnahmen von misshandelten und exekutierten Kurden das Gegenteil nahe: Einigen wurden die Köpfe mit dem Messer abgetrennt, wie der Tagesspiegel am Dienstag berichtete – eine Methode, wie man sie von den Verbrechen des »Islamischen Staates« kennt.
Die Schuld am drohenden Bürgerkrieg sieht der Spiegel bei der »kurdischen SDF-Miliz«, denn diese »weigerte sich seit dem Sturz der Assad-Diktatur vor 13 Monaten beharrlich«, die Bewohner von ihr kontrollierten arabischen Gebieten »ihre Regierung frei wählen zu lassen«. Dass die Übergangsregierung in Damaskus nicht gewählt wurde, sondern sich Al-Scharaa von seinen Warlords zum Präsidenten ausrufen ließ, sollte dem Hamburger »Nachrichten«-Magazin bekannt sein. (nb)
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Leserbrief von Onlineabonnent/in Gabriel Toledo aus Berlin (22. Januar 2026 um 09:49 Uhr)Was habt ihr erwartet? »Der Moor hat seine Schuldigkeit getan, der Moor kann gehen«, formulierte einer der berühmtesten Propagandisten des Bürgertums schon vor Jahrhunderten. Freiheitskämpfer von US‑Gnaden haben gegen Assad gekämpft. Der ist nun weg. Dass diese Freiheitskämpfer nun wieder Terroristen sind und die Exterroristen nun wieder Freiheitskämpfer, ist doch ein Spiel, welches schon Tausende Male veranstaltet wurde. Dass die deutsche linke Fangemeinde, anders als bei der proletarischen Besetzung des Donbas, dieses Projekt immer vorbehaltlos unterstützte, weil es so schön in ihren kleinbürgerlichen Idealismus hineinpasst, ohne sehen zu wollen, worum es wirklich geht, ist dass Traurige an der Geschichte.
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